Im Jahr 2026 markiert die Internationale Grüne Woche (IGW) in Berlin einen wichtigen historischen Meilenstein: Zum hundertsten Mal versammeln sich Akteurinnen und Akteure aus Landwirtschaft, Gartenbau und Ernährungswirtschaft zur größten und einflussreichsten Messe ihrer Art weltweit. Ursprünglich 1926 als lokale Warenbörse in der deutschen Hauptstadt gegründet, hat sich die Grüne Woche zu einer globalen Plattform entwickelt, auf der Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Verbraucher in Zeiten tiefgreifender struktureller Veränderungen im Agrarsektor zusammenkommen. Zu den zentralen Themen gehören Ernährungssicherheit, Innovation, Nachhaltigkeit und die Rolle des ländlichen Raums in einer Zeit geopolitischer und ökologischer Herausforderungen. Rund 1 600 Aussteller aus etwa 50 Ländern präsentieren bis zum 25. Januar Agrarprodukte, Technologien und Konzepte für eine zukunftsfähige Landwirtschaft, und die Veranstalter erwarten mehr als 320 000 Besucherinnen und Besucher auf dem Messegelände am Funkturm. Die Messe dient nicht nur als Schaufenster regionaler Spezialitäten, sondern als Forum für den Dialog über Preisentwicklung, Produktionssysteme und internationale Handelsfragen vor dem Hintergrund wachsender globaler Unsicherheiten. Bundespräsident, Bundeslandwirtschaftsminister und der Regierende Bürgermeister Berlins betonten bei der Eröffnung die Bedeutung der IGW als Brücke zwischen urbanen Konsumenten und ländlicher Produktion sowie als Markenzeichen für Berlin und internationaler Treffpunkt der Agrarpolitik. Parallel findet das Global Forum for Food and Agriculture (GFFA) statt, ein hochrangiges Ministertreffen, das zentrale Zukunftsfragen der globalen Ernährungs- und Landwirtschaftsstrategien adressiert.
Vor diesem Hintergrund ist die Teilnahme der Niederlande im Jubiläumsjahr bedeutsam: Sie gehört zu den beständigsten Ausstellern der Grünen Woche und nimmt 2026 zum 75. Mal teil – eine Präsenz, die bis ins Jahr 1953 zurückreicht. Der niederländische Beitrag steht unter dem Leitmotiv „Farming the Future“. Er will nicht lediglich Produkte zeigen, sondern die tiefere Verknüpfung von zukunftsgerichteter Landwirtschaft, regionalen Identitäten und Erlebnissen im ländlichen Raum herausarbeiten. Mit der gemeinsamen Organisation durch das niederländische Ministerium für Landwirtschaft, Fischerei, Ernährungssicherheit und Natur, die zwölf Provinzen und das Niederländische Büro für Tourismus und Convention soll ein breites Spektrum agrarischer und touristischer Perspektiven vermittelt werden, das über traditionelle Exportpräsentationen hinausgeht. Ein Kernanliegen der niederländischen Ausstellung ist, Innovation entlang der gesamten Wertschöpfungskette sichtbar zu machen, von nachhaltigen Anbauverfahren über neue Produktideen bis zu Ansätzen, die Agrarsektor und Besuchersökonomie enger verknüpfen. Dies spiegelt aktuelle Debatten in Europa, etwa über die Rolle regionaler Produkte im Kontext von Klimaschutz, Versorgungssicherheit und ökonomischer Resilienz wider.
Im niederländischen Pavillon wird die Vielfalt regionaler Produkte und Produktionssysteme thematisiert. Jede Provinz stellt ein charakteristisches Produkt vor, das als Ausgangspunkt dient, um ihre landwirtschaftliche Landschaft, kulturelle Identität und Innovationskraft zu skizzieren. Das thematische Spektrum reicht von Ackerbau über Fischerei und Gartenbau bis zu Tierhaltung. In den Küstenregionen wie Zeeland und Zuid-Holland steht die Verbindung von Meer und Landwirtschaft im Vordergrund, etwa durch Produkte wie Muscheln, Meeresalgen und innovative Lebensmittel aus Algen. Flevoland demonstriert die Bandbreite moderner Pflanzenproduktion mit nachhaltig kultivierten Süßkartoffeln, regionalem Soja und „Dry Aged“-Bio-Roter Bete. Im Norden betont Groningen den lokalen Rohstoffanbau mit einem charaktervollen Senf aus regionalen Zutaten, der zugleich ökologische Chancen in der Fruchtfolge aufzeigt. Gartenbauregionen wie Drenthe, Utrecht und Limburg präsentieren traditionelle und neue Kulturpflanzenprodukte, von Heidelbeeren über Kräuter bis zu Obstsäften. Provinzen, die Tierhaltung repräsentieren, wie Friesland und Gelderland, stellen Spezialitäten wie Schafmilcheis oder Walnussprodukte vor, die ökologische und gastronomische Aspekte verbinden, während Noord-Brabant Beispiele für die Kooperation zwischen landwirtschaftlichen Betrieben und Start-ups zeigt. Diese Auswahl regionaler Produkte illustriert, wie landwirtschaftliche Identität, Innovation und Nachhaltigkeit verknüpft werden können, um nicht nur ökonomische Wertschöpfung, sondern auch kulturelle Narrative des ländlichen Raums zu stärken.
