Wenn Feuer zum Designer wird: Moroso zeigt in Berlin die Kunst des Unberechenbaren
Feuer ist in der Gestaltung normalerweise ein Mittel zum Zweck. Es schmilzt, härtet, verbindet oder verändert Materialien. In der Installation „Play with Fire“ von Moroso und dem italienischen Designstudio Zanellato/Bortotto wird es dagegen selbst zum Gestalter. In den Räumen von Kollwitz45 in der Kollwitzstraße 45 in Prenzlauer Berg treffen Kupfer, Glas und Keramik auf hohe Temperaturen, handwerkliche Erfahrung und eine bewusst zugelassene Unberechenbarkeit. Die Präsentation ist Teil der DesignDays.Berlin, die vom 24. bis 26. September an verschiedenen Orten der Stadt stattfinden.
Bei der Pressepräsentation am 17. September wurde deutlich, dass „Play with Fire“ weniger eine klassische Möbelausstellung als eine Untersuchung von Material und Herstellungsprozess ist. Im Mittelpunkt stehen die Kollektionen „Mangiafuoco“ und „Clay“, die Zanellato/Bortotto für Moroso entwickelt haben. Für „Mangiafuoco“ arbeitet das Studio mit der venezianischen Manufaktur Incalmi, für „Clay“ mit dem Keramikbetrieb Botteganove aus dem italienischen Keramikzentrum Nove. Beide Projekte verbindet eine einfache, aber anspruchsvolle Idee: Das Ergebnis soll nicht vollständig vorhersehbar sein.
Besonders anschaulich wird das bei „Mangiafuoco“. Ausgangspunkt ist eine Kupferplatte, auf die Glas- und Metalloxidpulver von Hand aufgetragen werden. Anschließend kommt das Werkstück für wenige Minuten bei rund 850 Grad Celsius in den Ofen. Die Moroso-Unterlagen beschreiben mehrere aufeinanderfolgende Brennvorgänge, bei denen die chemische Reaktion der jeweiligen Farben berücksichtigt werden muss. Schon geringe Veränderungen bei Temperatur, Zeit oder Material können das Ergebnis beeinflussen. Genau diese Differenzen machen aus industriell anmutenden Grundmaterialien individuelle Oberflächen.
Die Technik selbst ist keineswegs neu. Gerade ihre lange Geschichte macht das Projekt interessant. Incalmi beschreibt die Feueremaille auf Kupfer als eine traditionelle Technik, deren Wissen in der Objektgestaltung weitgehend verloren gegangen war. Zanellato und Bortotto begannen gemeinsam mit Incalmi deshalb eine intensive Recherche. Erste Ergebnisse wurden unter anderem 2022 im Rahmen des Projekts „Doppia Firma“ der Fondazione Cologni in Mailand und bei EDIT Napoli gezeigt. Die Designer berichten, dass die Technik gerade wegen ihrer Unberechenbarkeit eine besondere Faszination entwickelt: Das Feuer lässt sich kontrollieren, aber nicht vollständig beherrschen.
Damit unterscheidet sich die Herstellung grundlegend von einer industriellen Produktion, bei der möglichst identische Oberflächen angestrebt werden. Bei „Mangiafuoco“ ist die Abweichung Teil des Entwurfs. Jede Platte trägt Spuren ihres eigenen Herstellungsprozesses. Farbverläufe, Transparenzen, Oxidationen und unerwartete Reaktionen können eine Oberfläche verändern. Ein Grün etwa kann nicht einfach als festgelegter Farbton verstanden werden, sondern entsteht im Zusammenspiel von Kupfer, Glas, Oxiden und Hitze. Moroso spricht deshalb von einem Gleichgewicht zwischen Kontrolle und Unvorhersehbarkeit.
Der Name „Mangiafuoco“, zu Deutsch „Feuerschlucker“, verweist auf eine Figur aus Carlo Collodis „Pinocchio“. Für Zanellato/Bortotto passte die Bezeichnung zu einer Kollektion, bei der Feuer nicht verborgen bleibt, sondern den Charakter des Objekts entscheidend mitbestimmt. Die Tische wirken dadurch weniger wie standardisierte Möbelstücke als wie Träger einer sichtbaren Materialgeschichte. Die Oberflächen sind nicht bloß Dekoration, sondern das Ergebnis eines Vorgangs, der in jedem einzelnen Stück anders ausfallen kann.
