Die Straße zieht sich um
Am Samstagmittag sieht die Schönhauser Allee für einen Moment anders aus. Die U-Bahn fährt über den Köpfen hinweg, unten schieben sich Fahrräder durch den Verkehr, irgendwo klingelt eine Straßenbahn. Unter dem Viadukt, jenem mächtigen Berliner Bauwerk aus Stahl und Stein, das im Alltag meist nur als Infrastruktur wahrgenommen wird, stehen plötzlich Menschen und schauen in dieselbe Richtung. Wo sonst Eile herrscht, wird gewartet. Wo sonst die Straße den Verkehr ordnet, soll sie für einen Nachmittag etwas anderes sein: ein Laufsteg.
„Kiez & Couture“ heißt die Veranstaltung, die am 5. September den öffentlichen Raum unter dem Magistratsschirm besetzt. Das klingt zunächst nach Mode, nach Kleidern, Marken und Models. Tatsächlich erzählt der Tag aber eine andere Geschichte. Es geht um eine Straße, die sich ihrer selbst vergewissern muss.
Die Schönhauser Allee ist eine dieser Berliner Straßen, die man kaum neutral betrachten kann. Sie ist Verkehrsachse und Einkaufsstraße, Wohnort und Durchgangsraum, Kiez und Magistrale zugleich. Wer hier unterwegs ist, bleibt selten stehen. Man kommt von einem Laden zum nächsten, wartet an der Ampel, steigt in die U-Bahn oder versucht, sich mit dem Fahrrad einen Weg durch den Verkehr zu bahnen. Der öffentliche Raum ist vor allem funktional.
Die Modenschau verändert diese Ordnung nicht grundlegend. Aber sie macht sie sichtbar. Plötzlich wird der Raum, den man gewöhnlich durchquert, zu einem Raum, den man betrachtet.
Das ist vielleicht die interessanteste Pointe dieses Tages. Die Kleider sind nur der Anlass. Die eigentliche Bühne ist die Straße.
Unter dem Magistratsschirm bekommt dieser Gedanke eine besondere Kulisse. Das Viadukt gehört zu jenen Berliner Bauwerken, deren Bedeutung im Alltag leicht verschwindet, gerade weil sie so selbstverständlich geworden sind. Die Stadt hat sich an ihre Infrastruktur gewöhnt. Erst wenn dort etwas Ungewöhnliches geschieht, fällt auf, wie viel Architektur den Alltag begleitet, ohne bewusst wahrgenommen zu werden.
Nun stehen Menschen darunter und schauen auf Mode. Das Denkmal wird nicht zum Museum, sondern zum öffentlichen Raum. Genau darin liegt die Idee der Initiative Meine Schönhauser Allee. Lillemor Mallau, Sprecherin der Initiative und Geschäftsführerin der Starlounge GmbH, formuliert es schlicht: „Ein Denkmal lebt davon, dass Menschen es erleben.“
Der Satz ist größer, als er zunächst klingt. Denn er berührt eine Berliner Schwierigkeit: Die Stadt besitzt viele Orte von architektonischer und historischer Bedeutung, doch deren Nutzung folgt häufig den Regeln des Verkehrs, der Verwaltung oder des Denkmalschutzes. Bewahren und benutzen geraten leicht in Konkurrenz. Dabei ist eine Stadt nicht nur dann lebendig, wenn ihre Gebäude unversehrt bleiben. Sie ist es auch, wenn Menschen Gründe haben, sich dort aufzuhalten.
Die Schönhauser Allee braucht solche Gründe.
In den vergangenen Jahren hat sich der Blick auf die Berliner Geschäftsstraßen verändert. Der klassische Einzelhandel steht unter Druck, während Gastronomie, Dienstleistungen, Erlebnisangebote und kleinere kreative Unternehmen um Aufmerksamkeit konkurrieren. Gleichzeitig verändert die Stadt ihre Verkehrsflächen. Und an der Schönhauser Allee kündigen sich größere Bauarbeiten an. Für Händler bedeutet das mehr als Umleitungen und Absperrungen. Eine Straße kann wirtschaftlich leiden, wenn sie für längere Zeit vor allem als Baustelle wahrgenommen wird.
