70 Jahre dti: Die Tiefkühlwirtschaft tritt aus dem Schatten
Sie ist in nahezu jedem Haushalt präsent, versorgt Kantinen, Restaurants und Krankenhäuser, sichert Erntefrische über Monate hinweg und bewegt jährlich Millionen Tonnen Lebensmittel. Dennoch bleibt die deutsche Tiefkühlwirtschaft als eigenständiger Wirtschaftszweig für viele Verbraucher ebenso unsichtbar wie für große Teile der politischen Öffentlichkeit. Zum 70-jährigen Bestehen des Deutschen Tiefkühlinstituts (dti) nutzte die Branche ihr Jubiläum deshalb nicht nur für einen Rückblick, sondern vor allem für eine Standortbestimmung und einen Blick nach vorn.
Als sich 1956 Vertreter aus Fischwirtschaft, Lebensmittelindustrie, Handel und Logistik zur Gründung einer gemeinsamen Organisation zusammenschlossen, stand der Aufbau einer funktionierenden Tiefkühlkette in Deutschland noch am Anfang. Die damaligen Pioniere erkannten früh, dass eine moderne Versorgung mit tiefgekühlten Lebensmitteln nur gelingen konnte, wenn Produktion, Transport, Lagerung und Vertrieb gemeinsam gedacht werden. Aus dieser Idee entstand das Deutsche Tiefkühlinstitut, das bis heute als Plattform für die gesamte Wertschöpfungskette fungiert.
Sieben Jahrzehnte später hat sich die Branche zu einem bedeutenden Pfeiler der deutschen Ernährungswirtschaft entwickelt. Nach aktuellen Zahlen erreichte der Absatz tiefgekühlter Lebensmittel 2025 mit 4,24 Millionen Tonnen einen neuen Höchststand. Der Umsatz stieg auf 23,6 Milliarden Euro, der Pro-Kopf-Verbrauch kletterte auf den Rekordwert von 51,6 Kilogramm. Damit zählt die Tiefkühlwirtschaft inzwischen zu den vier größten Teilbranchen der deutschen Ernährungsindustrie. Rund 150.000 Menschen arbeiten direkt oder indirekt in diesem Wirtschaftsbereich.
Auf der Jubiläumsveranstaltung betonten dti-Vorstandsvorsitzender Simon J. Morris und dti-Geschäftsführerin Dr. Sabine Eichner die besondere Rolle der Branche für die Versorgungssicherheit. Was die Unternehmen verbinde, sei nicht allein ein Produktsegment, sondern ein weltweit einheitlicher Temperaturstandard von minus 18 Grad Celsius. Dieser Standard ermögliche eine globale Lieferkette, die landwirtschaftliche Erzeugung, industrielle Verarbeitung, Logistik, Handel und Gastronomie miteinander verknüpft. Tiefkühlprodukte seien längst nicht mehr nur Bequemlichkeitsprodukte, sondern ein integraler Bestandteil moderner Ernährungssysteme.
Zugleich verwiesen beide auf ein strukturelles Paradox: Obwohl Tiefkühlprodukte nahezu überall verfügbar seien und die Branche wirtschaftlich kontinuierlich wachse, fehle ihr häufig die öffentliche Wahrnehmung. Um diese Lücke zu schließen, stellte das dti erstmals ein umfassendes Branchenporträt vor. Die Studie „–18 Grad. Die Tiefkühlwirtschaft in Deutschland“ erfasst die Branche systematisch und beschreibt ihre wirtschaftliche Bedeutung, ihre Unternehmensstrukturen sowie ihre Herausforderungen. Sie basiert auf der Auswertung von 186 Unternehmen und ergänzt statistische Daten durch Experteninterviews aus Handel, Gastronomie, Logistik, Nachhaltigkeit und Kältetechnik.
Die Ergebnisse zeigen eine Branche, die sich in den vergangenen Jahren bemerkenswert robust entwickelt hat. Zwischen 2015 und 2024 stieg der nominale Inlandsumsatz um rund 70 Prozent. Auch preisbereinigt verzeichnete die Tiefkühlwirtschaft ein deutliches Wachstum, während die Ernährungsindustrie insgesamt real Rückgänge hinnehmen musste. Besonders bemerkenswert ist die Struktur der Unternehmen: Fast die Hälfte befindet sich in Familienbesitz, gleichzeitig prägen kapitalintensive Produktionsanlagen, moderne Kältetechnik und international verflochtene Lieferketten das Bild.
In seinem Grußwort würdigte Bundesernährungsminister Alois Rainer die Branche als verlässlichen Partner für Politik und Gesellschaft. Gerade in Zeiten steigender Energiepreise, wirtschaftlicher Unsicherheit und wachsender Anforderungen an Nachhaltigkeit zeige sich die Bedeutung der Tiefkühlwirtschaft. Sie ermögliche eine langfristige Verfügbarkeit von Lebensmitteln, reduziere Verluste entlang der Lieferkette und unterstütze effiziente Produktions- und Versorgungsstrukturen. Die Unternehmen verfügten über Erfahrung, technisches Know-how und einen realistischen Blick auf die praktischen Herausforderungen der Transformation.
Tatsächlich stehen die Betriebe vor erheblichen Aufgaben. Die Energieintensität der Produktion, volatile Rohstoffmärkte, Fachkräftemangel und die Anforderungen der digitalen sowie ökologischen Transformation prägen die strategischen Entscheidungen vieler Unternehmen. Gleichzeitig investiert die Branche massiv in Automatisierung, Energieeffizienz und nachhaltige Prozesse. Investitionssummen im zwei- bis dreistelligen Millionenbereich sind dabei keine Seltenheit.
Vor diesem Hintergrund war die Jubiläumsveranstaltung weniger eine Feier der Vergangenheit als vielmehr ein Appell zur Zusammenarbeit. Morris und Eichner warben für mehr Geschlossenheit innerhalb der Branche und für ein stärkeres gemeinsames Auftreten gegenüber Politik und Öffentlichkeit. Das neue Branchenporträt soll dabei als Grundlage dienen, um faktenbasiert über die wirtschaftliche Bedeutung, die Innovationskraft und die gesellschaftliche Funktion der Tiefkühlwirtschaft zu informieren.
Siebzig Jahre nach ihrer Gründung präsentiert sich die deutsche Tiefkühlwirtschaft damit als ein Wirtschaftszweig, der zwar selten im Mittelpunkt öffentlicher Debatten steht, dessen Bedeutung für Versorgungssicherheit, Wertschöpfung und moderne Ernährungssysteme jedoch stetig wächst. Die Branche hat gelernt, dass ihr wichtigster Rohstoff nicht allein die Kälte ist. Es ist die Fähigkeit, unterschiedliche Akteure entlang einer komplexen Lieferkette dauerhaft miteinander zu verbinden.