Wenn während der Berlinale von Nähe zur Branche gesprochen wird, ist damit selten ein konkreter Ort gemeint. Am Freitagabend aber war er eindeutig: das ehemalige Haupttelegrafenamt an der Oranienburger Straße, heute eine jener Berliner Veranstaltungsflächen, die Geschichte simuliert und Gegenwart organisiert zugleich. Dort lud die ARD zur „Blue Hour“, einem Empfang, der weniger Premierenfeier als industriepolitisches Ritual geworden ist. Während draußen das Publikum über Tickets diskutierte, diskutierte drinnen die Branche über Relevanz. In der Logik des Festivals gehört dieser Abend längst zu den Arbeitsräumen der Internationale Filmfestspiele Berlin, auch wenn kein Film gezeigt wird. Wer wissen will, wie sich deutsches Fernsehen selbst versteht, muss hier zuhören. Die Gastgeberin Christine Strobl sprach vom Spiegel der Gesellschaft, den Fiktion zu liefern habe, und formulierte damit eine alte öffentlich-rechtliche Selbstbeschreibung neu: Nicht Einschaltquote allein legitimiert Programme, sondern ihre Fähigkeit, soziale Wirklichkeit zu ordnen. Das klingt abstrakt, gewinnt aber im Kontext einer Branche an Gewicht, die sich seit Jahren zwischen Plattformökonomie und Auftrag bewegt. Serien aus internationalen Writer’s Rooms konkurrieren mit regional verankerten Stoffen, Produktionsbudgets steigen, gleichzeitig schrumpft die Aufmerksamkeit. Die öffentlich-rechtlichen Sender reagieren darauf mit einer paradoxen Strategie: Sie betonen das Nationale, um international sichtbar zu bleiben. Genau darum kreiste der Abend. ARD Degeto Film-Geschäftsführer Thomas Schreiber sprach von Balance zwischen Innovation und Verlässlichkeit, ein Codewort für die Programmstruktur der kommenden Jahre: bekannte Marken sichern Reichweite, neue Formate sichern Legitimation. Der Fiktionskoordinator Björn Wilhelm ergänzte den geografischen Aspekt, Geschichten aus Städten, Vororten und ländlichen Räumen seien kein dekoratives Element, sondern ein politisches Versprechen. Tatsächlich lässt sich die gegenwärtige Produktionsstrategie der Sender als Kartografie lesen. Regionale Krimis fungieren als stabile Orientierungspunkte, moderne Serien als Bewegungszonen. Das Publikum erkennt vertraute Orte und akzeptiert zugleich neue Erzählformen. Im internationalen Vergleich ist das eine Besonderheit des deutschen Systems: Während Streamingdienste vor allem Zielgruppen adressieren, adressieren öffentlich-rechtliche Redaktionen Milieus. Die etwa 800 Gäste, Schauspielerinnen, Produzenten, Autorinnen, Redakteure, waren damit weniger Publikum als Belegschaft einer kulturellen Infrastruktur. Gespräche drehten sich um Stoffentwicklung, um verkürzte Auswertungsfenster, um die Frage, ob lineare Ausstrahlung künftig nur noch Premiere oder weiterhin Hauptauswertung bleibt. Auffällig war, wie oft der Begriff Verantwortung fiel, ein Wort, das im globalen Serienmarkt sonst selten vorkommt. Gemeint ist damit nicht Moral, sondern Kontinuität: die Verpflichtung, Produktionsfirmen dauerhaft Arbeit zu geben und Talente über Jahre aufzubauen. Gerade darin unterscheidet sich das öffentlich-rechtliche Modell vom projektbasierten Plattformgeschäft. Die Berlinale fungiert in diesem Kontext als Marktplatz ohne Verkaufstische. Verträge werden nicht unterschrieben, aber vorbereitet. Der Empfang im Telegraphenamt Berlin zeigte, wie sehr sich die Produktionskultur inzwischen in Richtung Serienlogik verschoben hat. Gesprächspartner diskutierten weniger über einzelne Filme als über langfristige Figurenentwicklung, Writers’ Rooms und internationale Koproduktion. Gleichzeitig bleibt das Bekenntnis zum lokalen Stoff zentral. Deutsche Fiktion soll, so die implizite These des Abends, nicht global austauschbar werden, sondern aus ihrer Spezifität exportfähig sein. Dass diese Position auf Zustimmung stößt, liegt auch daran, dass sich die Marktbedingungen verändert haben. Streamingplattformen bestellen zunehmend nationale Stoffe, verlangen aber globale Dramaturgie. Öffentlich-rechtliche Sender reagieren, indem sie narrative Komplexität erhöhen, ohne die regionale Verankerung aufzugeben. Die „Blue Hour“ wurde so zum Symbol einer Übergangsphase: Fernsehen versteht sich nicht mehr als Gegenmodell zum Streamen, sondern als kuratierte Alternative. Das Treffen der Branche war daher weniger Feier als Selbstvergewisserung. Zwischen Stehtischen und Kameras entstand das Bild eines Systems, das sich seiner Rolle bewusst ist und sie gleichzeitig neu definiert. Wer hier sprach, sprach nicht über Programme des nächsten Monats, sondern über die Frage, welche Geschichten eine Gesellschaft noch gemeinsam sehen will. In diesem Sinn war der Abend vielleicht die politischste Veranstaltung des Festivals, obwohl kein politisches Podium stattfand. Die eigentliche Botschaft lag in der Form des Treffens selbst: Viele Produzenten, viele Gesichter, aber ein institutioneller Rahmen. Fiktion als Gemeinschaftsarbeit, nicht als Einzelereignis. Genau das will der öffentlich-rechtliche Rundfunk sichtbar machen, gerade in einem Umfeld, das zunehmend von individualisierten Sehgewohnheiten geprägt ist.
