Berlin schickt so viele Wintersportlerinnen und Wintersportler zu Olympischen und Paralympischen Spielen wie nie zuvor. Wenn sich im Februar und März 2026 in Mailand und Cortina d’Ampezzo die internationale Wintersportelite trifft, werden 19 Athletinnen und Athleten aus der deutschen Hauptstadt dabei sein. Ein Rekord, der mehr ist als eine Zahl. Er erzählt von langfristigem Aufbau, von gewachsenen Strukturen und von einer Stadt, die sich zunehmend auch im Wintersport behauptet, obwohl Schnee und Eis hier keine Selbstverständlichkeit sind.

Auffällig ist die Breite des Berliner Aufgebots. Eiskunstlauf, Eishockey, Eisschnelllauf und erstmals auch Para Eishockey sind vertreten. Elf Frauen und acht Männer gehen für Berlin an den Start. Für 15 von ihnen sind es die ersten Spiele, vier bringen olympische Erfahrung mit. Einer von ihnen ist Jonas Müller, Verteidiger der Eisbären Berlin, der 2018 in Pyeongchang überraschend Silber gewann und nun zum dritten Mal olympische Luft schnuppert. Mit 30 Jahren gehört er zu den Routiniers im Team und spricht weniger über Medaillen als über Atmosphäre. Nach zwei Winterspielen in Asien erwartet er in Italien lautere Hallen, kürzere Wege für Familie und Fans und ein Turnier, das durch die Teilnahme der NHL Spieler sportlich noch einmal an Schärfe gewinnt.

Während im Eishockey die Erfahrung einzelner eine Rolle spielt, steht im Eiskunstlauf eher die Konstanz im Vordergrund. Minerva Hase und Nikita Volodin reisen als amtierende Vize Europameister nach Mailand. Trotz kleiner Fehler bei der EM in Sheffield gelten sie weiterhin als eines der stärksten Paare im internationalen Feld. Erwartungsdruck, so betonen sie, sei vor allem etwas von außen. Entscheidend sei, im Training Stabilität zu gewinnen und im Wettkampf bei sich zu bleiben. Ähnlich nüchtern blickt das zweite Berliner Paar Annika Hocke und Robert Kunkel auf die Spiele. Sie trainieren seit Jahren in Bergamo, also unweit der olympischen Wettkampfstätten. Für sie werden die Spiele auch ein Auftritt vor Familie und Freunden, viele von ihnen sehen das Paar erstmals live bei einem großen Wettkampf. Nach einer verletzungsbedingten Zwangspause im Sommer wirkt der vierte Platz bei der Europameisterschaft wie ein leiser Beleg dafür, dass der Weg rechtzeitig wieder nach oben führt.

Im Frauen Eishockey steht weniger individuelle Prominenz im Mittelpunkt als der Generationenwechsel. Mit Laura Kluge, Mathilda Heine, Franziska Feldmeier und Celina Haider kommen gleich vier Berlinerinnen zum Einsatz. Die Spannweite reicht von der 30 jährigen Kluge, die seit Jahren zum Kern der Nationalmannschaft gehört, bis zur 16 jährigen Heine, für die Mailand der erste große internationale Höhepunkt ist. Gemeinsam ist ihnen ein nüchterner Blick auf die Aufgabe. Die Vorrunde mit Schweden, Japan, Frankreich und Gastgeber Italien gilt als anspruchsvoll, aber nicht aussichtslos. Entscheidend werde sein, als Team zu funktionieren und die wenigen Chancen konsequent zu nutzen.

Ein stilles Rückgrat des Berliner Wintersports bleibt der Eisschnelllauf. Die Halle im Sportforum Hohenschönhausen, seit vier Jahrzehnten Trainingsstätte, bringt auch für Mailand wieder ein halbes Dutzend Athletinnen und Athleten hervor. Besonders im Fokus steht die Teamverfolgung der Frauen. Josie Hofmann, Josephine Schlörb und Lea Sophie Scholz haben im vergangenen Herbst einen 20 Jahre alten deutschen Rekord verbessert. Die Ansage ist vorsichtig, aber selbstbewusst. Wenn Rhythmus und Timing stimmen, sei eine Platzierung im erweiterten Spitzenfeld realistisch. Dass Berlin hier regelmäßig Talente hervorbringt, verweist auf die Nachhaltigkeit der Strukturen, nicht auf kurzfristige Erfolge.

Historisch ist schließlich die Teilnahme von Leopold Reimann. Der Para Eishockeyspieler ist der erste Berliner, der an Winter Paralympics teilnimmt. Schon seine Nominierung markiert einen Einschnitt, doch auch sportlich reist das deutsche Team nicht nur zum Dabeisein an. Nach 20 Jahren Abwesenheit von den Paralympics zählt allein die Qualifikation zu den stärksten Erfolgen der vergangenen Jahre. In der Gruppe mit China, den USA und Italien wird jeder Punkt hart erkämpft sein. Reimann spricht von Respekt vor der Aufgabe, aber auch von dem Anspruch, in jedem Spiel konkurrenzfähig zu sein.

Das Berliner Team für Mailand steht damit weniger für eine einzelne Medaillenhoffnung als für ein Gesamtbild. Es zeigt, wie sich eine Metropole ohne alpine Tradition im Wintersport etabliert hat, durch Nachwuchsarbeit, durch Trainingszentren und durch Athletinnen und Athleten, die ihren Weg oft fernab großer Aufmerksamkeit gehen. Ob am Ende Edelmetall herausspringt, wird sich zeigen. Sicher ist schon jetzt, dass Berlin bei diesen Winterspielen so präsent ist wie nie zuvor.

Von admin