Die LABOR.A 2026 in Berlin stellte eine einfache, aber weitreichende Frage: Was bleibt menschlich, wenn sich die Arbeitswelt durch künstliche Intelligenz, Digitalisierung, Klimawandel und neue Formen der Beschäftigung grundlegend verändert? Unter dem Motto „HUMAN“ kamen am 15. September im Berliner Café Moskau Wissenschaftler, Gewerkschafter, Vertreter aus Unternehmen und Zivilgesellschaft zusammen. Die von der Hans-Böckler-Stiftung veranstaltete Konferenz fand zum neunten Mal statt. Mehr als 60 Organisationen waren an der Gestaltung des Programms beteiligt. Auf sieben Bühnen wurden in 42 Programmpunkten Fragen diskutiert, die längst nicht mehr nur die Zukunft betreffen, sondern den Arbeitsalltag bereits erreicht haben.
Schon der Auftakt machte deutlich, dass es bei der Debatte nicht allein um technische Innovation geht. Nach der Eröffnung durch Claudia Bogedan von der Hans-Böckler-Stiftung folgte eine Keynote von Verena Bentele vom Sozialverband VdK Deutschland. Anschließend ging es um eine der zentralen Fragen der gegenwärtigen Arbeitswelt: „Wem gehört die Zukunft der Arbeit: Mensch oder Maschine?“ Wissenschaftler und Gewerkschaftsvertreter diskutierten dabei über die Folgen technologischer Veränderungen und darüber, welche Rolle menschliche Arbeit in einer zunehmend automatisierten Wirtschaft behalten kann.
Künstliche Intelligenz zog sich als roter Faden durch das Programm. Dabei wurde sie nicht nur als Instrument zur Produktivitätssteigerung betrachtet, sondern auch als Frage der Macht und der Gestaltung von Arbeit. Eine Session beschäftigte sich mit menschenzentrierter, KI-gestützter Prozessmodellierung und damit, wie Erfahrungswissen von Beschäftigten in digitalen Systemen sichtbar gemacht werden kann. An anderer Stelle ging es um die Möglichkeiten und Grenzen generativer KI für demokratische Prozesse. Der Ansatz der Konferenz war damit weiter gefasst als die häufige Diskussion darüber, welche Berufe durch KI ersetzt werden könnten. Im Mittelpunkt stand vielmehr die Frage, unter welchen Bedingungen Technologie eingesetzt wird und wer über diese Bedingungen entscheidet.
Diese Frage nach der menschlichen Handlungsmacht zeigte sich auch in den Themen jenseits der Digitalisierung. Diskutiert wurden humane Arbeitszeiten und die Rolle der Mitbestimmung, der Gender Pay Gap, Arbeitsbedingungen in der Pflege, Migration und die Situation von Menschen mit Behinderungen. Eine Veranstaltung widmete sich betrieblichen Hitzeschutzplänen und damit einer Entwicklung, die durch den Klimawandel unmittelbar an den Arbeitsplatz gelangt. Gesundheit, Sicherheit und Produktivität lassen sich dabei kaum noch getrennt voneinander betrachten.
Bemerkenswert war die thematische Breite der Konferenz. Auf dem Programm standen ebenso die Arbeitsbedingungen in der maritimen Wirtschaft, Migration und Militarisierung wie Konflikte um die globale Energiewende. Unter dem Titel „Grüner Kolonialismus oder transnationale Partnerschaft?“ wurde danach gefragt, wie soziale und internationale Konflikte im Zuge der Energiewende bearbeitet werden können. Die Diskussion verweist auf ein grundlegendes Problem der Transformation: Der Umbau von Wirtschaft und Energieversorgung ist nicht allein eine technische Aufgabe. Er verändert Arbeitsplätze, industrielle Strukturen und regionale Interessen und kann deshalb neue Verteilungskonflikte hervorbringen.
Auch die politische Dimension der Arbeitswelt nahm breiten Raum ein. In einer „Aktuellen Stunde“ wurden die Landtagswahlen in Ostdeutschland und ihre möglichen Auswirkungen auf die Arbeits- und Lebenswelt diskutiert. Die Veranstaltung fand im Umfeld der Wahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin statt. Die Organisatoren verbanden die politische Debatte ausdrücklich mit Fragen der Demokratie, der Rechte von Beschäftigten, der Vielfalt und der Wissenschaftsfreiheit.
