80 Jahre nach ihrer Gründung steht die Handwerkskammer Potsdam vor ähnlichen Fragen wie in ihren bewegtesten Jahren: Wie lässt sich wirtschaftlicher Wandel gestalten, ohne gewachsene Strukturen zu verlieren? Wie können Betriebe Fachkräfte gewinnen, Investitionen stemmen und zugleich die steigenden Anforderungen von Politik und Verwaltung bewältigen? Beim Gartenfest zum 80-jährigen Bestehen der Handwerkskammer am Schwielowsee wurden diese Fragen nicht nur gefeiert, sondern offen diskutiert. Rund um das Jubiläum trafen Vertreter aus Handwerk, Politik und Wirtschaft zusammen, um über die Zukunft einer Branche zu sprechen, die als Rückgrat der brandenburgischen Wirtschaft gilt. Die Handwerkskammer Potsdam vertritt heute rund 17.500 Betriebe mit mehr als 80.000 Beschäftigten in über 125 Gewerken.
Ministerpräsident Dr. Dietmar Woidke nutzte sein Grußwort für einen Blick zurück und nach vorn. Besonders würdigte er die Leistungen der Handwerksbetriebe in den Jahren nach der deutschen Einheit. Während große Teile der ostdeutschen Industrie Anfang der 1990er Jahre zusammenbrachen, hätten viele Handwerksunternehmen unter schwierigen Bedingungen neu begonnen, Arbeitsplätze geschaffen und junge Menschen ausgebildet. Das Handwerk sei damals wie heute ein Stabilitätsanker für Brandenburg gewesen. Diese historische Erfahrung präge auch seinen Blick auf die gegenwärtige wirtschaftliche Lage. Statt in Pessimismus zu verfallen, müsse Deutschland wieder stärker auf Unternehmergeist, Eigenverantwortung und Investitionen setzen.
Mehrfach verwies Woidke auf die Belastungen, mit denen die Betriebe derzeit konfrontiert sind. Hohe Energiepreise, steigende Materialkosten, Fachkräftemangel und zunehmende Bürokratie erschwerten den Alltag vieler Unternehmen. Besonders deutlich wurde er beim Thema Regulierung. Vertrauen in die Qualifikation und Verantwortung der Handwerker müsse wieder stärker an die Stelle immer neuer Kontroll- und Dokumentationspflichten treten. Qualität entstehe nicht durch zusätzliche Formulare, sondern durch Fachwissen, Erfahrung und den Wettbewerb um zufriedene Kunden.
Ein weiterer Schwerpunkt seiner Rede war die Energiepolitik. Brandenburg produziere große Mengen erneuerbarer Energie und müsse stärker davon profitieren. Regionen mit hoher Energieerzeugung sollten auch günstige Rahmenbedingungen für Unternehmen erhalten. Nur so könne die Energiewende zu einem Standortvorteil für Handwerk und Mittelstand werden. Gleichzeitig betonte Woidke, dass wirtschaftliches Wachstum die zentrale Voraussetzung bleibe, um soziale Sicherungssysteme langfristig zu finanzieren und Reformen wirksam werden zu lassen.
Dass die Landesregierung den Dialog mit dem Handwerk intensivieren will, zeigte sich auch durch die Ankündigung eines neuen Aktionsprogramms. Bereits am Folgetag sollten Landesregierung, Handwerkskammern und weitere Partner das Programm „Zukunft des Handwerks im Land Brandenburg 2026–2029“ unterzeichnen. Vorgesehen sind Maßnahmen zur Fachkräftesicherung, Ausbildung, Unternehmensnachfolge, Existenzgründung, Energiewende und zum Bürokratieabbau. Das Programm soll den Rahmen für die Zusammenarbeit der kommenden Jahre bilden.
Zum Jubiläum gehörten jedoch nicht nur politische Debatten, sondern auch persönliche Würdigungen. Woidke erinnerte an den langjährigen Kammerpräsidenten Klaus Windeck, der kurz zuvor seinen 85. Geburtstag gefeiert hatte und über viele Jahre die Entwicklung des Handwerks in Brandenburg mitprägte. Ebenso gratulierte er Hauptgeschäftsführer Ralph Bührig zu dessen 25-jährigem Wirken für die Handwerkskammer. Die Anerkennung ehrenamtlichen Engagements und langjähriger Berufserfahrung zog sich wie ein roter Faden durch den Abend.
Das Jubiläum machte deutlich, wie eng die Geschichte Brandenburgs mit der Geschichte seines Handwerks verbunden ist. Die Herausforderungen haben sich verändert, doch viele Grundfragen bleiben dieselben: Wie können Betriebe investieren, Fachkräfte gewinnen und wirtschaftlich erfolgreich bleiben? Nach 80 Jahren sieht sich die Handwerkskammer Potsdam weiterhin als Stimme einer Branche, die nicht nur Gebäude errichtet, Anlagen installiert oder Lebensmittel produziert, sondern in vielen Regionen auch gesellschaftlichen Zusammenhalt und wirtschaftliche Stabilität sichert. Das Gartenfest in Caputh war deshalb weniger ein Rückblick auf Vergangenes als eine Diskussion über die Zukunft.