tado° setzt auf die unsichtbare Intelligenz des Heizens
Am Heizkörper beginnt die Energiewende selten spektakulär. Meist geht es um eine unscheinbare Frage: Wann soll die Wohnung warm sein und wann nicht? Genau an diesem alltäglichen Punkt setzt tado° mit der zweiten Generation seines Smarten Thermostats X an. Das Münchner Unternehmen hat das Gerät am 2. September 2026 vorgestellt, 15 Jahre nach der Einführung seines ersten smarten Thermostats. Der neue Regler ist dabei weniger als technischer Umbruch gedacht denn als weiterer Schritt hin zu einer Heizungssteuerung, die möglichst wenig Aufmerksamkeit verlangt.
Mit einer Tiefe von 17,8 Millimetern fällt das neue Thermostat ausgesprochen flach aus. Das Gehäuse ist mattweiß gehalten, die Anzeige reduziert und die Bedienung über einen kreisförmigen Lichtring organisiert. Eine Taste an der Oberseite ermöglicht den schnellen Zugriff auf individuell festgelegte Funktionen. Damit folgt tado° einem bemerkenswerten Prinzip: Die Technik soll möglichst wenig im Alltag präsent sein. Temperatur einstellen, Luftfeuchtigkeit abrufen oder die Heizung kurzfristig hochregeln soll direkt am Gerät möglich sein, während komplexere Steuerungen im Hintergrund über die Software erfolgen.
Technisch bleibt das Thermostat in der Architektur der X-Serie verankert. Matter und Thread sorgen für die Einbindung in moderne Smart-Home-Systeme. Das Gerät kann mit Gasthermen, Wärmepumpen und Fußbodenheizungen eingesetzt werden und lässt sich mit weiteren Komponenten der X-Serie kombinieren. Auch die Stromversorgung wurde verändert: Statt regelmäßig Batterien auszutauschen, verfügt die zweite Generation über einen wiederaufladbaren Lithium-Ionen-Akku, der über USB-C geladen wird. Nach Angaben des Herstellers soll eine Ladung mehr als ein Jahr ausreichen.
Der interessantere Teil der Entwicklung findet allerdings weniger am Thermostat selbst als in der Software statt. tado° versucht, die Heizungssteuerung von einer Ansammlung einzelner Befehle zu einem automatisierten Energiemanagement weiterzuentwickeln. Ortsabhängige Steuerung, Fenster-Offen-Erkennung, adaptives Heizen und das Vorheizen vor der Rückkehr sollen dafür sorgen, dass Energie nicht unnötig eingesetzt wird, ohne dass Nutzer ständig Einstellungen kontrollieren müssen. Das Unternehmen bündelt diese Funktionen teilweise unter dem kostenpflichtigen Dienst AI Assist. Dieser kostet 3,99 Euro im Monat oder 29,99 Euro im Jahr.
Dabei ist die Bezeichnung künstliche Intelligenz mit einer gewissen Nüchternheit zu betrachten. Entscheidend ist nicht, ob ein Thermostat im engeren technischen Sinn „intelligent“ ist, sondern welche Daten und Regeln für die Steuerung genutzt werden. Präsenz, Temperaturverlauf, Fensterzustand und individuelle Heizgewohnheiten können miteinander verknüpft werden. Der Nutzen entsteht dadurch, dass die Heizung nicht mehr ausschließlich nach einem starren Zeitplan arbeitet. Eine solche Automatisierung entspricht einem grundsätzlichen Trend bei der Gebäudetechnik: Energie soll möglichst dann eingesetzt werden, wenn sie tatsächlich benötigt wird.
Eine weitere Neuerung richtet sich an Eigentümer und Nutzer mehrerer Immobilien. Über die Funktion „Multi Home“ lassen sich künftig mehrere Wohnungen oder andere Gebäude über ein gemeinsames tado°-Konto verwalten. Auch unterschiedliche Produktgenerationen, darunter V3+ und X, können nach Angaben des Unternehmens in einem Konto zusammengeführt werden. Das ist vor allem für Nutzer interessant, die neben dem eigenen Haushalt beispielsweise eine Ferienwohnung oder ein kleines Büro betreiben.
Bemerkenswert ist zudem die Erweiterung um einen zertifizierten hydraulischen Abgleich. Dabei wird die Wärmeverteilung innerhalb einer Heizungsanlage so eingestellt, dass Heizkörper entsprechend ihrem tatsächlichen Bedarf mit Heizwasser versorgt werden. In Verbindung mit den smarten Heizkörperthermostaten kann die Software die Heizungsanlage damit nicht nur raumweise steuern, sondern auch deren Verteilung optimieren. Der von tado° angebotene hydraulische Abgleich ist nach Unternehmensangaben durch den TÜV Rheinland zertifiziert und kann über AI Assist in der App genutzt werden.
Die wirtschaftliche Dimension des Geschäftsmodells ist dabei nicht zu übersehen. Das Thermostat selbst wird einmalig bezahlt, zusätzliche Funktionen werden teilweise als Softwaredienst angeboten. Das verkabelte Starter Kit der zweiten Generation kostet 179,99 Euro, die kabellose Variante 199,99 Euro. Ein einzelnes verkabeltes Thermostat wird mit 119,99 Euro angegeben, der kabellose Temperatursensor mit 99,99 Euro.
Ob sich eine solche Investition lohnt, hängt allerdings stark vom Gebäude, dem Heizsystem und dem bisherigen Verbrauch ab. tado° nennt für seine Kundschaft durchschnittlich 22 Prozent niedrigere Heizkosten. Das sind Unternehmensangaben und daher nicht mit einem unabhängig ermittelten Einsparwert für jeden Haushalt gleichzusetzen. Eine Untersuchung des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik, auf die tado° selbst verweist, kommt grundsätzlich zu dem Ergebnis, dass intelligente Heizungsregelungen den Heizenergieverbrauch deutlich reduzieren können. Die tatsächliche Einsparung bleibt jedoch abhängig von Gebäudezustand, Heizsystem, Nutzerverhalten und Ausgangsverbrauch.
tado° hat inzwischen eine relevante Größe im europäischen Markt erreicht. Im Jahr 2025 meldete das Unternehmen mehr als eine Million angeschlossene Haushalte und mehr als fünf Millionen installierte smarte Thermostate. Im März 2026 erklärte tado°, inzwischen mehr als 5,5 Millionen smarte Thermostate verbunden zu haben und operativ profitabel zu sein. Damit hat sich das Unternehmen von einem Anbieter einzelner Heizungsregler zunehmend zu einem Anbieter eines umfassenderen Energiemanagements für Haushalte entwickelt.
Die zweite Generation des Thermostats X ist deshalb vor allem als Baustein dieser Strategie interessant. Heizungssteuerung, Photovoltaik, Batteriespeicher, Wärmepumpen und dynamische Stromtarife wachsen technisch zusammen. Die entscheidende Frage lautet künftig weniger, ob ein einzelnes Gerät die Temperatur im Wohnzimmer verändern kann. Entscheidend ist, ob ein System versteht, wann Energie gebraucht wird, wann sie günstig verfügbar ist und wann sich ihr Einsatz vermeiden lässt. tado° versucht, diese Entscheidungen zunehmend aus dem sichtbaren Alltag des Nutzers herauszunehmen. Das ist weniger spektakulär als die üblichen Versprechen rund um das vernetzte Zuhause. Für die Energiebilanz eines Gebäudes könnte es jedoch die wichtigere Entwicklung sein.
