Wenn Protein zur Frage der Sicherheit wird
Die Debatte über pflanzliche und alternative Proteine hat einen bemerkenswerten Perspektivwechsel vollzogen. Lange ging es vor allem um Geschmack, Preis und die Frage, ob ein pflanzliches Schnitzel dem tierischen Original möglichst nahekommt. Auf der New Food Conference 2026 in Berlin rückte dagegen eine weit größere Frage in den Mittelpunkt: Wie widerstandsfähig ist die Ernährung eines Landes, wenn geopolitische Konflikte, Handelsbarrieren, Klimafolgen und fragile Lieferketten gleichzeitig auf die Lebensmittelproduktion einwirken?
Unter dem Titel „Beyond the Hype: Resilient Systems, Cross-Industry Alliances“ trafen sich am 25. August im Gasometer auf dem EUREF-Campus mehr als 260 Vertreter der internationalen Lebensmittelbranche aus 17 Ländern. Die von ProVeg International veranstaltete Konferenz wollte damit ausdrücklich über die klassische Wachstumslogik des Plant-Based-Marktes hinausgehen. Aus einem von Start-ups und Risikokapital geprägten Segment soll eine belastbare Industrie werden.
Das ist nicht nur eine Frage der Lebensmitteltechnologie. Es geht um Landwirtschaft, Rohstoffversorgung, industrielle Kapazitäten, Handelsstrukturen und politische Rahmenbedingungen. Genau an dieser Schnittstelle wurde in Berlin diskutiert. Besonders deutlich wurde das in der Gesprächsrunde „In Times of Crisis: Turning Supply Chain Risks into Growth Opportunities“. Dort stand die Frage im Raum, ob die gegenwärtigen Krisen nicht nur Risiken für die Lebensmittelwirtschaft darstellen, sondern zugleich den Anstoß für eine grundsätzlich andere Proteinversorgung geben könnten.
Die Argumentation ist zunächst nüchtern. Wenn Düngemittel teurer werden, Transportwege unsicherer sind, Handelsbeziehungen politisch unter Druck geraten oder Ernten durch Extremwetter ausfallen, werden Lieferketten zu einem strategischen Faktor. Unternehmen müssen dann nicht nur nach dem günstigsten Rohstoff suchen, sondern nach einer Versorgung, die auch unter veränderten Bedingungen funktioniert. Die New Food Conference stellte deshalb die Frage, ob alternative Proteine künftig nicht mehr ausschließlich unter dem Gesichtspunkt von Nachhaltigkeit oder Konsumentenpräferenzen betrachtet werden sollten, sondern auch unter jenem der Versorgungssicherheit.
Der Begriff der „Proteinsouveränität“ klingt zunächst politisch. Dahinter steckt jedoch ein sehr konkretes wirtschaftliches Problem: Europa importiert erhebliche Mengen proteinreicher Rohstoffe und Futtermittel und ist damit Teil globaler Abhängigkeiten. Eine breitere Proteinbasis könnte diese Abhängigkeiten zumindest teilweise reduzieren. Dafür genügt es allerdings nicht, neue Produkte in Supermarktregale zu stellen. Es braucht Anbauverträge, verlässliche Abnahmemengen, Verarbeitungskapazitäten und Investitionen in Infrastruktur. Genau diese Verbindung von Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie war deshalb ein wiederkehrendes Thema der Konferenz.
Damit verändert sich auch die Perspektive auf die Branche selbst. Der Markt für pflanzliche und alternative Proteine befindet sich nach Einschätzung der Veranstalter in einer Konsolidierungsphase. Die Zeit der reinen Produktneuheiten und hoher Erwartungen an Start-ups ist nicht vorbei, aber ihre Maßstäbe haben sich verschoben. Entscheidend werden zunehmend Skalierbarkeit, Kosten, Geschmack, Textur und eine zuverlässige Produktion. Aus der Idee muss ein wirtschaftlich tragfähiges Produkt werden, das sich in bestehende Einkaufs- und Produktionsstrukturen integrieren lässt.
Auch im Einzelhandel ist diese Entwicklung sichtbar. Pflanzliche Produkte werden nicht mehr ausschließlich als Spezialsortiment für eine kleine Gruppe von Vegetariern oder Veganern behandelt. Eigenmarken und preislich wettbewerbsfähige Produkte haben die Kategorie stärker in den Alltag des Lebensmittelhandels gebracht. Damit verändert sich zugleich die Erwartung der Verbraucher. Ein Produkt muss nicht mehr allein deshalb gekauft werden, weil es pflanzlich ist. Es muss im konkreten Alltag überzeugen.
Das gilt umso mehr, als sich die gesundheitspolitische Debatte verändert. Auf der Konferenz wurde deshalb auch über GLP-1-Agonisten diskutiert, die bei der Behandlung von Adipositas und anderen Stoffwechselerkrankungen eingesetzt werden und den Appetit reduzieren können. Wenn Menschen weniger essen, gewinnt die Qualität der verbleibenden Nahrung an Bedeutung. Die Frage nach der Nährstoffdichte wird damit auch für die Produktentwicklung relevanter. Protein allein ist dabei kein ausreichendes Kriterium. Entscheidend ist das Zusammenspiel aus Proteinqualität, Energiegehalt, Mikronährstoffen, Ballaststoffen und der gesamten Ernährungsweise.
