100 Jahre IKON: Berliner Sicherheitstechnik zwischen Tradition und Digitalisierung
Berlin hat viele Industriegeschichten, doch nur wenige verbinden Feinmechanik, Fototechnik und Sicherheitstechnik über ein ganzes Jahrhundert. Die Marke IKON, heute Teil des schwedischen ASSA-ABLOY-Konzerns, hat am Berliner Produktionsstandort ihr 100-jähriges Bestehen gefeiert. Am 10. und 11. September kamen rund 250 Kunden sowie etwa 850 Beschäftigte und Familienangehörige zusammen. Neben Rückblicken auf die Geschichte der Marke ging es vor allem um eine Frage, die für die Branche zunehmend an Bedeutung gewinnt: Wie verändert sich Sicherheit, wenn mechanische Schließtechnik und digitale Zutrittskontrolle miteinander verschmelzen?
Der Berliner Standort steht dabei für eine ungewöhnliche Kontinuität. Die Geschichte reicht bis ins Jahr 1886 zurück, als Carl Paul Goerz in Berlin eine Werkstatt für optische Geräte gründete. Aus der Berliner Feinmechanik entwickelte sich später ein Unternehmen, das auch Teil der Zeiss-Ikon-Geschichte wurde. 1926 entstand durch den Zusammenschluss mehrerer Unternehmen die Zeiss Ikon AG. Aus dieser Unternehmensgeschichte ging die heutige Marke IKON hervor.
Zeiss Ikon war zunächst vor allem mit Kameras, Projektoren und optisch-feinmechanischen Produkten verbunden. Parallel entwickelte sich jedoch die Sicherheitstechnik zu einem wichtigen Geschäftsfeld. Eine entscheidende technische Entwicklung war der Profilzylinder. Der erste entsprechende deutsche Patentansatz wurde bereits 1924 angemeldet, 1928 folgte die Patenterteilung für den Profil-Schließzylinder mit Sicherheitsschloss. Die Konstruktion wurde zu einem grundlegenden Element moderner Schließtechnik und prägt die Branche bis heute.
Dass ausgerechnet Berlin zum langfristigen Produktionsstandort wurde, ist deshalb mehr als eine historische Fußnote. Die Verbindung von Präzisionsfertigung und Sicherheitstechnik ist bis heute sichtbar. In der Produktion werden mechanische Komponenten mit modernen Fertigungs- und Prüftechniken kombiniert. ASSA ABLOY beschreibt den Berliner Standort als Zentrum, an dem auch elektromechanische Systeme gefertigt werden. Bei den IKON-Zylindern spielt dabei weiterhin manuelle Präzisionsarbeit eine Rolle, während elektronische Systeme wie eCLIQ die klassische Mechanik um digitale Funktionen ergänzen.
Das Jubiläum fiel damit in eine Phase, in der sich die Sicherheitsbranche grundlegend verändert. Türen werden nicht mehr ausschließlich mit einem mechanischen Schlüssel geöffnet. Digitale Berechtigungen, elektronische Schließsysteme und zentral verwaltete Zutrittsrechte gewinnen insbesondere in großen Gebäuden, Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen an Bedeutung. Bei IKON reicht das heutige Angebot entsprechend von mechanischen und mechatronischen Schließzylindern bis zu elektronischen Systemen. Mit eCLIQ lassen sich Zutrittsberechtigungen elektronisch verwalten, während mechanische Systeme weiterhin dort eingesetzt werden, wo Robustheit, Unabhängigkeit von Stromversorgung und langfristige Nutzbarkeit entscheidend sind.
Wie eng traditionelle und digitale Sicherheit inzwischen zusammengehören, zeigte auch das Programm des ersten Jubiläumstages. Beim PARTNERSHIP-Treffen erhielten rund 250 Gäste Einblicke in die Fertigung und die aktuellen Entwicklungen des Unternehmens. Im Mittelpunkt standen neben den Perspektiven von ASSA ABLOY Fragen der IT- und physischen Sicherheit. Der IT-Sicherheitsexperte Immanuel Bär sprach in seiner Keynote über die zunehmende Verbindung beider Bereiche. Die klassische Trennung zwischen Cybersecurity und physischer Gebäudesicherheit verliert damit an Bedeutung: Ein Zutrittssystem kann heute zugleich ein mechanisches Bauteil, ein elektronisches Gerät und Teil einer digitalen Infrastruktur sein.
