75 Jahre DOG Berlin: Olympia soll mehr sein als ein Sportereignis
Zum 75-jährigen Bestehen der Deutschen Olympischen Gesellschaft Berlin ist im Olympiapark erneut die Frage in den Mittelpunkt gerückt, was Olympische und Paralympische Spiele der Hauptstadt bringen könnten. Bei der Jubiläumsveranstaltung in der VILLA im Olympiapark wurde dabei deutlich: Die Berliner Bewerbung versteht sich längst nicht mehr nur als Versuch, ein internationales Großereignis nach Deutschland zu holen. Sie wird zunehmend mit der Hoffnung verbunden, die seit Jahren vernachlässigte Sportinfrastruktur zu erneuern und den Breiten- und Nachwuchssport zu stärken. Die Deutsche Olympische Gesellschaft Berlin, gegründet am 29. Mai 1951, verbindet ihr Jubiläum deshalb ausdrücklich mit der aktuellen Olympiadiskussion. Ihr Präsident Christopher Krähnert verwies auf die historische Aufgabe der Organisation, die Werte des Sports zu fördern und zugleich Kinder und Jugendliche für Bewegung zu begeistern. Olympia könne dafür einen zusätzlichen Impuls geben. Im Mittelpunkt des Abends stand allerdings weniger die Symbolik des Jubiläums als die konkrete Frage, welchen nachhaltigen Nutzen eine Bewerbung für die Stadtgesellschaft haben könnte. Auf dem Podium diskutierten unter anderem die frühere Olympiasiegerin Heike Drechsler, DOG-Präsident Christopher Krähnert und der ehrenamtliche Olympiabeauftragte der Hauptstadt, Kaweh Niroomand. Aus Sicht der Athletinnen und Athleten liegt ein möglicher Vorteil vor allem in der unmittelbaren Wirkung eines Heimspiels. Die Boxerin Nina, die ihre Laufbahn vom Amateur- zum Profisport verfolgt hat, schilderte, welchen Einfluss olympische Erfolge auf die Entwicklung einer Sportart haben können. Als Beispiel nannte sie den ersten olympischen Frauenboxwettbewerb 2012 und die irische Olympiasiegerin Katie Taylor. Deren Erfolg habe wesentlich dazu beigetragen, Frauenboxen sichtbarer und gesellschaftlich akzeptierter zu machen. Eine Olympiabewerbung könne deshalb nicht nur für Spitzensportler Bedeutung haben. Vorbilder vor Ort, internationale Wettbewerbe und eine stärkere öffentliche Aufmerksamkeit könnten insbesondere für Kinder und Jugendliche eine zusätzliche Motivation sein. Voraussetzung sei allerdings, dass die Bevölkerung nicht lediglich Zuschauer eines solchen Projekts werde. Die Diskussion um Olympia müsse transparent geführt werden und die Menschen müssten erkennen können, welchen konkreten Nutzen die Spiele für ihren Alltag hätten. Dazu gehören nach Ansicht der Befürworter vor allem bessere Sportstätten, Schwimmbäder und Angebote für den Vereinssport. Genau hier setzt das Konzept BERLIN+ an, mit dem sich Berlin gemeinsam mit Brandenburg, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern um die Olympischen und Paralympischen Spiele 2036, 2040 oder 2044 bewirbt. Das Konzept sieht vor, einen großen Teil der vorhandenen Infrastruktur zu nutzen und Investitionen dort vorzunehmen, wo sie auch nach den Spielen Bestand haben sollen. Nach Angaben der Berliner Bewerbung sind 97 Prozent der benötigten Sportstätten bereits vorhanden. Die politische Grundlage dafür wurde im Mai geschaffen, als das Berliner Abgeordnetenhaus mit einer Zweidrittelmehrheit für die Bewerbung stimmte. Verbunden wurde der Beschluss mit Forderungen nach einer besseren Förderung des Sports, der Sanierung und dem Neubau von Sportstätten und Schwimmbädern sowie einem Fonds für den Breitensport. Damit berührt die Olympiabewerbung einen Konflikt, der über die Frage nach einem internationalen Sportereignis hinausgeht. Berlin hat einen erheblichen Sanierungsbedarf bei seinen Sportanlagen. Befürworter argumentieren, die Bewerbung könne Investitionen beschleunigen und langfristig eine Modernisierung ermöglichen. Kritiker halten dagegen, dass funktionierende Sportstätten nicht von einer erfolgreichen Olympia-Bewerbung abhängig gemacht werden dürften. Die Debatte wird damit auch zu einer Frage staatlicher Prioritäten und kommunaler Infrastrukturpolitik. Entscheidend wird zunächst jedoch nicht Berlin selbst sein, sondern der Deutsche Olympische Sportbund. Neben Berlin sind KölnRheinRuhr und München im nationalen Auswahlverfahren verblieben. Hamburg schied nach einem negativen Bürgerentscheid aus. Die drei verbliebenen Bewerber haben ihre finalen Konzepte im Juni beim DOSB eingereicht. Diese werden anhand einer gemeinsam mit dem Bund entwickelten Bewertungsmatrix geprüft. Dabei geht es unter anderem um internationale Wettbewerbsfähigkeit, sportfachliche und operative Eignung, gesellschaftliche Akzeptanz sowie Kosten und Finanzierung. Am 26. September soll die außerordentliche Mitgliederversammlung des DOSB in Baden-Baden entscheiden, welcher deutsche Bewerber in den internationalen Auswahlprozess geschickt wird. Stimmberechtigt sind die olympischen Spitzenverbände, persönliche Mitglieder und das DOSB-Präsidium. Für Berlin geht es damit in den kommenden Wochen um mehr als einen sportpolitischen Prestigegewinn. Die Bewerbung muss beweisen, dass sie einen nachvollziehbaren Mehrwert für die Stadt erzeugen kann, unabhängig davon, ob am Ende tatsächlich olympische Flammen in der Hauptstadt brennen. Genau darin liegt eine der zentralen politischen Fragen von BERLIN+: Kann ein Großprojekt, das Milliardeninvestitionen und internationale Aufmerksamkeit verspricht, zugleich die alltäglichen Probleme des Sports lösen helfen? Die Berliner Bewerbung versucht diese Verbindung ausdrücklich herzustellen. Ihr Konzept setzt auf vorhandene Anlagen, kurze Wege und eine stärkere Verankerung der Spiele im öffentlichen Raum. Vorgesehen ist unter anderem ein „Olympischer Parcours“, der vom Olympiastadion über das Zentrum bis zum Tempelhofer Feld führen soll und Sport, Kultur und Begegnung miteinander verbindet. Die Jubiläumsveranstaltung der DOG Berlin machte damit sichtbar, worum es in der gegenwärtigen Berliner Olympiadiskussion tatsächlich geht. Nicht allein um Medaillen, Stadien und internationale Wettbewerbe, sondern um die Frage, welchen Stellenwert Sport in einer wachsenden und gesellschaftlich vielfältigen Stadt künftig haben soll. Die Hoffnung der Befürworter ist, dass ein olympisches Projekt Kräfte bündelt, Investitionen auslöst und insbesondere dem Nachwuchs bessere Bedingungen verschafft. Ob diese Rechnung aufgeht, wird sich zunächst in Baden-Baden entscheiden. Danach müsste Berlin zeigen, dass die angekündigte Wirkung nicht erst mit der Eröffnungsfeier beginnt, sondern bereits lange vorher im Verein, in der Schule, im Schwimmbad und auf dem Sportplatz spürbar wird.
