65 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen: Eine Geschichte, die längst weitergeht
Vor 65 Jahren unterzeichneten Deutschland und die Türkei das Anwerbeabkommen, das eine der prägendsten Migrationsbewegungen der deutschen Nachkriegsgeschichte einleitete. Was damals als zeitlich begrenzte Anwerbung von Arbeitskräften gedacht war, hat Deutschland nachhaltig verändert. Am 1. Oktober wurde in Berlin darüber gesprochen, was aus dieser Geschichte entstanden ist und welche Fragen die kommenden Generationen beschäftigen werden. Unter dem Titel „What We Built Together, What We Build Next“ lud die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit zu einem Abend mit Ausstellung, Dokumentarfilm und Podiumsdiskussion ein.
Den Auftakt bildete eine interaktive Ausstellung des Politikwissenschaftlers und Migrationsforschers Assoc. Prof. Dr. M. Murat Erdogan und des Berliner Karikaturisten und Autors Bernd Pohlenz. Unter dem Titel „65 Jahre, 65 Karikaturen“ setzte die Ausstellung auf einen ungewöhnlichen Zugang zur deutsch-türkischen Geschichte. Erdogan, der seit Mai 2026 das TEPAV-Forschungszentrum für Migration und Diaspora leitet, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit türkischer Migration nach Deutschland und den deutsch-türkischen Beziehungen. Die Ausstellung wurde in Berlin erstmals öffentlich präsentiert.
Dr. Maren Jasper-Winter, Mitglied im Vorstand der Friedrich-Naumann-Stiftung, begrüßte die Gäste und verwies auf die persönlichen Geschichten hinter 65 Jahren Migration. Ein eigens gezeigter Dokumentarfilm erinnerte an die Männer und Frauen, die aus der Türkei nach Deutschland kamen, hier arbeiteten und Familien gründeten. Für Jasper-Winter steht diese Geschichte zugleich für sozialen Aufstieg. Entscheidend sei nicht, woher ein Mensch komme, sondern wohin er wolle. Bildungspolitik und wirtschaftliche Möglichkeiten seien deshalb zentrale Voraussetzungen dafür, dass Kinder und Enkel der ersten Generation ihren eigenen Weg gehen könnten.
Eine der Karikaturen, die im Laufe des Abends besonders ausführlich diskutiert wurde, zeigt einen Mann im Anzug, der sich die Augen zuhält. Im Hintergrund sind unter anderem Moscheen zu sehen, darüber steht der Satz: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland.“ Ein weiterer Cartoon thematisiert den Widerspruch zwischen dem Bedarf an Arbeitskräften und der gleichzeitig geführten Debatte über Abschiebung.
Gerade diese Widersprüche standen im Mittelpunkt der anschließenden Diskussion. Dr. Suat Özkan, Generalsekretär der Türkischen Gemeinde zu Berlin, vertrat dabei Gülsah Wilke auf dem Podium. Gemeinsam mit Dr. med. Batuhan Temiz, Radiologe am Bundeswehrkrankenhaus Berlin, und Dr. Zeynep Yanaşmayan vom Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung wurde darüber gesprochen, wie sich die deutsch-türkische Gesellschaft in sechs Jahrzehnten verändert hat und welche Aufgaben vor ihr liegen. Moderiert wurde das Gespräch von dem Journalisten und Moderator Dr. Erkan Arikan.
Özkan richtete den Blick auf die Entwicklung der türkischstämmigen Bevölkerung in Deutschland. Aus den einst als „Gastarbeiter“ bezeichneten Menschen seien längst Familien geworden, deren Kinder und Enkel in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Die Begriffe hätten sich verändert, ebenso die Lebensrealität. Migration lasse sich heute nicht mehr ausschließlich über die Arbeitswelt erklären. Türkischstämmige Menschen seien in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen vertreten und gehörten zur deutschen Gegenwart.
Zugleich warnte Özkan davor, Zuwanderung lediglich aus der Perspektive des Arbeitsmarktes zu betrachten. Deutschland brauche zwar Arbeitskräfte, etwa in der Pflege. Doch hinter jedem Arbeitnehmer stehe auch ein Mensch mit einer eigenen Geschichte, einer Familie, einer Sprache und einer kulturellen Identität. Gerade mit Blick auf eine alternde Gesellschaft müsse die Frage gestellt werden, wie Menschen unabhängig von ihrer Herkunft ein Leben in Würde ermöglichen und gesellschaftlich dazugehören können.
