In Berlin ist der Prix de l’Académie de Berlin 2025 an den deutsch-französischen Publizisten und Politiker Daniel Cohn-Bendit verliehen worden. In der Akademie der Künste am Pariser Platz würdigte die Académie sein jahrzehntelanges Engagement für den europäischen Dialog und die Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich. Die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung wird jährlich an Persönlichkeiten vergeben, die auf außergewöhnliche Weise zur Vertiefung der bilateralen Beziehungen beitragen. Mit Cohn-Bendit erhält eine Figur den Preis, deren politisches und publizistisches Wirken historisch eng mit den Debatten um Demokratie, Partizipation und europäische Integration verbunden ist. Die Jury bezeichnete ihn als Symbol einer bürgernahen, aufgeklärten Politik, geprägt von Beharrlichkeit, intellektueller Unabhängigkeit und persönlicher Glaubwürdigkeit.

Cohn-Bendit, 1945 im französischen Montauban geboren, wurde 1968 als Wortführer der Pariser Studentenbewegung bekannt. Nach seiner Ausweisung aus Frankreich fand er in Frankfurt am Main eine neue Wirkungsstätte, wo er das alternative Magazin „Pflasterstrand“ gründete und ab 1989 als Stadtrat für Multikulturelle Angelegenheiten arbeitete. Es folgten zwei Jahrzehnte im Europäischen Parlament, für das er abwechselnd in Deutschland und Frankreich kandidierte und weit über parteipolitische Grenzen hinweg als europäischer Vordenker wahrgenommen wurde. Zu seinen zuletzt erschienenen Publikationen zählen die 2018 veröffentlichte Autobiografie „Sous les crampons la plage“, sowie die 2025 gemeinsam mit Claus Leggewie herausgegebene Analyse „Zurück zur Wirklichkeit“ und das Erinnerungsbuch „Souvenirs d’un apatride“, verfasst mit Marion Van Renterghem.

Die Preisverleihung war von einem kulturellen Rahmenprogramm begleitet. Nach der Begrüßung durch Ulrich Wickert erklangen Teile aus dem Duo KV 423 von Wolfgang Amadeus Mozart, vorgetragen von Andrea Rognoni und Pablo de Pedro vom Balthasar-Neumann-Orchester; die Schauspielerin Sandra Bourdonnec rezitierte Paul Éluards Gedicht „Liberté“, ein Text, der mit seiner poetischen Beschwörung individueller und kollektiver Freiheit stilistisch wie historisch auf die biografischen Wegmarken des Geehrten verweist. Die Laudatio hielt der Publizist und SZ-Autor Nils Minkmar, der Cohn-Bendits Fähigkeit hervorhob, Konflikte nicht zu scheuen und politische Auseinandersetzung als demokratischen Kernwert zu verteidigen. Anschließend diskutierte Cohn-Bendit gemeinsam mit dem Regisseur Volker Schlöndorff über die Zukunft Europas und die Notwendigkeit eines erneuerten öffentlichen Diskurses.

Die Académie de Berlin wurde 2006 gegründet, um den intellektuellen Austausch zwischen beiden Ländern zu fördern und dabei die Tradition der Aufklärung im Sinne Voltaires weiterzutragen. Zu ihren früheren Preisträgern gehören unter anderem Stéphane Hessel, Annie Ernaux, Yasmina Reza und Didier Eribon. Mit der Wahl Cohn-Bendits setzt die Institution ein bewusst politisches Zeichen: In einer Zeit wachsender gesellschaftlicher Polarisierung und geopolitischer Verwerfungen rückt sie die Bedeutung der deutsch-französischen Partnerschaft als kulturelle wie demokratische Ressource ins Zentrum. Die Auszeichnung erinnert daran, dass Europa nicht nur ein politisches Projekt, sondern eine kulturelle Errungenschaft bleibt – getragen von Menschen, die Grenzen nicht als Trennlinie, sondern als Anstoß zur Verständigung begreifen.

Von admin