Merz beim Nachhaltigkeitsrat: „Klimaschutz und Wirtschaftswachstum sind zwei Seiten derselben Medaille“
Berlin. Nachhaltigkeit soll nach den Worten von Bundeskanzler Friedrich Merz zum Leitprinzip deutscher Politik werden. Bei der 25. Jahreskonferenz des Rates für Nachhaltige Entwicklung (RNE) im Berliner Radialsystem verband Merz Klimaschutz, wirtschaftliche Entwicklung, Sicherheit und Generationengerechtigkeit. Rund 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft diskutierten unter dem Motto „Zukunft gewinnen“ über die Frage, wie Deutschland im Jahr 2035 leben und wirtschaften könnte.
Merz widersprach dabei ausdrücklich der Vorstellung, Klimaschutz und wirtschaftliches Wachstum stünden zwangsläufig gegeneinander. „Klimaschutz und Wirtschaftswachstum“ seien keine unauflösbaren Gegensätze, sagte der Bundeskanzler. Märkte für grüne Zukunftstechnologien, erneuerbare Energien und Künstliche Intelligenz könnten nach seiner Darstellung zugleich wirtschaftliche Dynamik erzeugen und die Energiesouveränität Deutschlands stärken.
Der Kanzler stellte Nachhaltigkeit zugleich deutlich breiter auf. Sie sei kein einzelnes Politikfeld, sondern ein Leitprinzip, das ökologische, ökonomische und sicherheitspolitische Fragen miteinander verbinde. Dazu gehörten für ihn Investitionen in die innere und äußere Sicherheit ebenso wie Klimaschutz und Klimaanpassung. Gerade die Folgen des Klimawandels machten deutlich, dass Vorsorge inzwischen auch eine Frage der Sicherheit sei. Städte, Infrastruktur, Wasserressourcen sowie Land- und Forstwirtschaft müssten widerstandsfähiger gegen Hitze, Extremwetter und Trockenheit werden.
Dabei richtete Merz den Blick auch auf die Generationenfrage. Die junge Generation müsse ein Land übernehmen, das ihr nicht nur Wohlstand, sondern auch gute Lebensbedingungen ermögliche. „Generationengerechtigkeit, das ist Nachhaltigkeit“, sagte der Kanzler. Zugleich warnte er davor, Nachhaltigkeit auf einzelne politische Lager oder Parteien zu reduzieren.
Im Mittelpunkt der Konferenz stand die Frage, wie aus langfristigen Zukunftsbildern konkrete Politik werden kann. Das RNE-Programm nahm dafür das Jahr 2035 als Bezugspunkt. Diskutiert wurde unter anderem, wie eine nachhaltige Wirtschaft wachsen, wie sich Künstliche Intelligenz und Klimawandel auf die Arbeitswelt auswirken und wie der Staat Investitionen beschleunigen kann.
Besonders deutlich wurde der praktische Anspruch in den Zukunftslaboren. Eines beschäftigte sich mit den Energieträgern für Bereiche, die sich nicht ohne Weiteres elektrifizieren lassen, etwa die Düngemittelproduktion, Langstreckenflüge, Hochseeschifffahrt oder industrielle Hochtemperaturprozesse. Wasserstoff, Biomethan und synthetische Kraftstoffe wurden dabei nicht nur als technische Optionen diskutiert, sondern auch unter dem Gesichtspunkt neuer Abhängigkeiten, Flächenkonkurrenz und der erforderlichen Geschwindigkeit des Umbaus.
Auch die Sicherheitsausgaben wurden in einen Nachhaltigkeitsbegriff eingeordnet. Der RNE diskutierte, wie Investitionen in Verteidigung gleichzeitig Infrastruktur, gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit und Natur stärken können. Parallel ging es um die sogenannte Twin-Transition, also das gleichzeitige Wirksamwerden von Digitalisierung und Dekarbonisierung in der Arbeitswelt.
Für RNE-Vorsitzenden Prof. Dr. Gerald H. Haug geht es dabei auch um die Qualität der öffentlichen Debatte. Er betonte, die Diskussion über die Grundfragen eines nachhaltigen Zusammenlebens müsse geführt werden, ohne den jeweiligen politischen oder gesellschaftlichen Akteuren den guten Willen abzusprechen. Der Rat für Nachhaltige Entwicklung besteht seit 25 Jahren und berät die Bundesregierung zu Fragen nachhaltiger Entwicklung. Haug führt den Rat seit Februar 2026 gemeinsam mit seinem Stellvertreter Reiner Hoffmann.
Am Nachmittag rückte die wirtschaftliche Umsetzung in den Mittelpunkt. Das RNE verwies auf vorhandene Investitionsinstrumente wie Sondervermögen, Deutschlandfonds und das Infrastruktur-Zukunftsgesetz. Gleichzeitig wurde die Frage gestellt, warum Genehmigungen und die Auszahlung bewilligter Mittel weiterhin zu langsam vorankommen und wie private Investitionen stärker für nachhaltige Wachstumsfelder mobilisiert werden können.
Merz kündigte zudem einen neuen Aktionsplan der Bundesregierung an. Das Kabinett wolle am folgenden Tag den Aktionsplan „Nachhaltigkeit für ein modernes und zukunftsfähiges Deutschland“ beschließen. Die Nachhaltigkeitspolitik solle damit pragmatischer werden und stärker daran gemessen werden, ob Verbesserungen im Alltag der Menschen tatsächlich spürbar und schnell eintreten. Zu den genannten Bereichen gehören unter anderem Staatsmodernisierung, nachhaltiges Wirtschaftswachstum, soziale Gerechtigkeit, der Schutz natürlicher Lebensgrundlagen und internationale Zusammenarbeit.
Zum Abschluss der Konferenz erhielten die jüngeren Teilnehmer das Wort. Im „Generationen-Check“ zogen vier Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft Bilanz und diskutierten, welche Konsequenzen heutige Entscheidungen für kommende Generationen haben. Damit kehrte die Konferenz zu ihrer Ausgangsfrage zurück: Wie wird aus dem politischen Versprechen, Zukunft zu gewinnen, konkrete Wirklichkeit?
