Vom Dieselwerk zum Zukunftslabor: Mercedes-Benz setzt in Berlin auf den Elektromotor
Im traditionsreichen Mercedes-Benz-Werk in Berlin-Marienfelde hat eine neue Ära begonnen. Dort, wo seit mehr als 120 Jahren Antriebstechnik gefertigt wird, läuft nun die Großserienproduktion eines Elektromotors an, den das Unternehmen als technologischen Meilenstein betrachtet: den Axial-Fluss-Motor. Für den Standort ist dies weit mehr als die Einführung eines neuen Produkts. Es ist ein Symbol für den tiefgreifenden Wandel der deutschen Automobilindustrie und zugleich ein Bekenntnis zur industriellen Zukunft Berlins.
Die Bedeutung des Projekts wurde bei der Eröffnung von Vertretern aus Politik und Wirtschaft hervorgehoben. Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder bezeichnete die Beherrschung der anspruchsvollen Axial-Fluss-Technologie als große Chance für die deutsche und europäische Automobilindustrie. Berlins Mobilitätssenatorin Ute Bonde sprach von einem wichtigen Signal für industrielle Wertschöpfung, Beschäftigung und die Transformation der Mobilität. Im Mittelpunkt stand jedoch vor allem die Leistung der Beschäftigten, die eine Technologie zur Serienreife gebracht haben, deren industrielle Umsetzung lange als kaum realisierbar galt.
Tatsächlich unterscheidet sich der neue Motor grundlegend von herkömmlichen Elektromotoren. Während bei klassischen Radial-Fluss-Motoren der elektromagnetische Fluss quer zur Drehachse verläuft, bewegt er sich beim Axial-Fluss-Motor parallel dazu. Die Folge ist eine besonders kompakte Bauweise bei gleichzeitig hoher Leistungs- und Drehmomentdichte. Die Motoren benötigen deutlich weniger Bauraum und Gewicht, liefern aber außergewöhnlich hohe Leistung. Im neuen vollelektrischen Mercedes-AMG GT 4-Türer Coupé kommen erstmals drei dieser Aggregate zum Einsatz. Das Fahrzeug beschleunigt in gut zwei Sekunden von null auf hundert Stundenkilometer und erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von bis zu 300 Kilometern. Damit wird deutlich, dass die Technologie nicht nur Effizienzgewinne verspricht, sondern auch neue Maßstäbe im Hochleistungssegment setzen soll.
Der eigentliche Innovationssprung liegt jedoch weniger im Produkt als in seiner Herstellung. Die Fertigung umfasst 98 einzelne Prozessschritte. 65 davon wurden erstmals bei Mercedes-Benz eingeführt, 35 gelten als Weltneuheiten. Mehr als 30 Patentanmeldungen gingen aus dem Projekt hervor. Auf rund 30.000 Quadratmetern Produktionsfläche wurden Verfahren entwickelt, die hochpräzise Lasertechnologien, künstliche Intelligenz, automatisierte Qualitätskontrollen und digitale Steuerungssysteme miteinander verbinden. Besonders anspruchsvoll ist die Verarbeitung spezieller Kupferspulen, die aufgrund ihrer Form deutlich höhere Anforderungen an Materialbearbeitung und Präzision stellen als herkömmliche Wicklungen. Ebenso komplex ist die sogenannte „Hochzeit“ des Motors, bei der Stator und Rotoren unter enormen magnetischen Kräften auf Zehntelmillimeter genau zusammengefügt werden müssen.
Für Berlin-Marienfelde bedeutet die neue Produktion die Fortsetzung eines tiefgreifenden Strukturwandels. Bereits seit 2022 entwickelt sich der Standort mit dem Mercedes-Benz Digital Factory Campus zu einem globalen Zentrum für digitale Produktionsverfahren. Hier werden Anwendungen für künstliche Intelligenz, Robotik und Softwareentwicklung unter realen Produktionsbedingungen getestet und anschließend weltweit im Konzern ausgerollt. Die Einführung des Axial-Fluss-Motors verbindet nun mehrere Zukunftsfelder miteinander: Elektromobilität, industrielle Digitalisierung und intelligente Automatisierung.
Bemerkenswert ist dabei die Rolle des Werks selbst. Noch vor wenigen Jahren stand Marienfelde exemplarisch für die Unsicherheit vieler deutscher Motorenstandorte angesichts des Übergangs vom Verbrennungsmotor zur Elektromobilität. Heute wird das Werk innerhalb des Konzerns als Modellfall für erfolgreiche Transformation betrachtet. Neben der Produktion neuer Elektromotoren fungiert der Standort als Testfeld für digitale Anwendungen, künstliche Intelligenz und neue Qualifizierungsprogramme für die Belegschaft. Die Verbindung aus industrieller Fertigung und digitaler Entwicklung soll die Wettbewerbsfähigkeit langfristig sichern.
Die Inbetriebnahme der Serienfertigung fällt in eine Phase, in der die deutsche Automobilindustrie unter erheblichem Wettbewerbsdruck steht. Insbesondere Hersteller aus China investieren massiv in Elektromobilität und neue Fertigungstechnologien. Vor diesem Hintergrund erhält das Projekt in Marienfelde eine Bedeutung, die über den Standort hinausreicht. Es zeigt, dass technologische Innovation, industrielle Produktion und hochqualifizierte Beschäftigung weiterhin in Deutschland entstehen können. Ob der Axial-Fluss-Motor tatsächlich zum technologischen Durchbruch im Premiumsegment wird, wird der Markt entscheiden. Schon heute steht jedoch fest: Mit dem Produktionsstart in Berlin-Marienfelde ist aus einer Vision industrielle Realität geworden.