Besonders konkret wurde die Frage nach den Grenzen traditioneller Arbeitsorganisation bei den Diskussionen über die Plattformökonomie. Ein Panel beschäftigte sich mit Arbeitskämpfen bei Lieferdiensten wie Uber Eats. Dabei ging es um die Organisierung von Fahrradkurieren, die häufig unter individualisierten und prekären Bedingungen arbeiten. Vorgestellt wurden unter anderem Erfahrungen mit selbstorganisierten Streiks und Formen gemeinschaftlicher Unterstützung. Die Debatte zeigt, dass Digitalisierung Arbeitskonflikte nicht verschwinden lässt. Sie verändert vielmehr die Orte, an denen sie ausgetragen werden, und die Möglichkeiten, Beschäftigte zu organisieren.
Eine weitere Diskussion beschäftigte sich mit der Frage, ob Beschäftigte am Arbeitsplatz politisch neutral bleiben müssen oder Haltung zeigen sollten. Andere Beiträge widmeten sich der Gewalt gegen politisch aktive Menschen, der Situation von Pflegemigrantinnen und -migranten aus der Türkei, Brasilien und Mexiko sowie der Frage, wie sich Wohnen und Arbeiten in wachsenden Umlandstädten gemeinsam betrachten lassen. Damit wurde Arbeit nicht als isolierter ökonomischer Bereich behandelt, sondern als Teil einer gesellschaftlichen Ordnung, die von Wohnraum, Migration, Demokratie, Gesundheit und ökologischen Veränderungen geprägt wird.
Das Leitmotiv „HUMAN“ war deshalb weniger eine Festlegung auf eine bestimmte technische oder wirtschaftspolitische Antwort als ein Bezugspunkt für unterschiedliche Debatten. Die Veranstalter formulierten es als Aufforderung, bei Entscheidungen über die Zukunft der Arbeit die Auswirkungen auf Menschen stärker zum Ausgangspunkt zu machen. Dazu gehören nach ihrem Verständnis menschengerechte Arbeitsbedingungen ebenso wie die Fähigkeiten des Menschen zu Kreativität, Innovation und gesellschaftlicher Kooperation.
Dass eine solche Diskussion nicht nur in Panels stattfinden muss, zeigte der „Markt der Ideen“ im Café Moskau. Dort wurde unter anderem mit „Lona“, einem bildgenerierenden KI-System, experimentiert. Die Idee dahinter war, mit künstlicher Intelligenz Zukunftsbilder zu entwickeln und darüber ins Gespräch zu kommen, welche gesellschaftlichen Vorstellungen von guter Arbeit überhaupt entstehen können. Gleichzeitig erinnerte eine Ausstellung mit dem Titel „Vergiss nie: Hier arbeitet ein Mensch“ daran, dass hinter den alltäglichen Leistungen von Feuerwehrleuten, Müllwerkern oder Rettungskräften konkrete Menschen stehen.
Die LABOR.A zeigte damit eine Arbeitswelt im Übergang. Automatisierung und künstliche Intelligenz verändern Tätigkeiten und Entscheidungsprozesse, der Klimawandel stellt neue Anforderungen an Gesundheit und Sicherheit, Migration prägt ganze Branchen und digitale Plattformen schaffen neue Formen der Beschäftigung. Zugleich bleiben klassische Fragen bestehen: Wer verfügt über wirtschaftliche Macht? Wie werden Löhne und Arbeitszeiten bestimmt? Welche Möglichkeiten haben Beschäftigte, ihre Interessen durchzusetzen? Und wie viel Mitbestimmung braucht eine Arbeitswelt, in der technologische Entscheidungen immer stärker über die Organisation des Alltags entscheiden?
Die neunte Ausgabe der LABOR.A machte daraus keine einfache Zukunftserzählung. Sie verband technologische Fragen mit sozialen und politischen Konflikten und rückte damit einen Punkt in den Mittelpunkt, der in der Debatte über die Arbeit von morgen leicht verloren geht: Technik verändert Arbeit, aber sie entscheidet nicht allein darüber, wie Menschen künftig arbeiten. Diese Entscheidungen bleiben gesellschaftlich und politisch gestaltbar. Die Konferenz im Café Moskau war dafür weniger ein Ort fertiger Antworten als ein Forum, in dem über die Bedingungen dieser Gestaltung gestritten wurde. Die LABOR.A 2026 fand dabei hybrid statt, die Diskussionen aus Berlin wurden live übertragen.
