Im Schatten des Festivaltrubels richtet sich der Blick bei den Internationalen Filmfestspielen zunehmend auf jene, die das Kino von morgen prägen sollen. Beim diesjährigen Jahrgang von Berlinale Talents wurden im Rahmen des Mastercard Enablement Programme 2026 zwei Filmschaffende ausgezeichnet, deren Arbeit weit über einzelne Filmprojekte hinausweist. Der Simbabwer Tapiwa Chipfupa und der Venezolaner Jaimar Marcano Vivas erhalten eine finanzielle Förderung sowie Mentoring, um Initiativen weiterzuentwickeln, die auf strukturelle Stärkung ihrer jeweiligen Filmszenen zielen. Das Programm, eine Kooperation von Berlinale Talents mit dem Zahlungskonzern Mastercard, existiert seit 2020 in dieser Form und versteht sich als Instrument, um künstlerische Praxis mit gesellschaftlichem Engagement zu verbinden. Pro Jahr werden zwei neue Fellows ausgewählt, die jeweils 5.000 Euro Projektförderung und zusätzlich Mentoring-Leistungen im gleichen Umfang erhalten; ergänzt wird dies durch die Rückkehr zweier Alumni für ein Vertiefungsjahr.
Berlinale Talents selbst wurde 2003 als Nachwuchsinitiative der Internationale Filmfestspiele Berlin gegründet und hat sich seither zu einer der international sichtbarsten Plattformen für Filmprofessionals entwickelt. Jährlich werden mehrere Hundert Talente aus Regie, Produktion, Drehbuch, Kamera und weiteren Gewerken eingeladen, um in Workshops, Labs und Diskussionsformaten an Projekten zu arbeiten und Netzwerke zu knüpfen. Das Enablement Programme setzt an einer anderen Stelle an: Es fördert nicht primär einzelne Filme, sondern Initiativen, die in ihren Herkunftsländern nachhaltige Strukturen aufbauen sollen. Die Auswahl von Chipfupa und Marcano Vivas verweist damit auf Regionen, deren Filmindustrien unter prekären Bedingungen operieren.
Tapiwa Chipfupa hat mit dem Audiovisual Entrepreneurs Laboratory ein Trainings- und Mentoringformat in Simbabwe etabliert, das Produzentinnen und Produzenten beim Aufbau professioneller Kompetenzen unterstützt. In einem Land, dessen Filmwirtschaft durch begrenzte Finanzierungsmöglichkeiten und schwache Infrastruktur geprägt ist, zielt das Labor darauf, unternehmerische Kenntnisse mit künstlerischer Entwicklung zu verbinden und den Zugang zu internationalen Märkten zu erleichtern. Jaimar Marcano Vivas wiederum gründete mit enREDadera ein Netzwerk venezolanischer Filmschaffender, das auf kollaborative Produktionsmodelle, Wissensaustausch und Archivierung setzt. Angesichts der politischen und wirtschaftlichen Krise Venezuelas, die auch die kulturelle Infrastruktur massiv beeinträchtigt hat, gewinnt ein solches selbstorganisiertes Kollektiv besondere Bedeutung. Es schafft Kontinuität in einem Umfeld, das von Abwanderung und Ressourcenknappheit gekennzeichnet ist.
Neben den neuen Fellows kehren mit Phillip Leteka aus Lesotho und Ammar Aziz aus Pakistan zwei Alumni in das Programm zurück. Leteka arbeitet am Aufbau nachhaltiger Ausbildungsstrukturen und hat in Lesotho eine Akademie für Film und Medien initiiert, die praktische Produktionserfahrung mit publizistischer Reflexion verbindet. Aziz wiederum setzt sich mit dem Projekt „Super Sohni“ in Pakistan mit sexualisierter Gewalt gegen Kinder auseinander und kombiniert animierte Erzählformate mit Bildungsarbeit und Dokumentarfilm. Beide Beispiele verdeutlichen den programmatischen Anspruch, Film nicht nur als Kunstform, sondern als gesellschaftliches Werkzeug zu begreifen.
Die Jury des Jahrgangs 2026, der unter anderem der Schauspieler und Produzent Lamin Leroy Gibba sowie die Regisseurin Mala Reinhardt angehörten, betonte die strukturelle Wirkungskraft der ausgewählten Projekte. Auch wenn Mastercard als langjähriger Partner der Berlinale auftritt und das Programm finanziell trägt, bleibt entscheidend, ob solche Förderinstrumente langfristig lokale Filmökosysteme stärken können oder ob sie punktuelle Impulse setzen, die ohne weitere institutionelle Einbettung versanden. In einer globalisierten Filmbranche, in der Fördermittel, Plattformen und Märkte stark konzentriert sind, zielt das Enablement Programme erkennbar darauf, periphere Stimmen sichtbarer zu machen und Netzwerke jenseits der etablierten Produktionszentren zu knüpfen. Dass die Auswahl 2026 auf Simbabwe und Venezuela fällt, ist insofern auch ein Signal: Die Zukunft des Kinos wird nicht allein in den Studios von Los Angeles oder den Fördertöpfen Europas entschieden, sondern ebenso in Werkstätten, Kollektiven und Ausbildungsinitiativen, die unter schwierigen Bedingungen neue Erzählräume öffnen.