Christine Strobl, ARD-Programmdirektorin:
„Fiktion ist für uns Teil unseres Auftrags als Spiegel der Gesellschaft: Unsere Filme und Serien zeigen, wie wir leben, was uns bewegt und welche Fragen uns beschäftigen. Unsere Inhalte sind dabei so facettenreich wie die Gesellschaft selbst. Gemeinsam mit der Kreativbranche stets die besten Erzählformen und Stoffe zu finden, neue Maßstäbe zu setzen und Menschen zu berühren – das treibt uns täglich an und verbindet uns.“
Thomas Schreiber, Geschäftsführer ARD Degeto Film:
„Die ARD lebt von der Kraft der Kreativen, die Geschichten zum Leben erwecken. Wenn ich auf meinen eigenen Weg zurückblicke, dann waren es immer Innovation und Erfahrung, Mut und Verlässlichkeit, deren Balance den Unterschied gemacht hat. Diese Haltung ist heute wichtiger denn je, um die Zukunft aktiv zu gestalten: indem wir Transformation ermöglichen, Verantwortung übernehmen und etablierte Künstlerinnen und Künstler ebenso wie junge Talente gezielt stärken. Das gelingt nur im offenen, ehrlichen Austausch. Genau dafür steht die ARD BLUE HOUR.“
Björn Wilhelm, ARD-Koordinator Fiktion:
„Mit unserer Fiktion erzählen wir Geschichten aus Deutschland – aus allen Regionen: aus Großstädten, Vororten, von der Küste und aus ländlichen Räumen. Immer nah an den Lebenswelten der Menschen, die dort wohnen. Das Lokale macht unsere Inhalte besonders, die Bandbreite von starken Krimi-Marken bis zu modernen Serien macht sie einzigartig. Gemeinsam mit starken Partnern innerhalb und außerhalb der ARD werden wir auch künftig Außergewöhnliches schaffen.“
Zu den rund 800 Gästen der diesjährigen ARD BLUE HOUR zählten unter anderem Diana Amft, Jasna Fritzi Bauer, Carlotta Bähre, Emil Belton, Oskar Belton, Christian Berkel, Samirah Breuer, Vladimir Burlakov, Yvonne Catterfeld, Daniel Donskoy, Heino Ferch, Veronica Ferres, Ulrike Folkerts, Melika Foroutan, Annette Frier, Maria Furtwängler, Lucas Gregorowicz, Jeanette Hain, Edin Hasanović, Harriet Herbig-Matten, Charly Hübner, Hannes Jaenicke, Svenja Jung, Louis Klamroth, Anja Kling, Maren Kroymann, Nina Kunzendorf, Emily Kusche, Phil Laude, Heiner Lauterbach, Matthias Matschke, Sylvie Meis, Claudia Michelsen, Axel Milberg, Anna Maria Mühe, Mercedes Müller, Friedrich Mücke, Maximilian Mundt, Marie Nasemann, Désirée Nosbusch, Tobias Oertel, Luis Pinsch, Tom Schilling, Petra Schmidt-Schaller, Jessica Schwarz, Robert Stadlober, Jasmin Tabatabai, ChrisTine Urspruch, Tom Wlaschiha, Natalia Wörner, Fahri Yardim, Bettina Zimmermann und viele weitere

