Wasser galt in Deutschland lange als selbstverständliche Ressource. Doch auf der Handelsblatt-Konferenz „Wirtschaftsfaktor Wasser“ in Berlin wurde deutlich, dass diese Gewissheit zunehmend brüchig wird. Vertreter aus Politik, Wirtschaft und internationalen Organisationen zeichneten das Bild einer Ressource, die sich vom Umwelt- und Infrastrukturthema zu einem strategischen Faktor für Wettbewerbsfähigkeit, Investitionen und industrielle Wertschöpfung entwickelt. Wasser sei heute nicht nur Lebensgrundlage, sondern zunehmend auch eine Frage wirtschaftlicher Resilienz, lautete der Tenor der Veranstaltung.
Bereits zur Eröffnung verwies der Vorstandsvorsitzende von German Water Partnership, Ingo Hannemann, auf die wachsende Bedeutung einer sicheren Wasserversorgung für den Industriestandort Deutschland. In der anschließenden Keynote betonte Saroj Kumar Jha von der World Bank, dass Wasser weltweit zu den zentralen Voraussetzungen für wirtschaftliche Entwicklung gehöre. Wasser sichere Arbeitsplätze, Produktivität und Wohlstand. Nach Angaben der Weltbank hängen weltweit rund 1,7 Milliarden Arbeitsplätze direkt oder indirekt von wasserabhängigen Sektoren wie Landwirtschaft, Industrie und Energieversorgung ab. Die Sicherung der Wasserressourcen werde deshalb zunehmend zu einer Kernaufgabe von Wirtschafts- und Entwicklungspolitik.
Saroj Kumar Jha – Global Director Water Worldbank verwiesen auf die wachsenden Herausforderungen durch den Klimawandel. Längere Trockenperioden, häufigere Extremwetterereignisse und veränderte Niederschlagsmuster führten dazu, dass sich die Verfügbarkeit von Wasser regional und saisonal zunehmend verschiebe. Während Deutschland insgesamt weiterhin über vergleichsweise große Wasserressourcen verfüge, entstünden in einzelnen Regionen bereits Nutzungskonflikte zwischen Industrie, Landwirtschaft, Energieversorgung und kommunaler Wasserversorgung.
Vertreter aus der Industrie machten deutlich, dass Wasser für zahlreiche Produktionsprozesse unverzichtbar ist. Besonders die Chemie-, Pharma-, Lebensmittel- und Papierindustrie seien auf eine verlässliche Versorgung mit Wasser in ausreichender Menge und Qualität angewiesen. Gleichzeitig werde der Druck größer, Wasser effizienter einzusetzen und geschlossene Kreisläufe aufzubauen. Investitionen in moderne Aufbereitungs- und Recyclingtechnologien seien daher nicht mehr nur eine Frage der Nachhaltigkeit, sondern zunehmend eine wirtschaftliche Notwendigkeit.
Wie eng Wasser und wirtschaftliche Stabilität miteinander verbunden sind, verdeutlichte die dänische Wasserexpertin Pernille Weiss-Ehler in ihrem Vortrag mit dem provokanten Titel „No arms – no cookies – warum Wasser Wirtschaft zerstören kann“. Sie beschrieb Wasser als unterschätztes Risiko moderner Volkswirtschaften. Während Unternehmen bislang vor allem Energiepreise, Rohstoffe oder geopolitische Spannungen im Blick hätten, würden physische Wasserrisiken zunehmend zu einem entscheidenden Standortfaktor. Dabei gehe es nicht allein um Wasserknappheit. Ebenso relevant seien sinkende Wasserqualität, strengere regulatorische Vorgaben, steigende Kosten sowie Reputationsrisiken für Unternehmen, deren Wasserverbrauch öffentlich kritisch diskutiert werde.
Besonders betroffen seien Branchen mit hohem Wasserbedarf. Dazu zählen die Lebensmittel- und Getränkeindustrie, die Chemie- und Pharmaindustrie, die Papier- und Zellstoffproduktion sowie Teile der Energieversorgung. Auch die Logistik gerät unter Druck. Niedrigwasser in wichtigen Flüssen wie Rhein und Elbe führt regelmäßig zu Einschränkungen in der Binnenschifffahrt. Schiffe können dann nur noch mit reduzierter Ladung verkehren, was Transportkosten erhöht und Lieferketten belastet. Die wirtschaftlichen Folgen reichen weit über die unmittelbar betroffenen Regionen hinaus.
Für Deutschland zeichnet sich dabei ein widersprüchliches Bild ab. Insgesamt fällt nicht zwingend weniger Niederschlag als früher. Gleichzeitig verändert sich jedoch dessen zeitliche Verteilung. Während die Wintermonate tendenziell feuchter werden, nehmen Trockenperioden im Frühjahr und Sommer zu. Die Folge sind sinkende Bodenfeuchten, regional rückläufige Grundwasserstände und eine zunehmende Unsicherheit für Landwirtschaft, Industrie und Kommunen. Wasser steht zwar grundsätzlich weiterhin zur Verfügung, jedoch häufig nicht mehr dort und zu dem Zeitpunkt, an dem es benötigt wird. Damit wird Wassermanagement zunehmend zu einer Frage der Speicherung, Verteilung und effizienten Nutzung.
Hinzu kommen die Folgen des Klimawandels. Steigende Temperaturen erhöhen die Verdunstung und verstärken den Druck auf bestehende Wasserressourcen. Gleichzeitig wachsen die Anforderungen an Unternehmen durch Nachhaltigkeitsberichterstattung, europäische Regulierungen und Investoren, die Wasserstress inzwischen als relevantes Geschäftsrisiko bewerten. Wasser entwickelt sich damit von einer betrieblichen Nebenkostenposition zu einer strategischen Managementaufgabe.
Die Diskussionen in Berlin machten deutlich, dass Wasser künftig ähnlich wie Energie oder digitale Infrastruktur als kritischer Produktionsfaktor betrachtet werden muss. Unternehmen werden sich stärker mit Risiken entlang globaler Lieferketten auseinandersetzen müssen, da Wasserknappheit in anderen Weltregionen unmittelbare Auswirkungen auf Produktion und Beschaffung in Europa haben kann. Investitionen in Kreislaufsysteme, effizientere Technologien und widerstandsfähige Infrastrukturen gewinnen deshalb an Bedeutung. Die zentrale Botschaft der Konferenz lautete: Die Frage ist nicht mehr, ob Wasser zu einem wirtschaftlichen Schlüsselfaktor wird. Es ist bereits einer. Entscheidend wird sein, wie schnell Politik, Wirtschaft und Gesellschaft auf diese neue Realität reagieren.