Berlin ist in diesen Tagen wieder ein Ort, an dem sich die Zukunft des Schienenverkehrs besichtigen lässt. Auf dem Berliner Messegelände beginnt die InnoTrans 2026, die in diesem Jahr ihr 30-jähriges Bestehen feiert. Mehr als 3.100 Aussteller aus aller Welt präsentieren vom 22. bis 25. September neue Fahrzeuge, Antriebssysteme, digitale Anwendungen und Lösungen für Infrastruktur und Betrieb. Besonders anschaulich wird die Entwicklung bei der Innovation Tour. Der rund 90-minütige Presserundgang führt über das Freigelände zu zehn Stationen und zeigt dabei nicht nur neue Züge und Lokomotiven, sondern vor allem einen grundlegenden Wandel: Die Bahn wird digitaler, automatisierter und bei den Antrieben vielfältiger.
Schon die Dimensionen des Messegeländes machen deutlich, mit welcher Größenordnung die Branche nach Berlin kommt. Neben den Hallen gehört das Gleisgelände zu den auffälligsten Bereichen der InnoTrans. Mehr als hundert Schienenfahrzeuge stehen dort für die Fachbesucher bereit. Wer zwischen den Fahrzeugen unterwegs ist, bewegt sich gewissermaßen durch eine begehbare Ausstellung des internationalen Bahnverkehrs. Die Innovation Tour beginnt bei Stadler Rail mit der EURO DuFour, einer neuen Lokomotivplattform für den Güterverkehr. Die für SBB Cargo entwickelte Lokomotive setzt auf ein innovatives Drehgestell mit radial einstellbaren Radsätzen. Dadurch sollen Laufeigenschaften verbessert und die Belastung der Infrastruktur reduziert werden. Gleichzeitig ist die Plattform für unterschiedliche Antriebskonzepte ausgelegt. Batterie- und Hybridlösungen gehören ebenso zum Konzept wie klassische elektrische Varianten. Dahinter steht eine Entwicklung, die sich bei vielen Herstellern beobachten lässt: Die Lokomotive wird nicht mehr als starres Einzelprodukt gedacht, sondern als flexible technische Plattform, die sich an unterschiedliche Einsatzbedingungen anpassen lässt.
Die zweite Station führt zu Škoda Transportation und zur ForCity Plus 52T für Prag. Die fünfteilige Straßenbahn wurde für die besonderen Anforderungen des Prager Netzes entwickelt. Dazu gehören enge Kurven in der historischen Innenstadt ebenso wie steilere Streckenabschnitte. Die Konstruktion verbindet einen vollständig niederflurigen Innenraum mit moderner Fahrzeugtechnik und einem auf die Anforderungen des Prager Stadtverkehrs zugeschnittenen Design. Die Straßenbahn steht damit exemplarisch für eine andere Seite der Bahnindustrie: Innovation bedeutet nicht zwangsläufig höhere Geschwindigkeit. Im urbanen Verkehr geht es ebenso um Wendigkeit, Kapazität, Barrierefreiheit, Energieeffizienz und die möglichst gute Integration eines Fahrzeugs in den bestehenden Stadtraum.
Bei Vossloh Rolling Stock verschiebt sich der Schwerpunkt von der Fahrzeugform auf die Steuerung. Vorgestellt wird die Modula-Plattform mit einer neuartigen Loksteuerung. Sensoren und digitale Systeme überwachen wichtige Komponenten des Fahrzeugs kontinuierlich. Die gewonnenen Daten werden nicht nur dem Lokführer zur Verfügung gestellt, sondern können auch für die Instandhaltung genutzt werden. Damit verändert sich der Umgang mit Wartung. Statt ausschließlich nach festen Intervallen oder nach einem aufgetretenen Defekt zu arbeiten, lässt sich zunehmend der tatsächliche Zustand eines Fahrzeugs berücksichtigen. Die digitale Zustandsüberwachung wird damit zu einem Instrument, um Ausfälle zu vermeiden und die Verfügbarkeit über den gesamten Lebenszyklus einer Lokomotive zu erhöhen.
Die vierte Station ist deutlich näher an der Baustelle. Liebherr präsentiert den Zweiwegebagger RE 22 M. Solche Maschinen können sowohl auf der Straße als auch auf dem Gleis eingesetzt werden und übernehmen damit Arbeiten direkt an der Bahninfrastruktur. Die Maschine zeigt, dass die Modernisierung des Schienenverkehrs nicht nur in den Fahrzeugen selbst stattfindet. Auch Wartung, Ausbau und Reparatur der Infrastruktur verändern sich. Gerade angesichts des hohen Sanierungsbedarfs vieler europäischer Bahnnetze werden leistungsfähige und flexibel einsetzbare Arbeitsmaschinen zu einem wichtigen Bestandteil des Systems Bahn.
Danach wird es schnell. Bei Hitachi Rail steht der Hochgeschwindigkeitszug ETR1000 im Mittelpunkt. Der Zug ist für Geschwindigkeiten von bis zu 360 Kilometern pro Stunde ausgelegt und wird im italienischen Fernverkehr eingesetzt. Seine technische Konzeption ist auf den europäischen Markt ausgerichtet und berücksichtigt unterschiedliche Strom- und Signalsysteme. Das ist für den europäischen Hochgeschwindigkeitsverkehr von zentraler Bedeutung. Grenzen zwischen nationalen Bahnnetzen bestehen technisch teilweise weiterhin, obwohl der politische Anspruch eines einheitlicheren europäischen Eisenbahnraums längst formuliert ist. Fahrzeuge wie der ETR1000 müssen deshalb nicht nur schnell fahren, sondern sich auch in unterschiedliche technische Systeme integrieren lassen.
