Olympia soll auch dann etwas bewegen, wenn die Spiele ausbleiben
Zehn Tage vor der Entscheidung über die deutsche Bewerbung für die Olympischen und Paralympischen Spiele haben die Landessportbünde aus Bayern, Berlin und Nordrhein-Westfalen einen gemeinsamen Vorstoß für den Kinder- und Jugendsport gestartet. Bei einer Veranstaltung im Rahmen des Herbstfinales von „Jugend trainiert“ unterzeichneten Jörg Ammon, Thomas Härtel und Stefan Klett am Mittwoch in der Hessischen Landesvertretung in Berlin eine gemeinsame Erklärung. Ihr Anliegen ist bemerkenswert, weil es den Wettbewerb zwischen München, Berlin und KölnRheinRuhr in einen längerfristigen sportpolitischen Zusammenhang stellen soll: Die Maßnahmen für Kinder, Jugendliche und den Nachwuchsleistungssport, die in den drei Bewerbungskonzepten vorgesehen sind, sollen unabhängig davon umgesetzt werden, welche Region am 26. September vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) als deutscher Bewerber ausgewählt wird.
Im Zentrum steht damit weniger die Frage, wo Deutschland möglicherweise olympische und paralympische Wettkämpfe austragen könnte, sondern welche Folgen der Bewerbungsprozess bereits vor einer möglichen Austragung haben kann. Die drei Landessportbünde sprechen sich unter anderem für mehr Bewegung im Alltag, eine stärkere Stellung des Sports in Schule und Ganztag, engere Kooperationen zwischen Schulen und Vereinen sowie eine systematischere Talenterkennung aus. Auch inklusive Sportangebote und die gleichberechtigte Entwicklung des olympischen und paralympischen Nachwuchses gehören zu den Zielen. Vorgesehen ist zudem eine tägliche Bewegungsstunde beziehungsweise eine entsprechende Ausweitung regelmäßiger Bewegungsangebote für Kinder.
Thomas Härtel, Präsident des Landessportbunds Berlin, verweist dabei auf Entwicklungen, die in Berlin bereits im Zusammenhang mit der Bewerbung angestoßen wurden. Der Berliner Senat verabschiedete Anfang September eine Zukunftsagenda, die Bewegung, Sport und Teilhabe von Kindern und Jugendlichen ausdrücklich mit der Olympia- und Paralympics-Bewerbung verbindet. Danach sollen Berliner Kinder während ihrer Schulzeit verschiedene Sportarten kennenlernen können. Zugleich soll die Talentförderung verbessert und erreicht werden, dass Kinder spätestens am Ende der Grundschule sicher schwimmen können. Die Ziele sind bewusst vor das frühestmögliche Olympiajahr 2036 gelegt.
Damit wird ein Grundproblem der deutschen Sportpolitik sichtbar: Die Diskussion über Spitzensport und internationale Medaillen beginnt häufig erst dort, wo die Voraussetzungen dafür längst geschaffen sein müssten. Talente entstehen nicht erst im Leistungssportzentrum. Sie werden in Schulen, Vereinen und im Alltag entdeckt. Dort entscheidet sich auch, ob Kinder überhaupt Gelegenheit bekommen, Sport regelmäßig zu betreiben. Eine nationale Sportstrategie für den Nachwuchs müsste deshalb verschiedene Ebenen zusammenbringen, die bislang vielfach getrennt organisiert sind: Schule, Verein, Kommunen, Länder, Sportverbände und die Förderung des Leistungssports.
Politisch ist für einen solchen Ansatz bereits ein Rahmen vorhanden. Die Sportministerkonferenz beschloss am 19. März 2026 auf Norderney die Initiierung eines Nationalen Aktionsplans zur Förderung des Kinder- und Jugendsports. Der entsprechende Beschluss nennt ausdrücklich die Notwendigkeit, die Bedingungen für Bewegung und Sport von Kindern und Jugendlichen zu verbessern. Die Erklärung der drei Landessportbünde knüpft damit an einen Prozess an, der nicht erst mit der Olympiabewerbung begonnen hat.
