100 Jahre Klingen aus Berlin: Wie aus einer Tempelhofer Fabrik ein globales Kompetenzzentrum wurde
Wer im Berliner Stadtteil Tempelhof an der Oberlandstraße vorbeikommt, sieht zunächst eine industrielle Kulisse, wie sie für diesen Teil der Stadt typisch ist. Hinter den Mauern des Gillette-Werks werden allerdings keine gewöhnlichen Konsumgüter gefertigt. Von hier kommen Rasierklingen, die in zahlreichen Ländern verkauft werden. 2026 feiert der Standort 100 Jahre Gillette-Produktion in Berlin. Die Geschichte der Fabrik reicht dabei sogar noch weiter zurück.
Denn die Klingenproduktion in Berlin begann nicht mit Gillette. Bereits 1907 nahm Hugo Büchner in Berlin die Produktion von Rasierklingen auf. 1925 entstand aus der Otto Roth AG und den Büchner-Werken die Roth-Büchner AG. Ein Jahr später übernahm der amerikanische Unternehmer King C. Gillette die Aktienmehrheit. Das heute noch prägende Fabrikgebäude an der Oberlandstraße entstand allerdings erst 1936 und 1937. Die Berliner Denkmaldatenbank dokumentiert die wechselvolle Geschichte des Standorts.
Aus einer lokalen Fertigung entwickelte sich über Jahrzehnte ein wichtiger Standort innerhalb eines globalen Konzerns. 1973 wurde die Roth-Büchner GmbH in Gillette Deutschland GmbH umbenannt. Das Werk wurde anschließend mehrfach modernisiert und erweitert. Heute gehört der Standort zum Konsumgüterkonzern Procter & Gamble und zählt zu den bedeutenden Produktionsstandorten von Gillette.
Die Dimension der Produktion ist bemerkenswert. Nach Angaben des Unternehmens werden in Berlin rund 50 Prozent der weltweit von Gillette vertriebenen Premiumklingen gefertigt. Das Werk beschäftigt rund 550 Menschen aus 28 Nationen. Damit ist die Fabrik nicht lediglich ein Ort, an dem ein international vertriebenes Produkt in großen Mengen hergestellt wird. Berlin ist zugleich ein Entwicklungs- und Kompetenzzentrum für die dazugehörige Fertigungstechnologie.
Gillette entwickelt nach eigenen Angaben einen Teil der Maschinen und Produktionsverfahren selbst. Das ermöglicht, neue Technologien unmittelbar in die Fertigung zu überführen. 2025 begann in Berlin unter anderem die Produktion der neuen GilletteLabs-Klingen. Auch die Klingen für den GilletteLabs BODY + INTIMATE Rasierer werden am Berliner Standort gefertigt.
Bei einem Blick in eine solche Produktion wird schnell deutlich, wie wenig eine moderne Rasierklinge mit dem einfachen Bild eines Stücks Metall gemein hat. Die Klinge muss extrem präzise gefertigt, bearbeitet und beschichtet werden. Schon geringe Abweichungen können Schneidleistung, Haltbarkeit und Hautkontakt beeinflussen. Die industrielle Herausforderung besteht deshalb nicht allein in der Entwicklung eines neuen Produkts, sondern darin, dessen Eigenschaften in Millionenfacher Wiederholung möglichst konstant zu reproduzieren.
Zum 100-jährigen Jubiläum öffnete Gillette das ansonsten nicht öffentlich zugängliche Werk für einen besonderen Einblick. Auch wir waren Teil der exklusiven Werksführung gemeinsam mit Kai Pflaume und konnten die Produktion vor Ort erleben. Neben dem Rundgang durch die Fertigung gehörte eine historische Ausstellung mit Produkten und Exponaten aus der Unternehmensgeschichte zum Programm. Gerade der Blick hinter die Werkstore machte deutlich, wie stark die Geschichte des Standorts mit technischem Wandel verbunden ist.
Dabei begegneten den Gästen nicht nur Maschinen und Produktionslinien, sondern auch Menschen, die teilweise seit Jahrzehnten im Werk arbeiten. Einige Beschäftigte sind bereits in zweiter oder dritter Generation dort tätig. Dieses Erfahrungswissen ist ein oft unterschätzter Bestandteil industrieller Produktion. Gerade bei komplexen Fertigungsprozessen lässt sich technisches Know-how nicht vollständig in Maschinen, Software und Handbüchern abbilden.
Auch das Gebäude selbst erzählt Industriegeschichte. Der Backsteinbau an der Oberlandstraße steht unter Denkmalschutz und gehört zu den markanten Zeugnissen der Berliner Industriearchitektur der 1930er-Jahre. Über Jahrzehnte wurde die Anlage verändert, erweitert und technisch modernisiert. Geblieben ist die Verbindung von historischer Bausubstanz und laufender industrieller Produktion.
Das macht den Standort für Berlin besonders. Die Hauptstadt wird heute vor allem mit Politik, Kultur, Medien, Start-ups und Dienstleistungen verbunden. Industrie ist im öffentlichen Bild weniger präsent. Dabei gibt es weiterhin Unternehmen, die von Berlin aus Produkte für den internationalen Markt herstellen. Das Gillette-Werk in Tempelhof gehört zu den älteren Beispielen dafür.
Das Jubiläum erzählt deshalb nicht nur die Geschichte einer Rasierermarke. Es erzählt auch von der Beharrlichkeit industrieller Strukturen in einer Stadt, deren wirtschaftliches Profil sich mehrfach verändert hat. Seit einem Jahrhundert werden an diesem Standort Klingen produziert, seit 1926 unter dem Namen Gillette. Was als Berliner Fabrik begann, ist heute Teil eines weltweiten Produktionsnetzes. Das Produkt selbst bleibt klein und alltäglich. Die Geschichte seiner Herstellung ist dagegen ein bemerkenswertes Stück Berliner Industriegeschichte.
Im Bild : Kai Pflaume & Jens „Knossi“ Knossalla beim Gillette Jubiläumsevent anlässlich 100 Jahre Klingenproduktion in Berlin