Auch die Langlebigkeit mechanischer Systeme bleibt dabei ein wirtschaftlicher Faktor. Für ältere IKON-Schließanlagen können nach Unternehmensangaben auch Jahrzehnte nach ihrer Installation noch Schlüssel und Schließzylinder nachbestellt werden. Das verweist auf eine Eigenschaft, die in einer zunehmend digitalisierten Sicherheitswelt nicht an Bedeutung verliert: Infrastruktur wird häufig nicht nach wenigen Jahren ersetzt, sondern über lange Zeiträume betrieben und erweitert.
Am zweiten Jubiläumstag rückten die Beschäftigten des Berliner Standorts und ihre Familien in den Mittelpunkt. Rund 388 Menschen arbeiten dort. Der Besuch des Regierenden Bürgermeisters Kai Wegner verband die Unternehmensgeschichte mit der industriepolitischen Perspektive Berlins. Wegner würdigte die hundertjährige Geschichte von IKON als Teil der Berliner Industriegeschichte und verwies zugleich auf die Bedeutung industrieller Wertschöpfung für die Stadt.
Konkreter als ein Grußwort war der Blick auf das nächste Bauprojekt. ASSA ABLOY setzte mit dem Spatenstich für ein neues Logistikzentrum ein Zeichen für die weitere Entwicklung des Standorts. Auf rund 2.700 Quadratmetern Nutzfläche sollen eine Logistikhalle, Bereiche für Wareneingang und Versand sowie zusätzliche Büroarbeitsplätze entstehen. Der Baubeginn ist für 2026 vorgesehen, die Fertigstellung für 2028. Vorgesehen ist eine stärker automatisierte Produktionslogistik, mit der Materialflüsse gebündelt und Transportwege auf dem Werksgelände verkürzt werden sollen.
Damit bekommt das Jubiläum eine wirtschaftlich konkrete Dimension. Während die Marke auf eine hundertjährige Geschichte zurückblickt, wird zugleich in die Infrastruktur des Berliner Werks investiert. Für den Industriestandort Berlin ist das nicht selbstverständlich. Produktionsflächen stehen in der Hauptstadt unter einem erheblichen Nutzungsdruck, zugleich versucht die Politik, industrielle Wertschöpfung und technologieorientierte Unternehmen in der Stadt zu halten.
Die Entwicklung von IKON zeigt dabei exemplarisch, wie sich industrielle Marken über lange Zeiträume verändern können. Aus der Feinmechanik eines Berliner Unternehmens wurde zunächst ein Hersteller optischer Geräte und Kameras, später ein Anbieter von Schließtechnik und schließlich ein Bestandteil eines weltweit tätigen Konzerns für Zugangslösungen. Die technische Grundidee hat sich dabei weniger verändert, als es auf den ersten Blick scheint: Es geht weiterhin darum, den Zugang zu einem Raum kontrollierbar zu machen. Nur die Mittel dafür sind komplexer geworden.
ASSA ABLOY ist heute mit rund 64.000 Beschäftigten weltweit tätig und erzielt nach eigenen Angaben einen Jahresumsatz von 13,8 Milliarden Euro. IKON ist innerhalb des Konzerns vor allem im deutschen Markt eine etablierte Marke für mechanische, mechatronische und elektronische Schließtechnik.
Das Berliner Jubiläum erzählt deshalb nicht nur die Geschichte einer Marke. Es erzählt auch von einer Branche, in der sich ein scheinbar einfaches Produkt wie ein Türschloss zu einem Bestandteil digitaler Sicherheitsarchitekturen entwickelt hat. Der Schlüssel kann inzwischen elektronisch sein, Berechtigungen können digital vergeben werden und Zutritte lassen sich zentral verwalten. Gleichzeitig bleibt die mechanische Präzision des Zylinders die Grundlage vieler Systeme. Gerade diese Verbindung dürfte für die kommenden Jahre entscheidend sein: Nicht die vollständige Ablösung der alten Technik durch die neue, sondern ihre Integration bestimmt die Entwicklung der Sicherheitstechnik. In Berlin wird daran seit Jahrzehnten gearbeitet. Mit dem neuen Logistikzentrum soll nun die nächste Phase dieser Geschichte beginnen.
