Am 25. November 2025 um 15 Uhr fand in der Deutsche Parlamentarische Gesellschaft in Berlin die Verleihung des Herbert‑Lewin‑Preises für wissenschaftliche Arbeiten zur Rolle der Ärzteschaft in der Zeit des Nationalsozialismus statt. Der mit insgesamt 15.000 Euro dotierte Forschungspreis wird getragen von Bundesärztekammer, Bundeszahnärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung, Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung und dem Bundesministerium für Gesundheit (BMG).

Die Veranstaltung eröffnete mit einer musikalischen Einleitung, gefolgt von der Begrüßung durch Dr. Romy Ermler, Präsidentin der Bundeszahnärztekammer, sowie einem Grußwort von Tino Sorge, MdB und Parlamentarischer Staatssekretär im Gesundheitsministerium. Nach einem musikalischen Intermezzo folgte die Würdigung der eingereichten Forschungsarbeiten durch Prof. Dr. Volker Hess, Professor für Geschichte der Medizin an der Charité – Universitätsmedizin Berlin und Vertreter der Jury. Im Rahmen der Preisverleihung wurden die Preisträgerinnen Dr. Dr. Lea Münch und Dr. Dana Derichs geehrt; die Urkunden wurden gemeinsam von Dr. Ermler und Prof. Hess überreicht. Den Abschluss bildete die Erwiderung von Dr. Dr. Münch, bevor das musikalische Finale erklang.

Der Herbert-Lewin-Preis, erstmals 2006 ausgeschrieben, verfolgt das Ziel, die historische Aufarbeitung der Rolle von Ärztinnen und Ärzten sowie Zahnärztinnen und Zahnärzten in der NS-Zeit zu fördern – zugleich erinnert der Preis an Angehörige der medizinischen Berufe, die verfolgt oder ermordet wurden. Die diesjährige Preisverleihung markiert die zehnte Vergabe des Preises, dessen Ausschreibung im Jahr 2025 mit der Frist 13. Juni endete.

Mit Blick auf den Inhalt: In der Würdigung betonte die Jury unter Leitung von Prof. Hess die Bedeutung akribischer Forschung, die sowohl Opfer- als auch Tätersicht einbeziehe, institutionelle Kontinuitäten aufzeige und damit eine Lehre für Gegenwart und Zukunft ermögliche. Die Verleihung in den Räumen der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft in Berlin unterstrich den Anspruch, dass solche Aufarbeitungs- und Erinnerungsprozesse nicht lediglich Fachkreise betreffen, sondern Teil der gesamtgesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sind.

Hier eine vertiefte Analyse der preisgekrönten Arbeiten von Dr. Dr. Lea Münch und Dr. Dana Derichs im Rahmen des Herbert‑Lewin‑Preises:


Lea Münch
Lea Münch, approbierte Ärztin (Studium an der Charité – Universitätsmedizin Berlin) und Medizinhistorikerin, beschäftigt sich vor allem mit der Geschichte der Psychiatrie unter dem Nationalsozialismus sowie mit Opfer- und Patient:innengeschichte. Ihre Dissertation mit dem Titel „Psychiatrieerfahrungen im Elsass. Lebensgeschichten zwischen Strasbourg und Hadamar“ wurde 2023 an der Université de Strasbourg verteidigt und ist bereits mehrfach ausgezeichnet worden.
In ihrer Forschung legt sie besonderen Wert darauf, den Betroffenen ihre Identität zurückzugeben, wie sie in einem Interview formulierte („Den Opfern ihre Identität geben“). Die Arbeit widmet sich exemplarisch psychiatrischen Einrichtungen im Elsass und deren Verflechtung mit dem NS-Euthanasieprogramm („Aktion T4“) und damit verbundenen Täter- und Opferkonstellationen. Damit liefert Mun̈ch einen Beitrag zur lokalen und grenzüberschreitenden Aufarbeitung medizinischer Verbrechen, indem sie Alltagshandlungen, Patient:innenbiografien und institutionelle Mechanismen in den Blick nimmt.
Für das Fachpublikum ist besonders hervorzuheben: Die Studie agiert auf mehreren Ebenen – sie kombiniert medizin- und psychiatriehistorische Forschung mit Universität- und Institutionsgeschichte sowie individueller Biografiearbeit. Dies macht nicht nur Täter:innenschaft greifbarer, sondern auch die konkreten sozialen und klinischen Verhältnisse. Die Wahl des Elsass als Untersuchungsfeld eröffnet zudem eine transnationale Perspektive, die den Blick über die rein deutsche Geschichte hinaus erweitert.


Dana Derichs
Dana Derichs legte mit ihrer Arbeit „Die Medizinstudentinnen der Universität Erlangen in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus“ (Verlag Peter Lang, 2022) eine systematische und lokalhistorisch fundierte Studie vor. Sie untersucht den Zugang von Frauen zum Medizinstudium an der Friedrich‑Alexander‑Universität Erlangen‑Nürnberg, die Berufswege von Studentinnen und Ärztinnen sowie die Auswirkungen der nationalsozialistischen Hochschul- und Gesundheitspolitik auf diese Gruppe.
Ein zentraler Befund ihrer Arbeit: Unter den Bedingungen einer Universität, die als eine der radikalsten NS-geprägten Hochschulen galt („braunste“ Universität), wurden Frauen und jüdische Studentinnen besonders ausgegrenzt. Der strukturelle Ausschluss sowie die Rolle der Studentinnen- und Ärzteschaft im Wandel dieser Zeit werden differenziert anhand bislang wenig genutzter Quellen und statistischen Materials analysiert.
Für Fach- und Führungskräfte bietet die Arbeit von Derichs eine relevante Einsicht: Sie verbindet Frauengeschichte, Hochschulgeschichte und Medizingeschichte in einer Weise, die institutionelle Kontinuitäten und Brüche deutlich macht. Damit zeigt sie, wie sich Berufs- und Studienzugänge wandelten, wie Ideologie und Berufsrolle im Medizinstudium interagierten und welche langfristigen Auswirkungen dies auf die akademische Medizin hatte.


Gemeinsame Bedeutung
Beide Arbeiten leisten – jeder auf eigene Weise – einen wichtigen Beitrag zur historischen Aufarbeitung der Medizin im Nationalsozialismus:

  • Sie verschieben den Fokus von klassischen Täter- und Emigrationsbiografien hin zu institutionellen, gesellschaftlichen und geschlechtsspezifischen Fragestellungen.
  • Sie zeigen Mechanismen der Ausgrenzung, aber auch der Teilhabe und Kontinuität im medizinischen System auf.
  • Wissenschaft und Gesellschaft liefern sie empirisch fundiertes Material, das hilft, Gegenwart und Vergangenheit miteinander zu verknüpfen – etwa in Fragen ärztlicher Ethik, universitärer Personalentwicklung oder Geschlechtergerechtigkeit.

 

Von admin