Berlin tanzt wieder: Rave The Planet macht die Hauptstadt zur Techno-Bühne
300.000 Raver, 34 Musik-Trucks und ein Motto mit Botschaft: Am 15. August verwandelt „Rave The Planet“ die Straße des 17. Juni erneut in eine riesige Tanzfläche. Doch diesmal liegt über dem Berliner Techno-Spektakel auch ein ernster Schatten.
Berlin bekommt wieder seinen großen Rave-Moment. Am Samstag, 15. August, zieht „Rave The Planet“ zum fünften Mal durch die Hauptstadt. Zwischen Brandenburger Tor und Großem Stern sollen ab 14 Uhr 34 Floats mit mehr als 300 DJs und Live-Acts unterwegs sein. Die Veranstalter rechnen mit bis zu 300.000 Menschen. Ob tatsächlich so viele kommen, hängt allerdings von Wetter, Mobilität und Resonanz ab. Die Parade ist kostenlos und als Demonstration angemeldet.
Im Mittelpunkt steht in diesem Jahr ein Satz, der kaum größer sein könnte: „IMAGINE LOVE“. Dr. Motte, der Gründer der ursprünglichen Loveparade, und Tommahawk haben daraus die offizielle Hymne der Parade gemacht. Doch hinter dem etwas pathetischen Motto steckt ein politischer Anspruch. Rave The Planet will für Frieden, Vielfalt, Menschlichkeit und den Erhalt der elektronischen Musikkultur demonstrieren.
Das ist mehr als ein Vorwand für acht Stunden Techno. Die Veranstalter wollen elektronische Musik als Kulturform stärker anerkannt sehen und fordern unter anderem bessere Bedingungen für Clubs und Veranstaltungsorte. Auch der Schutz künstlerischer Kreativität angesichts künstlicher Intelligenz gehört zu den politischen Forderungen. Die Parade versteht sich damit als Nachfolgerin einer Berliner Tradition, in der Tanzen nicht nur Freizeitbeschäftigung, sondern auch Ausdruck einer gesellschaftlichen Haltung war.
Und natürlich sind die Namen Teil des Spektakels. Auf den 34 Floats stehen internationale Größen und bekannte Vertreter der Berliner Technoszene. Erwartet werden unter anderem Westbam, Maceo Plex, Nicole Moudaber, Pan-Pot, Timo Maas, Gary Beck, Juliet Fox, Nakadia, Teenage Mutants, Dr. Motte und Tommahawk.
Für die Berliner Szene ist das fünfte Jubiläum dennoch kein unbeschwertes Partywochenende. Die Parade findet nur wenige Wochen nach dem tödlichen Anschlag im Umfeld des Christopher Street Day statt. Dabei wurde am 25. Juli eine Frau getötet, mindestens 31 Menschen wurden verletzt. Die Nähe der Paradestrecke zum Ort des Anschlags macht die Sicherheitsfrage in diesem Jahr besonders präsent. Das Sicherheitskonzept wurde nach Angaben der Veranstalter gemeinsam mit den Behörden überprüft und angepasst. Die Parade soll trotzdem stattfinden.
Der Auftakt wird deshalb ungewöhnlich still. Die Veranstalter planen eine Schweigeminute für die Opfer des Anschlags. Anschließend sollen Vertreterinnen des Berliner CSD, des Karnevals der Kulturen und von Rave The Planet gemeinsam für eine offene Gesellschaft sprechen. Erst danach setzt der Bass ein.
Die Mischung aus Gedenken und ausgelassener Feier dürfte eines der prägendsten Bilder dieses Rave-Tages werden. Denn „Rave The Planet“ will beides sein: Demonstration und Massenereignis, politische Kundgebung und Musikfestival. Die Grenzen verschwimmen bewusst.
Auch für Besucher gibt es einige Besonderheiten. Entlang der Strecke werden Sicherheits-, Awareness- und Sanitätsteams eingesetzt. Auf der Demonstrationsstrecke gilt ein grundsätzliches Glasverbot. Die Veranstalter empfehlen wiederbefüllbare, bruchsichere Trinkflaschen. Die zentrale Bühne am Großen Stern, wie sie viele noch aus den alten Loveparade-Jahren kennen, wird es nicht geben. Stattdessen sind die Floats selbst die mobilen Bühnen.
Und wer nach acht Stunden Techno noch nicht genug hat, muss nicht nach Hause. Zum fünfjährigen Jubiläum gibt es erstmals eine offizielle Afterparty. Ab 23 Uhr geht es in der Columbiahalle weiter. Dort stehen unter anderem DJ Rush, Dr. Motte, Nakadia, Teenage Mutants und Tommahawk am DJ-Pult. Kay Barton übernimmt den Auftakt. Die Party soll bis 5 Uhr morgens dauern.
Damit wird aus dem Rave einen ganzen Tag lang ein Berliner Ausnahmezustand. Erst die Trucks auf der Straße des 17. Juni, dann die Nacht in der Columbiahalle. Die Veranstalter versuchen erstmals, die Energie der Parade unmittelbar in einen Clubabend zu verlängern.
Auch die mediale Bühne wird größer. Der rbb begleitet die Parade live, während Rave The Planet erstmals ein eigenes internationales Worldfeed produzieren will. Wer nicht in Berlin sein kann, soll das Geschehen damit ebenfalls verfolgen können.
Die Geschichte dahinter ist mindestens so interessant wie die Musik. Vor mehr als drei Jahrzehnten begann die Loveparade als kleine Demonstration auf dem Berliner Kurfürstendamm. Aus wenigen Hundert Teilnehmern wurde ein globales Phänomen. Die Veranstaltung wurde immer größer, kommerzieller und internationaler, bis sie 2010 in Duisburg tragisch endete. 21 Menschen starben bei der Katastrophe. Rave The Planet versucht seit 2022, den politischen und kulturellen Kern dieser Bewegung neu zu interpretieren.
2026 ist deshalb ein symbolisches Jahr. Zwei Jahrzehnte nach dem Ende der Berliner Loveparade steht eine neue Generation auf der Straße. Viele werden die ursprüngliche Loveparade nur aus Bildern kennen. Für sie ist Rave The Planet kein Revival, sondern ein eigenes Berliner Großereignis.
Und Berlin wird an diesem Samstag genau beobachten, was daraus geworden ist: eine Demonstration mit 34 rollenden Bühnen, ein internationales Techno-Treffen, ein politisches Statement und vielleicht wieder jene besondere Berliner Mischung aus Freiheit, Exzess und Gemeinschaft.
Wenn am Abend die letzten Floats die Straße des 17. Juni verlassen, ist der Rave allerdings noch lange nicht vorbei. In der Columbiahalle beginnt um 23 Uhr die nächste Runde. Berlin tanzt weiter.