Die niederländische Präsentation wirkt damit als Spiegel aktueller agrarpolitischer Fragestellungen: Wie lassen sich lokale und globale Anforderungen an Ernährungssysteme ausbalancieren? Welche Rolle spielen regionale Erzeugnisse in einer Zeit, in der Versorgungssicherheit und ökologische Nachhaltigkeit zunehmend in Konkurrenz zu globalen Handelsströmen stehen? Welche Wege gibt es, um ländliche Räume als Orte von Innovation, Identität und wirtschaftlicher Vielfalt zu stärken? Die Antworten auf diesen Fragen, die sich in Berlin am Beispiel der niederländischen Beteiligung abzeichnen, stehen nicht isoliert, sondern reflektieren breitere Debatten über die Zukunft der Landwirtschaft in Europa und darüber hinaus.
Der Aufbau des Pavillons: Provinzen im Porträt
Das Konzept der Vorjahre wird fortgeführt: Jede Provinz stellt ein innovatives regionales Produkt in den Mittelpunkt. Dieses Produkt dient als roter Faden, um die jeweilige Provinz zu porträtieren, verbunden mit konkreten Erlebnissen vor Ort im Sinne des Agrotourismus. Inhaltlich ist der Niederlande-Auftritt entlang der vier landwirtschaftlichen Sektoren strukturiert: Ackerbau, Fischerei, Gartenbau und Tierhaltung. Zu diesen Bereichen sind die Provinzen thematisch zugeordnet: Im Ackerbau stehen Overijssel, Noord-Holland und Groningen im Fokus, in der Fischerei Zeeland, Zuid-Holland und Flevoland, im Gartenbau Drenthe, Utrecht und Limburg sowie in der Tierhaltung Gelderland, Friesland und Noord-Brabant.
Der Niederlande-Pavillon hat den Anspruch, die Niederlande als Destination für Agrotourismus zu vertreten. Inhaltlich setzt der Auftritt klare Akzente: Die Position der Landwirtinnen und Landwirte steht im Zentrum. Darüber hinaus prägen Themen wie Ernährungssicherheit, Innovation und Technologie, die neue Generation, regionale Vielfalt sowie die Brücke zwischen Politik und Praxis den Stand.
Regionale Produkte im Fokus: Vielfalt aus Küste und Binnenland
„Farming the Future“ wird dabei ganz konkret – und vor allem genussvoll – über die ausgestellten regionalen Produkte. In den Küstenprovinzen etwa spiegelt sich die Nähe zum Meer in der Küche: Zeeland steht für Muscheln, Austern und Meeresalgen und zeigt zugleich, wie aus regionalen Ressourcen neue Produkte entstehen können – etwa knusprige Algencracker, hergestellt aus Restströmen der lokalen Algenproduktion. Auch Zuid-Holland verbindet Tradition und Zukunft: Während entlang der Küste Fischerei und Polderlandschaften das Bild prägen, entstehen in der Region zugleich neue Ideen rund um urbane Anbaumethoden und zirkuläre Produktionsketten. Ein Beispiel ist ein proteinreiches Algenpulver, das Gerichten eine besondere Umami-Note geben kann.
Wie vielseitig Innovation „from farm to fork“ sein kann, zeigt auch Flevoland: Dort reicht die Bandbreite von „Dry Aged“-Bio-Roter Bete mit intensivem Aroma über nachhaltig angebaute Süßkartoffeln bis hin zu Soja aus niederländischem Anbau. „Mit Stolz koche ich mit Produkten aus Flevoland und erzähle ihre Geschichte. Dieser Snack ist eine geschmackvolle Visitenkarte Flevolands, ein lebendiges Farbspektrum der Innovation“, sagt die TV-Köchin und Food-Innovaton-Expertin Sharon de Miranda. Im Norden wiederum setzt Groningen auch auf eine klare regionale Handschrift, mit einem charaktervollen Senf aus lokaler Produktion. „Wir bauen wieder regionale Rohstoffe an, weil sie für landwirtschaftliche Betriebe eine sinnvolle Ergänzung sind – auch dank ihrer positiven Eigenschaften in der Fruchtfolge. Gleichzeitig senkt die Nähe der Produktion die Emissionen durch kurze Wege und stärkt den Trend zu lokal erzeugten Produkten“, sagt Paul de Vries von Marne Mosterd in Groningen.
Gartenbau im Porträt: Genuss und Innovation
Drenthe bringt den Gartenbau auf den Punkt: Heidelbeeren, auf fruchtbaren Sandböden kultiviert, stehen für naturverbundenen Genuss. Utrecht verbindet alte Anbautraditionen mit neuen Ideen, zum Beispiel mit heimischen Kräutern, die als Grundlage für moderne Erfrischungsgetränke dienen. Und Limburg, fast mediterran anmutend, lädt zu Produkten ein, die nach Süden schmecken: Kürbisgerichte und frische Säfte aus Äpfeln, Birnen oder Kirschen stehen sinnbildlich für die Obst- und Genusslandschaft der Region.
Auch die Provinzen, die den Bereich Tierhaltung vertreten, setzen auf regionale Spezialitäten mit Profil. Friesland präsentiert etwa cremiges Eis aus Schafmilch, ein Produkt, das die Weidekultur und die friesische Lebensart in einen Löffel übersetzt, sowie Nackthafer als heimische Alternative zu Reis. Gelderland knüpft an Genussrouten und Hofkultur an und zeigt, wie regionale Rohstoffe weiterverarbeitet werden können, etwa zu Walnussprodukten wie Walnussöl oder einer Walnuss-Schokoladenpaste. In Noord-Brabant schließlich treffen Tradition und Innovation aufeinander: Neben klassischen Genussbotschaftern wie Trappistenkäse und Spezialbieren steht ein pflanzlicher „Sea Food“-Burger als Beispiel dafür, wie Start-ups und landwirtschaftliche Betriebe gemeinsam neue Produkte entwickeln. (NBTC)