Die Konferenz verband diese Entwicklung mit einem zweiten großen Gesundheitsthema: der Langlebigkeit. Mikrobiom, Darmgesundheit und Prävention verschieben den Blick weg von der isolierten Frage, wie stark ein Lebensmittel verarbeitet wurde. Für die Lebensmittelindustrie stellt sich vielmehr die Frage, welche funktionalen Eigenschaften ein Produkt tatsächlich besitzt und ob sich diese wissenschaftlich belastbar begründen lassen. Damit wird die nächste Generation pflanzlicher Produkte anspruchsvoller. „Pflanzlich“ allein ist kein Qualitätsversprechen.
Technologisch wächst gleichzeitig die Bandbreite. Neben klassischen pflanzlichen Proteinquellen wurden in Berlin unter anderem Präzisionsfermentation, molekulare Landwirtschaft und weitere Verfahren zur Herstellung alternativer Proteine diskutiert. Die technologische Vielfalt erhöht die Möglichkeiten, beseitigt aber nicht automatisch die wirtschaftlichen Probleme. Jede neue Produktionsmethode muss sich letztlich an denselben Bedingungen messen lassen: Rohstoffe müssen verfügbar sein, Anlagen müssen wirtschaftlich arbeiten, regulatorische Verfahren müssen funktionieren und Verbraucher müssen das Ergebnis akzeptieren.
Gerade bei neuen Technologien zeigt sich deshalb die Bedeutung politischer Entscheidungen. Investitionen in neue Produktionsverfahren haben lange Amortisationszeiten. Unternehmen benötigen dafür verlässliche regulatorische Rahmenbedingungen. In Berlin diskutierte deshalb auch ein Panel mit dem Agrarwissenschaftler Peter Feindt über politische und regulatorische Wege zu einer widerstandsfähigeren europäischen Proteinversorgung. Die Frage lautet dabei nicht mehr allein, ob alternative Proteine politisch gefördert werden sollen, sondern unter welchen Bedingungen Europa eine eigene industrielle und landwirtschaftliche Basis für die Proteinwende entwickeln kann.
Das ist auch deshalb relevant, weil Deutschland im europäischen Vergleich ein wichtiger Markt für pflanzenbasierte Lebensmittel ist. Nach Angaben von GFI Europe lag Deutschland zuletzt vor Großbritannien und Italien beim Marktvolumen pflanzenbasierter Lebensmittel im europäischen Einzelhandel. Damit ist der deutsche Markt nicht nur Absatzgebiet, sondern potenziell auch ein Standort für Produktentwicklung, Verarbeitung und neue landwirtschaftliche Wertschöpfungsketten.
Die eigentliche Herausforderung liegt allerdings zwischen Acker und Supermarkt. Wenn alternative Proteine einen größeren Beitrag zur Versorgung leisten sollen, müssen Landwirte einen wirtschaftlichen Anreiz erhalten, entsprechende Kulturen anzubauen. Lebensmittelhersteller wiederum brauchen kalkulierbare Mengen und Qualitäten. Der Handel benötigt Produkte, die sich verkaufen lassen. Und Verbraucher müssen keinen politischen Auftrag erfüllen, wenn sie einkaufen gehen. Sie entscheiden nach Preis, Geschmack, Gewohnheit und Verfügbarkeit.
Vielleicht liegt genau darin die wichtigste Erkenntnis der Berliner Konferenz. Die Proteinwende wird nicht dadurch entschieden werden, dass eine Technologie auf einer Messe besonders beeindruckend aussieht. Sie entscheidet sich in Beschaffungsverträgen, auf Feldern, in Produktionsanlagen, im Supermarktregal und letztlich am Esstisch.
Die Krisen der vergangenen Jahre haben gezeigt, wie schnell scheinbar stabile Systeme unter Druck geraten können. Für die Lebensmittelwirtschaft bedeutet das, Versorgungssicherheit stärker als strategische Aufgabe zu betrachten. Alternative Proteine könnten dabei einen Beitrag leisten. Sie sind jedoch kein automatischer Schutz gegen geopolitische Konflikte, Klimarisiken oder Preissteigerungen. Auch pflanzliche Rohstoffe brauchen Fläche, Wasser, Dünger, Energie, Verarbeitung und funktionierende Handelswege.
Die New Food Conference hat deshalb weniger das Ende des Fleischzeitalters ausgerufen, als einen nüchternen Übergang beschrieben. Die Branche versucht, erwachsen zu werden. Aus dem Versprechen einer neuen Ernährung soll ein belastbares Wirtschaftssystem entstehen. Ob das gelingt, wird nicht allein von der Frage abhängen, ob die nächste Generation pflanzlicher Produkte besser schmeckt. Entscheidend wird sein, ob sie zugleich bezahlbar, nährstoffreich, skalierbar und verlässlich verfügbar ist. Erst dann wird aus der Alternative ein Bestandteil der Versorgung.
