Olympic BBQ in Berlin: Zwischen Abschied und Aufbruch
Am Wannsee wurde am Dienstagabend nicht nur auf Medaillen zurückgeblickt. Beim traditionellen „Olympic BBQ“ des Olympiastützpunktes Berlin trafen sich Athletinnen und Athleten, Trainer, Unterstützer und Vertreter des Berliner Sports zu einem Abend, der zwei unterschiedliche Perspektiven miteinander verband: den Abschied von erfolgreichen Karrieren und den Beginn eines neuen olympischen Zyklus. Während für einige Berliner Spitzensportler die aktive Laufbahn endet, richten andere den Blick bereits auf Los Angeles 2028. Zugleich gewinnt die Berliner Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele eine neue politische Schärfe. Am 26. September entscheidet der Deutsche Olympische Sportbund in Baden-Baden, ob Berlin, München oder KölnRheinRuhr Deutschland in der internationalen Bewerbung vertreten soll.
Sportsenatorin Iris Spranger nutzte das Treffen, um die Verbindung zwischen dem Berliner Spitzensport und der Olympiabewerbung hervorzuheben. Die erfolgreichen Berliner Athletinnen und Athleten hätten die Sportmetropole bei Olympischen und Paralympischen Spielen sowie Welt- und Europameisterschaften vertreten, sagte Spranger. Berlin wolle sich deshalb mit ganzer Kraft für seine Bewerbung einsetzen. In den vergangenen Monaten habe die Bewerbung auch gesellschaftliche und politische Unterstützung erfahren. Das Abgeordnetenhaus stimmte im Mai mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit für das Berliner Konzept BERLIN+, das gemeinsam mit Brandenburg, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern getragen wird. Anfang Juni wurde das finale Konzept beim DOSB eingereicht.
Die Berliner Debatte über Olympia ist dabei längst nicht mehr allein eine Frage von Sportstätten und internationalen Wettbewerben. Beim Olympic BBQ wurde insbesondere die Rolle des Para-Sports und der Inklusion angesprochen. Die Bewerbung könne, so die Argumentation aus dem Umfeld des Berliner Sports, einen Impuls für eine stärkere Verbindung von Breiten- und Leistungssport, für Kinder und Jugendliche sowie für die weitere Entwicklung inklusiver Sportangebote geben. Gerade die Paralympics würden dabei eine besondere Bedeutung erhalten. Der Landessportbund Berlin hatte Ende 2025 im Rahmen einer Volksinitiative rund 28.000 Unterschriften für eine Bewerbung gesammelt. Das Abgeordnetenhaus fasste anschließend den entsprechenden Beschluss.
Für die Sportler selbst bleibt allerdings der Wettkampf der unmittelbare Maßstab. Eine der Athletinnen, die derzeit besonders deutlich für den Übergang in den nächsten Olympiazyklus steht, ist die Kanutin Pauline Jagsch vom SC Berlin-Grünau. Sie konnte beim Treffen krankheitsbedingt nicht dabei sein, blickt aber auf eine erfolgreiche Saison zurück. In Poznań wurde sie Weltmeisterin und gewann insgesamt dreimal Edelmetall. Der Olympiastützpunkt Berlin bezeichnete ihre Saison als herausragend. Für Jagsch ist die Erfahrung aus unterschiedlichen Bootsklassen ebenso wichtig wie die gewonnenen Medaillen. K1, K2 und K4 verlangten unterschiedliche taktische und technische Anforderungen. Die Erfahrungen aus diesen Rennen sollen nun in die Vorbereitung auf die kommenden internationalen Wettbewerbe einfließen. Sie gehe mit Rückenwind und größerem Selbstvertrauen in das vorolympische Jahr, zugleich aber mit dem Bewusstsein, dass das Leistungsniveau weiter steige, beschreibt sie ihre Ausgangslage.
Auch Minerva Hase und Nikita Volodin stehen exemplarisch für den neuen Zyklus. Das Berliner Paar gewann bei den Olympischen Winterspielen in Mailand Bronze und anschließend bei der Weltmeisterschaft in Prag Gold. Der Olympiastützpunkt Berlin führte den WM-Titel im März als besonderen Erfolg für den Berliner Eiskunstlauf. Hase, in Berlin geboren und aufgewachsen, will im neuen Kurzprogramm nun bewusst einen Teil ihrer Heimatgeschichte auf das Eis bringen. Der Mauerfall und die Berliner Techno-Kultur bilden den thematischen Hintergrund. Damit verbindet das Paar Sport mit einer Geschichte, die für Berlin zugleich historisch und gegenwärtig ist. Für Hase ist es ein Versuch, die eigene Herkunft nicht nur über den Trainingsort, sondern auch über die künstlerische Gestaltung des Programms sichtbar zu machen.
Berlin bleibt für Hase und Volodin auch sportlich ein wichtiger Standort. Im Eiskunstlauf ist ein leistungsfähiges Umfeld aus Trainern, Trainingspartnern, Physiotherapie, Sportmedizin und weiteren Unterstützungsstrukturen entscheidend. Dass internationale Paare zunehmend in Berlin trainieren, wird von Hase als Zeichen für die Entwicklung des Standorts verstanden. Der Olympiastützpunkt verfügt neben den sportartspezifischen Einrichtungen über eigene Bereiche für Sportmedizin, Physiotherapie, Sportpsychologie, Ernährungsberatung und Trainingswissenschaft.
