Die Jahresveranstaltung des Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft 2026 stand in diesem Jahr im Zeichen einer Frage, die weit über Handelsbeziehungen und Investitionschancen hinausreicht: Wie handlungsfähig ist Europa in einer Zeit geopolitischer Spannungen, technologischer Umbrüche und wachsender Unsicherheit? Bereits die Begrüßung durch die Vorsitzende Cathrina Claas-Mühlhäuser machte deutlich, welche Bedeutung die deutsche Wirtschaft den Ländern Mittel-, Ost- und Südosteuropas inzwischen beimisst. Die Region sei für die Diversifizierung von Energiequellen, die Sicherung strategischer Rohstoffe und den Aufbau widerstandsfähiger Lieferketten von zentraler Bedeutung. Angesichts geopolitischer Verwerfungen und einer zunehmenden Neuordnung globaler Wirtschaftsbeziehungen gewinne die Zusammenarbeit mit den Staaten des östlichen Europas und des Westbalkans weiter an Gewicht. Diese Einschätzung entspricht auch der aktuellen Linie des Ost-Ausschusses, der seit Jahren für eine stärkere wirtschaftliche Integration der Region sowie eine Beschleunigung der europäischen Erweiterungspolitik wirbt.

Im Mittelpunkt des Abends stand die Rede des albanischen Premierministers Edi Rama, der als Keynote-Speaker einen weitgespannten Bogen von der deutschen Wiedervereinigung über die Zukunft der Europäischen Union bis hin zu den Herausforderungen künstlicher Intelligenz und digitaler Desinformation schlug. Rama begann mit einem historischen Verweis auf Berlin. Die deutsche Hauptstadt sei der Ort, an dem eine der bedeutendsten politischen Transformationen des späten 20. Jahrhunderts Realität geworden sei. Die Wiedervereinigung Deutschlands sei nicht allein das Ergebnis historischer Umstände gewesen, sondern vor allem Ausdruck politischen Mutes und strategischer Führung. Insbesondere der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl habe die Einheit nicht als administratives Projekt verstanden, sondern als geopolitische Notwendigkeit. Genau an einem vergleichbaren Punkt befinde sich heute Europa, argumentierte Rama. Die Europäische Union müsse entscheiden, ob sie ihre Erweiterung weiterhin verwalten oder endlich politisch vollenden wolle.

Der albanische Regierungschef stellte die europäische Einigung in einen größeren historischen Zusammenhang. Die regelbasierte internationale Ordnung stehe unter Druck, Krieg sei nach Europa zurückgekehrt, wirtschaftliche Sicherheit und nationale Sicherheit seien untrennbar geworden. Gleichzeitig veränderten technologische Entwicklungen Gesellschaften und politische Systeme mit bislang unbekannter Geschwindigkeit. Vor diesem Hintergrund sei europäische Einheit nicht länger ein politisches Ideal, sondern eine strategische Notwendigkeit. Europa müsse lernen, geopolitisch zu denken und Entscheidungen nicht länger aufzuschieben.

Besonders deutlich wurde Rama beim Thema EU-Erweiterung. Die Staaten des Westbalkans dürften nicht dauerhaft in einer politischen Warteschleife gehalten werden. Er kritisierte, dass die Region in strategischen Zukunftsdebatten der Europäischen Union häufig übersehen werde, obwohl sie geografisch mitten in Europa liege. Aus seiner Sicht ist dies ein Widerspruch: Die Energiekorridore, Verkehrsverbindungen, digitalen Netze und Rohstoffstrategien Europas berührten den Westbalkan unmittelbar. Die Region verfüge über strategische Mineralien, wichtige Transportachsen und eine junge Bevölkerung. Wer über europäische Resilienz, strategische Autonomie oder wirtschaftliche Sicherheit spreche, könne den Westbalkan nicht ausklammern.

Albanien selbst präsentierte Rama als Beispiel für den Wandel in Südosteuropa. Das Land habe inzwischen 33 Kapitel der EU-Beitrittsverhandlungen eröffnet und wolle die Verhandlungen bis 2027 abschließen, um noch vor Ende des Jahrzehnts Mitglied der Europäischen Union zu werden. Der Beitritt sei dabei nicht nur ein institutionelles Ziel, sondern Teil eines umfassenden Transformationsprozesses von Staat, Verwaltung und Gesellschaft. Auch die wirtschaftliche Dynamik des Landes unterstützt diese Ambitionen. Albanien zählt derzeit zu den am stärksten wachsenden Volkswirtschaften Europas und setzt auf Investitionen in Infrastruktur, Energie, Digitalisierung und Tourismus.

Ein weiterer Schwerpunkt der Rede war die technologische Wettbewerbsfähigkeit Europas. Künstliche Intelligenz sei nicht lediglich eine weitere Innovation, sondern entwickle sich zur grundlegenden Infrastruktur wirtschaftlicher und politischer Macht. Wer bei künstlicher Intelligenz, Forschung und digitaler Infrastruktur zurückfalle, riskiere langfristig den Verlust wirtschaftlicher Souveränität. Europa könne diesen Wettbewerb nur bestehen, wenn es sein gesamtes Potenzial nutze. Dazu gehörten auch die Staaten des Westbalkans mit ihren Fachkräften, Universitäten und digitalen Talenten. Rama verwies auf die umfassende Digitalisierung der albanischen Verwaltung, bei der bereits ein Großteil der staatlichen Dienstleistungen digital angeboten werde.

Den eindringlichsten Teil seiner Rede widmete der Premierminister jedoch dem Zustand der Demokratie. Die größte Bedrohung für Europa sei nicht zwangsläufig militärischer Natur. Gefährlicher könne die schleichende Erosion demokratischer Öffentlichkeit werden. Digitale Plattformen, algorithmische Verstärkung und koordinierte Desinformation veränderten die Art und Weise, wie Menschen Informationen wahrnehmen. Während Meinungsfreiheit ein Grundpfeiler demokratischer Gesellschaften bleibe, entstehe durch die technische Reichweite sozialer Netzwerke eine neue Form von Macht. Falschinformationen verbreiteten sich schneller als Fakten, Empörung werde systematisch belohnt, während differenzierte Debatten an Sichtbarkeit verlören. Die zentrale Herausforderung bestehe deshalb darin, Vertrauen in Fakten, Institutionen und demokratische Verfahren zu bewahren.

Rama verband diese Diagnose mit einer grundsätzlichen Warnung. Demokratien würden selten von außen zerstört. Häufiger verlören sie ihre Stabilität, wenn Bürgerinnen und Bürger den Glauben an eine gemeinsame Realität aufgäben und sich in voneinander getrennte Informationsräume zurückzögen. Europa müsse deshalb nicht nur seine Grenzen, seine Infrastruktur und seine Wirtschaft schützen, sondern auch die Grundlagen des öffentlichen Diskurses.

Am Ende kehrte der albanische Regierungschef zu seinem Ausgangspunkt zurück: Berlin. Die deutsche Wiedervereinigung sei ein Beispiel dafür, dass historische Veränderungen nicht durch perfekte Verfahren, sondern durch politische Entschlossenheit möglich würden. Europa stehe heute erneut an einem solchen Wendepunkt. Die entscheidende Frage sei nicht, ob die Staaten des Westbalkans bereit für Europa seien. Die entscheidende Frage laute vielmehr, ob Europa bereit sei, seine eigene geopolitische Vision zu vollenden.

Von admin