Auch Batuhan Temiz sprach über den Wandel aus persönlicher Perspektive. Er berichtete, dass er der erste Hochschulabsolvent seiner Familie sei. Heute arbeitet er als Arzt und Offizier der Bundeswehr in der Radiologie des Bundeswehrkrankenhauses Berlin. Seine Biografie steht damit für einen Bildungs- und Berufsaufstieg, der für die erste Generation der türkischen Einwanderer keineswegs selbstverständlich war.
Temiz machte jedoch deutlich, dass einzelne Erfolgsgeschichten nicht darüber hinwegtäuschen dürfen, dass die Voraussetzungen für Aufstieg weiterhin unterschiedlich sind. Wer etwa Schulen in Kreuzberg, Neukölln oder Spandau betrachte, sehe Unterschiede bei Ausstattung, Klassengrößen und der Zahl verfügbarer Lehrkräfte. Auch die familiären Voraussetzungen seien sehr verschieden. Wenn Eltern ihre Kinder sprachlich und schulisch nur eingeschränkt unterstützen könnten, seien gleiche Bildungschancen nicht automatisch gegeben.
Besonders eindringlich schilderte Temiz die Erfahrungen seiner Familie und die Geschichte der ersten Generation. Die Menschen, die damals aus der Türkei nach Deutschland kamen, seien nicht mit offenen Armen empfangen worden. Sie wurden vielfach auf ihre Arbeitskraft reduziert und mussten Tätigkeiten übernehmen, für die sich Teile der Mehrheitsgesellschaft nicht mehr interessierten. Zugleich hätten sie mit Ausgrenzung und Rassismus zu kämpfen gehabt.
Temiz verwies dabei auch auf Erfahrungen innerhalb seiner Familie. In der Schule seien rassistische und rechtsextreme Schmierereien aufgetaucht. Solche Erlebnisse gehörten zur Realität der Generation seiner Eltern und Großeltern. Gleichzeitig sei es wichtig, nicht ausschließlich auf die Konflikte der Vergangenheit zu schauen. Deutschland habe sich verändert, und viele Barrieren seien geringer geworden. Die Frage sei deshalb auch, was die nachfolgenden Generationen aus dieser Entwicklung machten.
Ein zentraler Punkt der Diskussion war die Bedeutung von Zugehörigkeit. Die erste Generation habe Deutschland nicht nur Arbeitskraft, sondern auch Sprache, Kultur, Familiengeschichten und neue Perspektiven gebracht. Was lange als etwas Fremdes betrachtet worden sei, sei heute Teil der gesellschaftlichen Vielfalt Deutschlands.
Yanaşmayan brachte die wissenschaftliche Perspektive der Migrationsforschung in die Diskussion ein. Im Zentrum steht dabei längst nicht mehr nur die Frage, wie Menschen nach Deutschland kommen. Untersucht wird auch, wie sich Migration über Generationen hinweg auf Gesellschaft, Identität, Bildung und soziale Teilhabe auswirkt.
Die Debatte zeigte dabei ein Spannungsfeld, das 65 Jahre nach dem Anwerbeabkommen noch immer besteht: Auf der einen Seite stehen bemerkenswerte Bildungs- und Aufstiegsgeschichten, auf der anderen Seite soziale Ungleichheiten und Erfahrungen mit Diskriminierung. Beides gehört zur Geschichte der deutsch-türkischen Einwanderung.
Der Abend machte zugleich deutlich, dass die Geschichte des Anwerbeabkommens längst keine Geschichte mehr ist, die ausschließlich die erste Generation betrifft. Die Kinder und Enkel der damaligen Arbeitsmigranten gestalten Deutschland heute selbst mit, als Ärzte, Unternehmer, Wissenschaftler, Kulturschaffende, Beamte oder politisch engagierte Bürger.
Damit verschiebt sich auch die Perspektive. Nach 65 Jahren geht es nicht mehr allein darum, wie Deutschland die Menschen aufgenommen hat, die einst aus der Türkei kamen. Es geht vielmehr darum, wie die Gesellschaft gemeinsam weiterentwickelt wird. „What We Built Together, What We Build Next“ war deshalb mehr als der Titel des Panels. Er beschrieb zugleich den Wandel einer Geschichte, die mit einem Arbeitskräfteabkommen begann und längst zu einem festen Bestandteil der deutschen Gesellschaft geworden ist.