Eine zentrale Rolle spielt dabei „Jugend trainiert für Olympia & Paralympics“. Der von der Deutschen Schulsportstiftung getragene Wettbewerb erreicht nach eigenen Angaben jährlich rund 700.000 Schülerinnen und Schüler. Beteiligt sind die Kultusbehörden der 16 Länder, der DOSB, Sportfachverbände und der Deutsche Behindertensportverband. In den Bundesfinals werden Wettbewerbe in 26 Sportarten ausgetragen, darunter 19 olympische und sieben paralympische Disziplinen. Der Wettbewerb ist damit nicht nur eine Plattform für den schulischen Sport, sondern auch eine Schnittstelle zwischen Schule und organisiertem Sport.
Gerade diese Verbindung soll nach dem Willen der drei Landessportbünde ausgebaut werden. Wettbewerbe wie „Jugend trainiert“ und die Bundesjugendspiele sollen verlässlich weiterentwickelt werden. Dahinter steht die Vorstellung, dass Talentförderung nicht ausschließlich über spezialisierte Leistungszentren organisiert werden kann. Wer junge Sportlerinnen und Sportler finden und entwickeln will, muss möglichst früh Zugang zu unterschiedlichen Sportarten schaffen und dabei auch jene Kinder erreichen, die nicht bereits über leistungsorientierte Vereinsstrukturen verfügen.
Die drei Bewerbungsregionen haben hierfür unterschiedliche Konzepte entwickelt. Berlin verbindet seine Bewerbung mit den Bundesländern Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen. München tritt als einzelner Standort an, während KölnRheinRuhr ein regionales Modell mit zahlreichen Städten in Nordrhein-Westfalen verfolgt. Die Entscheidung über den deutschen Bewerber fällt am 26. September bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung des DOSB in Baden-Baden.
Gerade deshalb hat die gemeinsame Erklärung der Landessportbünde eine sportpolitische Dimension, die über die aktuelle Bewerbungsphase hinausweist. Sie versucht, den Wettbewerb um die olympische Kandidatur von der Frage zu trennen, welche langfristigen sportpolitischen Ziele Deutschland verfolgen sollte. Die Bewerbung wäre dann nicht nur ein Auswahlverfahren zwischen drei Regionen, sondern könnte als Anlass dienen, gemeinsame Standards für Bewegung, Nachwuchs und Teilhabe zu entwickeln.
Unterstützung kommt dabei auch aus dem Kreis ehemaliger und aktiver Athletinnen und Athleten. Olympiasiegerin Svenja Brunckhorst, die Beachvolleyballerin Karla Borger, die Olympiamedaillengewinnerin Alexandra Burghardt und die Paralympics-Siegerin Mareike Miller verweisen jeweils auf unterschiedliche Aspekte: bessere Zugänge zum Sport, moderne Trainingsbedingungen, eine zeitgemäße Infrastruktur und inklusive Angebote. Die Forderung nach einer „Bewegungsgarantie“ für jedes Kind ist dabei weniger eine konkrete politische Maßnahme als eine Leitidee, an der sich die praktische Ausgestaltung messen lassen müsste.
Die eigentliche Bewährungsprobe liegt deshalb nicht in der Erklärung selbst. Entscheidend wäre, ob aus den angekündigten Maßnahmen verbindliche Programme, Finanzierung und Zuständigkeiten entstehen. Eine zusätzliche Sportstunde lässt sich ebenso wenig durch eine Bewerbung garantieren wie eine bessere Zusammenarbeit zwischen Schule und Verein. Dafür braucht es Lehrkräfte, Trainer, Sportstätten, Wasserflächen, kommunale Mittel und langfristige politische Entscheidungen. Auch die Talentförderung steht vor dem Problem, dass leistungsorientierte Angebote und Breitensport nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen.
Der Zeitpunkt des Vorstoßes ist dennoch bewusst gewählt. Am 26. September entscheidet der DOSB, ob Deutschland mit Berlin, München oder KölnRheinRuhr in den internationalen Bewerbungsprozess eintritt. Die drei Landessportbünde wollen verhindern, dass mit dieser Entscheidung auch die sportpolitischen Ideen der unterlegenen Regionen verschwinden. Ihr gemeinsames Signal lautet daher: Die Konkurrenz um Olympia endet mit der Auswahl des Bewerbers, die Verantwortung für den Sport der nächsten Generation jedoch nicht.