Eine zweite Ebene der Ausstellung bildet die „Clay“-Kollektion. Hier verschiebt sich die zeitliche Dimension. Während bei der Emaille auf Kupfer innerhalb weniger Minuten über die Oberfläche entschieden wird, dauert der keramische Brennvorgang wesentlich länger. Zanellato/Bortotto sprechen von Zyklen von bis zu zwei Tagen. Erst nach dem Öffnen des Ofens zeigt sich, ob Farbe, Glasur und Oberfläche die gewünschte Wirkung erreicht haben. Auch hier bleibt ein Teil des Ergebnisses offen.
Diese Auseinandersetzung mit Keramik verweist auf die lange handwerkliche Tradition der Region um Nove und Bassano del Grappa. Das Studio interessiert dabei nicht allein die historische Technik, sondern die Frage, wie sich dieses Wissen in zeitgenössische Möbel übersetzen lässt. Bei „Clay“ erscheint Keramik deshalb unter anderem als Rückseite eines Sessels. Was bei einem Möbelstück gewöhnlich kaum Beachtung findet, wird zur sichtbaren Fläche. Später wurde das Prinzip auf Tische und ein modulares System übertragen.
Die Designer verstehen ihre Arbeit ausdrücklich als Recherche. Das zeigt sich auch an den Materialien, die in „Play with Fire“ über die Möbel hinaus eine Rolle spielen. Ein weiteres Beispiel sind venezianische Glasperlen. Zanellato/Bortotto stieß auf die Geschichte der sogenannten „Impiraresse“, Frauen, die in Venedig Glasperlen auf lange Fäden reihten. Die Perlen wurden über Jahrhunderte international gehandelt und fanden ihren Weg in Schmuck und textile Arbeiten verschiedener Regionen der Welt. Heute ist die traditionelle Herstellung in Venedig weitgehend verschwunden. Die Designer greifen diese Geschichte in einem Raumteiler auf, dessen Oberfläche aus den unterschiedlich gefärbten Glasperlen entsteht.
Auch hier geht es um die Frage, was geschieht, wenn industrielle Vereinheitlichung auf handwerkliche Individualität trifft. Die alten Perlen unterscheiden sich in Form und Farbwirkung voneinander. Dadurch wird der Raumteiler zwangsläufig zu einem Einzelstück. Der Entwurf bewahrt damit nicht nur eine bestimmte ästhetische Qualität, sondern erzählt von einem Handwerk, das in seiner ursprünglichen Form kaum noch produziert wird.
„Play with Fire“ macht damit einen Gedanken sichtbar, der in der aktuellen Designszene an Bedeutung gewinnt: Die Herkunft eines Materials und der Prozess seiner Herstellung werden wieder zu einem Bestandteil des Entwurfs. Design beschränkt sich nicht mehr auf Form, Funktion und Oberfläche. Entscheidend kann ebenso sein, welches Wissen in einem Objekt steckt, welche Handgriffe dafür notwendig sind und wie viel Kontrolle ein Designer an den Herstellungsprozess abgibt.
Das passt auch zum Ansatz von Zanellato/Bortotto. Auf ihrer eigenen Projektseite beschreiben sie ihre Arbeit als Auseinandersetzung mit Geschichte, Talent und handwerklichem Wissen, das über die Zeit erhalten bleibt und zugleich weiterentwickelt wird. „Play with Fire“ führt diese Haltung konsequent fort.
In Berlin wird daraus eine stille Gegenposition zur Idee des perfekten, reproduzierbaren Produktes. Die interessantesten Oberflächen entstehen hier gerade dort, wo Planung an ihre Grenzen stößt. Feuer wird nicht vollständig gezähmt, sondern als Teil des Entwurfs akzeptiert. Das Ergebnis ist deshalb nicht makellos im industriellen Sinn. Es ist präzise hergestellt und bleibt dennoch offen für den Zufall. Genau darin liegt die eigentliche Idee dieser Installation: Nicht der Designer allein bestimmt das Objekt. Am Ende entscheidet auch das Feuer.