Für Tim Linke richtet sich der Blick derweil auf eine andere große Bühne. Der Sitzvolleyballer vom SCC Berlin wurde mit der deutschen Nationalmannschaft Europameisterschaftszweiter und als bester Libero ausgezeichnet. Nach dem sechsten Platz bei der Weltmeisterschaft beginnt für ihn die Vorbereitung auf die Heim-Europameisterschaft 2027 in Leipzig. Dort geht es nicht nur um einen weiteren internationalen Titel, sondern auch um wichtige Quotenplätze für die Paralympischen Spiele in Los Angeles. Linke beschreibt deshalb die kommenden Trainingslager als Grundlage für das eigentliche Ziel: bei der Heim-EM die Chance auf die Qualifikation zu nutzen.
Seine Perspektive verbindet den sportlichen Wettbewerb mit der gesellschaftlichen Dimension der Paralympics. Eine Austragung in Berlin könne dem Para-Sport eine größere öffentliche Bühne geben und damit auch die Diskussion über Inklusion verändern, lautet seine Einschätzung. Für den Berliner Sport ist diese Verbindung inzwischen ein zentraler Bestandteil der Olympiaargumentation. Die Bewerbung BERLIN+ stellt neben sportlichen Fragen ausdrücklich auch die langfristige Wirkung für Stadt und Gesellschaft in den Mittelpunkt. Der DOSB nennt in seinem Auswahlverfahren unter anderem Vision und Legacy sowie gesellschaftliche und politische Akzeptanz als relevante Kriterien.
Beim Olympic BBQ standen jedoch nicht nur die kommenden Jahre im Mittelpunkt. Florian Unruh im Bogenschießen, Marc Koch in der Leichtathletik, Johanna Schikora im Flossenschwimmen, Anton Finger im Rudern und Elisa Tartler im Bogenschießen wurden aus dem aktiven Spitzensport verabschiedet. Ihre Karrieren markieren die andere Seite des Leistungssports: Während die nächste Generation bereits auf internationale Wettkämpfe hinarbeitet, endet für andere nach Jahren des Trainings, der Reisen und der Wettbewerbe die Zeit als aktive Athletin oder aktiver Athlet.
Zum Kreis der weiteren Gäste gehörten unter anderem der Leichtathlet Emil Agyekum, die Eiskunstläufer Annika Hocke und Robert Kunkel, die Para-Eishockeyspieler Leopold Reimann und Malte Brelage, die Turmspringerinnen Pauline Pfeif und Elena Wassen, die Ruderin Frauke Hundeling sowie die Bogenschützin Charline Scheiding. Damit spiegelte der Abend die Breite des Berliner Spitzensports wider, von olympischen und paralympischen Disziplinen bis zu Sportarten, die außerhalb großer Wettbewerbe weniger Aufmerksamkeit erhalten.
Harry Bähr, Leiter des Olympiastützpunktes Berlin, beschrieb das Treffen als Moment zwischen Rückblick und Zukunft. Der OSP wolle erfolgreiche Athletinnen und Athleten würdigen, sich von verdienten Sportlern verabschieden und zugleich die Voraussetzungen für den kommenden Olympia- und Paralympics-Zyklus schaffen. Diese Aufgabe reicht weit über die Betreuung einzelner Wettkämpfer hinaus. Das Berliner Stützpunktsystem verbindet sportmedizinische und trainingswissenschaftliche Betreuung mit Physiotherapie, Sportpsychologie, Ernährungsberatung und Laufbahnberatung.
So lag über dem Abend am Wannsee eine eigentümliche Gleichzeitigkeit. Für fünf Sportler endete ein Abschnitt ihres Lebens, andere begannen bereits mit der Vorbereitung auf die nächsten großen Entscheidungen. Los Angeles 2028 ist für viele Berliner Athletinnen und Athleten das konkrete sportliche Ziel. Politisch geht der Blick noch weiter. Sollte sich Berlin am 26. September in Baden-Baden gegen München und KölnRheinRuhr durchsetzen, würde aus der derzeitigen Bewerbung der nächste Schritt eines internationalen Auswahlverfahrens. Welche Stadt Deutschland vertreten wird, entscheidet dabei nicht der sportliche Erfolg einzelner Athleten, sondern der DOSB auf Grundlage eines mehrstufigen Auswahlprozesses.
Das Olympic BBQ zeigte damit vor allem, was Spitzensport im Alltag bedeutet: Medaillen sind der sichtbare Teil einer langen Entwicklung. Dahinter stehen Trainingsjahre, medizinische Betreuung, Trainerteams, Verbände, Familien und eine Infrastruktur, die Erfolge überhaupt erst möglich macht. Und während einige Athletinnen und Athleten diesen Weg nun verlassen, beginnt für andere bereits die nächste Etappe. Berlin blickt dabei zugleich nach Los Angeles und auf eine Entscheidung, die für die Sportstadt weit über den kommenden Olympiazyklus hinausreichen könnte.
