Im Großen Saal des Berliner Konzerthauses versammelt sich an diesem Sonntag eine Gemeinschaft, die in Deutschland eine besondere Stellung einnimmt. Der Orden Pour le mérite für Wissenschaften und Künste, 1842 von Friedrich Wilhelm IV. gegründet und nach dem Zweiten Weltkrieg unter Bundespräsident Theodor Heuss neu belebt, versteht sich bis heute als Forum herausragender Wissenschaftler, Künstler und Intellektueller. Die Aufnahme in den Orden gilt als eine der höchsten Auszeichnungen, die im deutschen Kultur- und Wissenschaftsleben vergeben werden. Gegenwärtig gehören ihm nur wenige Dutzend deutsche und ausländische Mitglieder an, darunter zahlreiche Nobelpreisträger.
Die Öffentliche Sitzung am 31. Mai 2026 steht jedoch weniger im Zeichen der Ehrung als im Zeichen der Erinnerung. Unter dem Protektorat von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gedenken die Mitglieder einer Reihe von Persönlichkeiten, deren Tod das vergangene Jahr geprägt hat. Aufgerufen werden die Namen der Komponistin Sofia Gubaidulina, des Literaturwissenschaftlers Peter von Matt, des Germanisten Albrecht Schöne, des Künstlers Günther Uecker, des Pianisten Alfred Brendel, des Molekularbiologen Charles Weissmann, des Bildhauers Hubertus von Pilgrim sowie des Philosophen und Soziologen Jürgen Habermas. Ihre Lebenswerke markieren unterschiedliche Felder des Geistes, von Musik und Literatur über Naturwissenschaften bis zur politischen Theorie. Gemeinsam ist ihnen der Anspruch, Erkenntnis nicht als Spezialwissen, sondern als Beitrag zum Verständnis der Welt zu begreifen.
Besonders das Gedenken an Jürgen Habermas verleiht der Veranstaltung eine historische Dimension. Kaum ein deutscher Denker hat die intellektuellen Debatten der Bundesrepublik so nachhaltig geprägt wie der im März verstorbene Philosoph. Seine Arbeiten zum Strukturwandel der Öffentlichkeit, zur kommunikativen Vernunft und zur demokratischen Deliberation beeinflussten Generationen von Sozialwissenschaftlern, Philosophen und Politologen weit über Deutschland hinaus. Habermas verkörperte jene Vorstellung von Öffentlichkeit, in der Argumente mehr zählen als Macht und rationale Verständigung mehr Gewicht besitzt als ideologische Lagerbildung. Dass sein Name nun im Rahmen der traditionsreichen Sitzung des Ordens genannt wird, verweist zugleich auf die Frage, wie belastbar dieses Ideal in einer Gegenwart geblieben ist, die von digitalen Echokammern, politischer Polarisierung und zunehmender Skepsis gegenüber wissenschaftlicher Autorität geprägt wird.
Auch die musikalische Gestaltung der Veranstaltung knüpft an diese Verbindung von Erinnerung und geistiger Auseinandersetzung an. Die Cellistin Christina Meissner und der Organist Martin Sturm führen Sofia Gubaidulinas Komposition „In croce“ aus dem Jahr 1979 auf. Das Werk gehört zu den bekanntesten Stücken der russisch-tatarischen Komponistin und verbindet spirituelle Symbolik mit einer eigenständigen Klangsprache. Die Kreuzform, auf die der Titel verweist, wird hier nicht nur musikalisch, sondern auch existenziell erfahrbar. Gubaidulina, die zu den bedeutendsten Komponistinnen der Gegenwart zählte, verstand Musik stets als Suche nach Transzendenz und innerer Wahrheit.
Nach dem Gedenken richtet sich der Blick auf die Zukunft des Ordens. Acht neue Mitglieder werden feierlich begrüßt. Die Auswahl zeigt die bemerkenswerte Bandbreite der Institution. Mit Wolf Biermann wird ein Künstler aufgenommen, dessen Biografie die Konfliktgeschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert widerspiegelt. Als Sohn eines von den Nationalsozialisten ermordeten Kommunisten ging Biermann 1953 in die DDR, wurde dort zunächst gefördert und später zum schärfsten Kritiker des Systems. Seine Ausbürgerung im Jahr 1976 wurde zu einem Schlüsselmoment der deutsch-deutschen Kulturgeschichte. Fast fünf Jahrzehnte später wird der Liedermacher, wenige Monate vor seinem 90. Geburtstag, in einen Kreis aufgenommen, der traditionell wissenschaftliche und künstlerische Exzellenz gleichermaßen würdigt.
Neben Biermann stehen Persönlichkeiten, die exemplarisch für internationale Forschung und Gelehrsamkeit stehen. Die Meeres- und Polarforscherin Antje Boetius hat das Verständnis der Ozeane und ihrer Bedeutung für das globale Klimasystem wesentlich erweitert. Der französische Kunsthistoriker Georges Didi-Huberman zählt zu den einflussreichsten Denkern seines Fachs. Der Schweizer Chemiker Michael Grätzel revolutionierte mit den nach ihm benannten Grätzel-Zellen die Forschung an Solarenergie. Der Berliner Theologe Christoph Markschies prägt seit Jahren die geisteswissenschaftliche Debatte über das frühe Christentum und die Rolle religiöser Traditionen in modernen Gesellschaften. Der ungarische Schriftsteller Péter Nádas wiederum gehört zu den bedeutendsten europäischen Autoren der Gegenwart. Hinzu kommen die israelische Arabistin Sarah Stroumsa und der Mediziner Uğur Şahin, dessen Arbeiten zu mRNA-Technologien gemeinsam mit Özlem Türeci die Entwicklung neuartiger Impfstoffe ermöglichten und damit die moderne Medizin nachhaltig veränderten.
Gerade die Aufnahme Şahins verdeutlicht, wie stark sich der Orden heute als internationale Gelehrtengesellschaft versteht. Seine Forschung steht für eine Wissenschaft, die nicht nur Erkenntnis produziert, sondern unmittelbar gesellschaftliche Wirkung entfaltet. In einer Zeit, in der die Beziehung zwischen Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit zunehmend kontrovers diskutiert wird, erscheint seine Aufnahme zugleich als Bekenntnis zur Bedeutung evidenzbasierter Forschung.
So verbindet die Sitzung des Ordens Pour le mérite in diesem Jahr Vergangenheit und Gegenwart auf besondere Weise. Die Erinnerung an verstorbene Mitglieder macht sichtbar, wie eng kulturelle und wissenschaftliche Entwicklung mit einzelnen Persönlichkeiten verbunden bleibt. Die Aufnahme neuer Mitglieder zeigt zugleich, dass geistige Autorität nicht an Disziplinen, Nationalitäten oder Generationen gebunden ist. Zwischen dem Gedenken an Habermas und der Ehrung Şahins spannt sich ein Bogen, der die Geschichte der Bundesrepublik ebenso berührt wie die Herausforderungen einer globalisierten Wissensgesellschaft. Im Konzerthaus am Gendarmenmarkt wird damit nicht nur eine Tradition gepflegt. Es wird auch die Frage verhandelt, welche Stimmen künftig das intellektuelle Selbstverständnis Europas prägen werden.