Bei CRRC wird anschließend sichtbar, wie stark künstliche Intelligenz und Automatisierung in die Fahrzeugentwicklung hineinreichen. Der VELLINK Intelligent Metro Train verbindet Sensoren, Kommunikationstechnik und KI-basierte Systeme. Das Fahrzeug soll seine Umgebung erfassen, technische Zustände überwachen, Fehler erkennen und auf dieser Grundlage Entscheidungen unterstützen. Begriffe wie Selbstwahrnehmung und Selbstdiagnose klingen zunächst nach Science-Fiction. Auf der Messe werden sie jedoch als konkrete technische Funktionen präsentiert. Die Entwicklung geht damit von einer klassischen Maschine hin zu einem zunehmend datengetriebenen Verkehrssystem.
Alstom zeigt mit dem Coradia Stream Intercity für Italien anschließend einen Zug, bei dem die Digitalisierung mit klassischen Anforderungen an den Fernverkehr verbunden wird. Der Zug erreicht bis zu 200 Kilometer pro Stunde und ist für den Einsatz im italienischen Intercity-Verkehr vorgesehen. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht allein Geschwindigkeit und Leistung. Breite Türen, ein stufenloser Einstieg, unterschiedliche Sitzbereiche und ein Familienbereich zeigen, dass auch die Gestaltung des Fahrgastraums Teil der technischen Entwicklung ist. Digitale Signaltechnik und vorausschauende Wartung ergänzen das Konzept. Der Zug soll damit nicht nur fahren, sondern über seinen gesamten Lebenszyklus effizient betrieben und gewartet werden.
Die achte Station führt zurück nach Deutschland und zur DB InfraGO. Im Projekt AutomatedTrain wird eine andere Frage untersucht: Was muss ein Zug können, wenn auf bestimmten Betriebsabschnitten kein Lokführer mehr erforderlich ist? Gemeinsam mit Partnern aus Industrie, Eisenbahnverkehr, Infrastruktur und Wissenschaft wird die automatisierte Bereitstellungs- und Abstellungsfahrt erprobt. Fahrzeuge sollen ihre Umgebung mit Sensoren erfassen und auf Hindernisse reagieren können. Der Ansatz betrifft zunächst nicht den vollautomatischen Personenverkehr auf der offenen Strecke. Er setzt bei betrieblichen Abläufen an, die bislang teilweise manuell durchgeführt werden. Gerade dort könnte Automatisierung künftig helfen, Abläufe effizienter zu gestalten.
Die letzte Station der Innovation Tour führt zu Siemens Mobility und zum Vectron X. Die neue Lokomotive verbindet die etablierte Vectron-Plattform mit digitalen Diensten und offenen Schnittstellen. Siemens versteht die Lokomotive dabei als softwaredefiniertes Fahrzeug. Daten aus Fahrzeug, Infrastruktur und Betrieb sollen zusammengeführt und in Echtzeit nutzbar gemacht werden. Ein integrierter App-Ansatz und kontinuierliche Softwareupdates sollen ermöglichen, dass sich die Lokomotive während ihres Lebenszyklus weiterentwickeln kann. Damit wird eine Entwicklung sichtbar, die weit über einzelne digitale Funktionen hinausgeht: Das Schienenfahrzeug selbst wird Teil eines digitalen Ökosystems.
Wer die zehn Stationen der Innovation Tour hintereinander erlebt, erkennt deshalb einen gemeinsamen Nenner. Die Bahnindustrie arbeitet gleichzeitig an neuen Antrieben, besseren Fahrwerken, automatisierten Betriebsabläufen, künstlicher Intelligenz, digitaler Wartung und höherer Interoperabilität. Die einzelnen Lösungen sind sehr unterschiedlich, doch sie reagieren auf dieselben Herausforderungen: Energie soll effizienter eingesetzt, Infrastruktur geschont, Wartung planbarer und der Bahnbetrieb zuverlässiger werden. Die InnoTrans 2026 macht diese Entwicklung besonders deutlich. Künstliche Intelligenz, Robotik und Automatisierung gehören zu den prägenden Themen der diesjährigen Messe; insgesamt werden 180 Weltpremieren angekündigt.
Die Innovation Tour zeigt dabei etwas, das in einer Messehalle leicht abstrakt wirken kann: Digitalisierung ist längst nicht mehr nur eine Frage von Software. Sie steckt im Drehgestell einer Lokomotive, in den Sensoren eines Zuges, in der Wartung einer Straßenbahn, in der Steuerung eines Baggers und in der Kommunikation zwischen Fahrzeug und Infrastruktur. Der Schienenverkehr wird damit zu einem immer stärker vernetzten technischen System. Berlin ist in diesen vier Messetagen sein Schaufenster. Und auf den Gleisen der InnoTrans lässt sich bereits erkennen, wie die Bahn der kommenden Jahre aussehen könnte.
