Zum Internationalen Tag des Tees lud die Botschaft Sri Lankas Anfang Juni zu einer Verkostung in das Berliner Waldorf Astoria. Die Veranstaltung war mehr als ein gesellschaftlicher Empfang. Sie bot einen Einblick in die wirtschaftliche, kulturelle und politische Bedeutung eines Produkts, das für den Inselstaat seit mehr als anderthalb Jahrhunderten identitätsstiftend ist. Im Mittelpunkt stand dabei nicht nur die Geschichte des Ceylon-Tees, sondern auch die Frage, welche Rolle er in einer sich wandelnden Weltwirtschaft künftig spielen kann.
In ihrer Ansprache erinnerte die Chargé d’affaires der Botschaft Sri Lankas, Thivanka Athuraliya, daran, dass Tee für ihr Land weit mehr sei als ein Exportgut. Seit über 150 Jahren stehe Ceylon-Tee für Qualität, Authentizität und Gastfreundschaft. Zugleich sei er ein Symbol für die Verbindung zwischen Menschen und Kulturen. Die Diplomatin verwies auf die Bedeutung Deutschlands als wichtigen Handelspartner, Investitionsstandort und Herkunftsland zahlreicher Touristinnen und Touristen.
Tatsächlich gehört Tee zu den wichtigsten Agrarprodukten Sri Lankas. Der sogenannte Ceylon-Tee ist weltweit bekannt und wird durch das charakteristische Löwen-Siegel gekennzeichnet, das die Herkunft und Reinheit des Produkts garantiert. Nach Angaben der sri-lankischen Exportförderung erwirtschaftete die Branche im Jahr 2025 rund 1,5 Milliarden US-Dollar Exporterlöse. Sri Lanka zählte damit weiterhin zu den bedeutendsten Teeexporteuren der Welt. Rund 13 Prozent des globalen Teeexports stammen aus dem südasiatischen Inselstaat.
Die Geschichte des Tees in Sri Lanka begann im 19. Jahrhundert. Nachdem eine Pilzkrankheit große Teile der Kaffeeplantagen zerstört hatte, setzte die britische Kolonialverwaltung zunehmend auf Tee. Aus den ersten Anpflanzungen in den zentralen Hochlagen entwickelte sich eine Industrie, die heute Hunderttausenden Menschen Arbeit bietet und ganze Regionen prägt. Die unterschiedlichen Höhenlagen des Landes sorgen für eine bemerkenswerte Vielfalt an Aromen. Tees aus Nuwara Eliya unterscheiden sich deutlich von jenen aus Uva oder Dimbula. Diese geografische Vielfalt gilt als eine der wesentlichen Grundlagen für den internationalen Ruf des Ceylon-Tees.
Während der Berliner Veranstaltung wurde die Bedeutung des Tees jedoch nicht allein aus wirtschaftlicher Perspektive betrachtet. Die Vereinten Nationen erklärten den 21. Mai im Jahr 2019 offiziell zum Internationalen Tag des Tees. Ziel ist es, auf die soziale und kulturelle Bedeutung des Getränks aufmerksam zu machen und zugleich die Lebensbedingungen der Menschen in den Anbaugebieten stärker in den Fokus zu rücken. Weltweit leben Millionen Familien vom Teeanbau. Nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen sind mehr als 13 Millionen Menschen direkt oder indirekt vom Teesektor abhängig.
Die Herausforderungen für die Branche bleiben dennoch erheblich. Zwar stiegen die Exporterlöse Sri Lankas 2025 gegenüber dem Vorjahr erneut an, doch die Entwicklung verläuft nicht geradlinig. Im ersten Quartal 2026 gingen Produktion und Exportmengen wieder zurück. Gleichzeitig belasten geopolitische Konflikte wichtige Absatzmärkte im Nahen Osten, der traditionell einen großen Teil des sri-lankischen Teeexports aufnimmt. Branchenvertreter warnen deshalb vor steigenden Kosten und zunehmender Unsicherheit für die Beschäftigten auf den Plantagen.
Vor diesem Hintergrund erscheint die Botschaft des Berliner Nachmittags bemerkenswert aktuell. Tee wurde dort nicht als nostalgisches Kulturgut präsentiert, sondern als Beispiel für die Verflechtung von Landwirtschaft, Handel, Nachhaltigkeit und internationaler Zusammenarbeit. Die Verkostung verschiedener Sorten machte deutlich, wie eng Geschmack, Herkunft und Produktionsbedingungen miteinander verbunden sind. Zugleich zeigte die Veranstaltung, dass ein einfaches Getränk politische und wirtschaftliche Entwicklungen widerspiegeln kann.
Am Ende stand deshalb weniger die Frage nach der perfekten Tasse Tee als die Erkenntnis, dass hinter jedem Aufguss eine globale Wertschöpfungskette steht. Der Ceylon-Tee bleibt für Sri Lanka ein wichtiger Botschafter des Landes. Doch seine Zukunft wird davon abhängen, ob es gelingt, wirtschaftliche Stabilität, ökologische Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung miteinander zu verbinden. Der Internationale Tag des Tees erinnert daran, dass diese Aufgabe weit über die Grenzen der traditionellen Anbauregionen hinausreicht.