Wenn Jugendliche plötzlich die Erwachsenen trainieren
In Falkensee übernehmen Jugendliche Aufgaben, die in vielen Sportvereinen traditionell Erwachsenen vorbehalten sind. Sie planen Trainingseinheiten, leiten Gruppen an und tragen Verantwortung für andere. Für das Projekt „Vom Funken zur Flamme“ ist die Judoschule Falkensee e. V. am 22. September 2026 mit dem Großen Stern des Sports in Bronze ausgezeichnet worden. Der Verein erhält dafür ein Preisgeld von 1.500 Euro und zieht zugleich in die nächste Runde des Wettbewerbs auf Landesebene ein.
Die Idee entstand ursprünglich aus einem praktischen Problem. Als die Judoschule vor drei Jahren Floorball als neues Sportangebot etablieren wollte, fehlten zunächst Trainerinnen und Trainer. Statt auf die Suche nach Erwachsenen zu gehen, entwickelte der Verein ein Ausbildungskonzept für Kinder und Jugendliche. Die jungen Sportlerinnen und Sportler lernten, Trainingseinheiten vorzubereiten, Gruppen anzuleiten und Verantwortung für den Ablauf zu übernehmen. Zum Ausbildungskonzept gehören außerdem eine Schiedsrichterprüfung und ein Erste-Hilfe-Kurs.
Danach begann der ungewöhnliche Teil des Projekts: Die Jugendlichen trainierten Erwachsene. Was zunächst für beide Seiten ungewohnt war, entwickelte sich zu einem festen Bestandteil des Vereinslebens. Aus der Notlösung für eine neue Sportart wurde damit ein Modell der Nachwuchsförderung. Jugendliche werden nicht lediglich als Teilnehmer des Vereinsbetriebs verstanden, sondern als Menschen, die diesen Betrieb selbst mitgestalten können.
„Am Anfang war es für viele Erwachsene ungewohnt, von Jugendlichen trainiert zu werden. Heute ist das selbstverständlich“, sagte Yvonne Nowakowski, Vorstandsvorsitzende der Judoschule Falkensee. Die jungen Trainerinnen und Trainer hätten gezeigt, wie viel Verantwortung sie übernehmen könnten. Das habe den Verein geprägt und die Floorball-Abteilung überhaupt erst ermöglicht.
Der Ansatz berührt damit eine Frage, die viele Sportvereine beschäftigt: Wie lässt sich ehrenamtliches Engagement an die nächste Generation weitergeben? Die Antwort der Judoschule besteht nicht darin, Jugendliche irgendwann an Verantwortung heranzuführen. Sie beginnt damit deutlich früher. Wer selbst eine Gruppe anleiten muss, erfährt unmittelbar, was Organisation, Verlässlichkeit und Verantwortung bedeuten. Zugleich verändert sich das Verhältnis zwischen den Generationen. Erwachsene werden zu Lernenden, Jugendliche zu Anleitenden.
Der Deutsche Olympische Sportbund und die Volksbanken Raiffeisenbanken zeichnen mit den „Sternen des Sports“ ausdrücklich nicht sportliche Höchstleistungen aus. Im Mittelpunkt stehen Projekte, mit denen Vereine über den eigentlichen Sportbetrieb hinaus gesellschaftliche Aufgaben übernehmen. Dazu zählen unter anderem Jugend- und Bildungsarbeit, Gesundheitsförderung, Inklusion, Digitalisierung und Ehrenamtsförderung. Der Wettbewerb wird seit 2004 ausgetragen und führt von der lokalen Bronzeebene über die Landesebene in Silber bis zum bundesweiten Finale in Gold.
In Brandenburg wurden in diesem Jahr neben der Judoschule Falkensee fünf weitere Vereine ausgezeichnet. Den zweiten Platz belegte der Traditionelles Karate Strausberg e. V. mit seinem Projekt „Digitales Dojo – Karate trifft 21. Jahrhundert“ und erhielt 1.000 Euro. Auf Platz drei kam die SG Rot-Weiß Neuenhagen mit „PingPongParkinson in Neuenhagen“, einem Angebot, das sportliche Aktivität und soziale Teilhabe für Menschen mit Parkinson verbindet. Dafür gab es 700 Euro.
Weitere Förderpreise in Höhe von jeweils 500 Euro gingen an die DLRG-Ortsgruppe Oranienburg für die Nachwuchsarbeit unter dem Titel „Vom Schwimmer zur Einsatzkraft – Ehrenamt, das Leben rettet“, an den Universitätssportverein Potsdam für das Mädchen- und Frauenboxen sowie an die Potsdamer Sport Union 04 für das inklusive Hockeyangebot Specialhockey Potsdam. Insgesamt wurden auf der Bronzebene 4.700 Euro vergeben.
Für Falkensee ist die Auszeichnung allerdings nicht das Ende des Wettbewerbs. Mit dem Großen Stern des Sports in Bronze hat sich die Judoschule für die Landesauswahl qualifiziert. Dort geht es am 12. Oktober 2026 in der Staatskanzlei Potsdam um den Silbernen Stern des Sports. Die nächste Stufe entscheidet darüber, welcher Brandenburger Verein das Land im weiteren Verlauf des Wettbewerbs vertreten wird.
Bemerkenswert an dem Falkenseer Projekt ist dabei weniger die einzelne Trainingsstunde als die Verschiebung von Rollen. Ein Sportverein braucht Erwachsene, die Verantwortung übernehmen. Er braucht aber ebenso junge Menschen, die lernen, diese Verantwortung eines Tages selbst zu tragen. In Falkensee beginnt dieser Übergang offenbar nicht erst mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter. Er beginnt auf der Trainingsfläche, wenn ein Jugendlicher vor einer Gruppe steht und die Erwachsenen auf seine Anweisungen warten.
Die Berliner Volksbank ist gemeinsam mit dem Landessportbund Brandenburg für die regionale Umsetzung des Wettbewerbs „Sterne des Sports“ in Brandenburg verantwortlich. Als regionale Ausrichterin veranstaltete die Bank auch die Preisverleihung der „Sterne des Sports in Bronze“, bei der in diesem Jahr sechs Brandenburger Sportvereine für ihr gesellschaftliches Engagement ausgezeichnet wurden. Im Mittelpunkt des Wettbewerbs stehen Projekte, die über den eigentlichen Sportbetrieb hinaus Wirkung entfalten und das Zusammenleben vor Ort stärken. Mit der regionalen Ausrichtung schaffen die Berliner Volksbank und der Landessportbund Brandenburg eine Plattform für Vereine, die sich unter anderem in der Jugendarbeit, Inklusion, Gesundheitsförderung, Digitalisierung oder im Ehrenamt engagieren.
Im foto: Gewinner*innen des Großen Stern des Sports in Bronze für Brandenburg 2026 von der Judoschule Falkensee e. V., Foto: Marcel Schwickerath