Dagegen lässt sich nicht mit einer Modenschau ankämpfen. Aber man kann eine andere Erzählung anbieten.
An diesem Tag stehen große Marken neben kleinen Geschäften aus dem Viertel. Junge Designer zeigen ihre Arbeiten, während bekannte Handelsunternehmen ihre Kollektionen präsentieren. Das Nebeneinander ist beinahe ein Abbild des Prenzlauer Bergs selbst: international und lokal, kommerziell und kreativ, etabliert und improvisiert.
Vielleicht ist das sogar die vernünftigste Form von Stadtmarketing: nicht zu behaupten, ein Ort sei besonders, sondern Menschen für einige Stunden dazu zu bringen, ihn anders anzusehen.
Auch die Rolle der Mode ist dabei interessant. Mode gehört traditionell in Innenräume. Boutiquen, Kaufhäuser, Schaufenster. Sie wird präsentiert, verkauft und konsumiert. Auf der Straße verändert sie ihre Bedeutung. Ein Kleid ist dort nicht mehr nur Ware. Es wird Teil einer Inszenierung. Der Körper bewegt sich durch denselben Raum wie sonst jeder Passant. Der Abstand zwischen Zuschauer und Modell ist kleiner als auf einem klassischen Laufsteg. Die Stadt selbst wird zum Hintergrund.
Das erzeugt eine eigentümliche Mischung aus Alltag und Inszenierung. Neben dem Model fährt möglicherweise ein Bus vorbei. Jemand bleibt mit einer Einkaufstasche stehen. Ein Kind schaut zu. Ein anderer geht weiter, ohne sich für die Veranstaltung zu interessieren. Genau diese Gleichzeitigkeit macht einen öffentlichen Raum aus. Er gehört keinem Publikum allein.
Und vielleicht liegt darin die eigentliche Herausforderung für die Schönhauser Allee. Eine lebendige Straße muss nicht permanent bespielt werden. Sie muss zunächst offen genug sein, damit unterschiedliche Interessen nebeneinander existieren können. Handel braucht Kunden, Anwohner brauchen Ruhe, Fußgänger brauchen Platz, Radfahrer brauchen sichere Wege, der öffentliche Verkehr braucht seine Trassen. Kultur wiederum braucht Orte, an denen sie nicht nur konsumiert, sondern erlebt werden kann.
Die Schönhauser Allee ist ein komplizierter Kompromiss zwischen diesen Ansprüchen.
„Kiez & Couture“ setzt für einen Tag einen Kontrapunkt. Der Verkehr verschwindet nicht. Die Geschäfte verändern ihren Charakter nicht. Auch die kommenden Bauarbeiten werden dadurch nicht kleiner. Aber für einige Stunden entsteht eine andere Vorstellung davon, was diese Straße sein kann.
Die Initiative setzt dabei bewusst auf den Begriff Kiez. Er ist in Berlin längst mehr als eine geografische Bezeichnung. Er steht für Nähe, Zugehörigkeit und die Vorstellung, dass Stadt nicht allein von großen Projekten geprägt wird, sondern von den vielen kleinen Entscheidungen ihrer Bewohner und Gewerbetreibenden. Welcher Laden bleibt? Welches Café öffnet? Wer organisiert eine Veranstaltung? Wer stellt einen Tisch vor die Tür? Wer bleibt stehen?
Das sind unspektakuläre Fragen. Aber aus ihnen entsteht Stadt.
Vielleicht erklärt das auch, warum die Veranstaltung unter dem Viadukt mehr ist als eine ungewöhnliche Kulisse für Mode. Sie erinnert daran, dass öffentlicher Raum nicht erst dann interessant wird, wenn er teuer umgebaut wurde. Manchmal genügt eine andere Nutzung, um einen bekannten Ort neu sichtbar zu machen.
Am Ende werden die Models den Laufsteg verlassen. Die U-Bahn wird weiterfahren. Die Schönhauser Allee wird wieder das tun, was sie jeden Tag tut: Menschen transportieren, Waren bewegen, Geschäfte versorgen und Nachbarschaften miteinander verbinden. Der Asphalt bleibt derselbe.
Nur der Blick darauf könnte für einen Moment ein anderer gewesen sein.
Vielleicht ist das für eine Stadt schon ziemlich viel.
