Giovanni Zarrella Verleihung des Polyton Music Award 2026 im Atelier Gardens in Berlin am 25.03.2026 Agency People Image (c) Daniel Hinz

Mit dem Popmusikpreis POLYTON hat sich in Berlin ein Format etabliert, das weniger die üblichen Hierarchien bestätigt als vielmehr die ästhetische Breite der Gegenwart sichtbar macht. Bei der dritten Ausgabe der von der Akademie für Populäre Musik vergebenen Auszeichnung rückten am Mittwochabend im Atelier Gardens vor allem die prämierten Werke selbst in den Mittelpunkt. Die Auswahl der Preisträger lässt sich dabei als Momentaufnahme einer Szene lesen, die sich zwischen Pop, Subkultur und digitalen Produktionsweisen neu sortiert.

Im Zentrum steht der Pop-Preis für „RAGE GIRL (Remix)“, ein kollektives Projekt um Nina Chuba, das die klassische Vorstellung von Autorschaft auflöst. Mehrere Künstlerinnen und Künstler arbeiten hier an einem Track, der weniger als abgeschlossenes Werk denn als Prozess erscheint. Diese Form kollaborativer Produktion ist längst kein Randphänomen mehr, sondern Ausdruck einer Popökonomie, in der Sichtbarkeit, Vernetzung und stilistische Offenheit ineinandergreifen. Dass ein solcher Titel ausgezeichnet wird, verweist auf eine Verschiebung im Qualitätsbegriff selbst.

Ähnlich programmatisch wirkt die Ehrung von Domiziana im Hyperpop. Ihr Projekt „Club Inferno“ steht für eine Ästhetik, die digitale Klangwelten, Ironie und Überzeichnung miteinander verbindet. Hyperpop, lange als Nischenphänomen betrachtet, rückt damit ins Zentrum institutioneller Anerkennung. Die Auszeichnung signalisiert, dass sich auch radikalere, internetgeprägte Ausdrucksformen im Kanon etablieren.

Im Rap ging der Preis an SSIO für „Alles oder Nix“. Seine Texte operieren mit Überzeichnung und Milieubeobachtung, zugleich bleibt seine Arbeit tief in einer spezifischen, oft migrantisch geprägten Alltagsrealität verankert. Die Jury würdigt damit eine Position, die sich bewusst gegen Glättung und Anpassung stellt und gerade darin ihre künstlerische Eigenständigkeit behauptet.

Im Rock wurde Kadavar für „I Just Want to Be a Sound“ ausgezeichnet. Die Band greift auf klassische Klangtraditionen zurück, übersetzt diese jedoch in eine zeitgenössische Produktionsästhetik. Hier zeigt sich ein anderes Prinzip von Innovation: nicht der Bruch, sondern die bewusste Fortschreibung eines Genres, das seine Referenzen offenlegt.

Deutlich politischer wirkt die Entscheidung im Punk: Turbostaat erhalten den Preis für „Alter Zorn“, ein Album, das gesellschaftliche Verwerfungen in eine dichte, sprachlich präzise Form bringt. Punk erscheint hier weniger als Pose denn als Reflexionsraum für Gegenwartserfahrungen. Die Auszeichnung unterstreicht, dass Haltung weiterhin ein zentrales Kriterium künstlerischer Relevanz sein kann.

Mit CATT wird im Indiepop eine Position geehrt, die Intimität und musikalische Offenheit verbindet. „A Different Life“ arbeitet mit feinen Arrangements und autobiografischen Motiven, ohne sich im Privaten zu erschöpfen. Es ist ein Gegenentwurf zu überproduzierten Popformaten und verweist auf die anhaltende Bedeutung handwerklicher Präzision.

Im Bereich elektronischer Musik wurde Ellen Allien für ihr Liveset „Berlin Beats“ ausgezeichnet. Dass ein Auftritt prämiert wird und kein klassisches Album, markiert eine Verschiebung hin zur Performativität elektronischer Musik. Clubkultur erscheint hier nicht als Randphänomen, sondern als eigenständige künstlerische Praxis, die sich institutionell behauptet.

Eine Sonderstellung nimmt der Schlager ein, vertreten durch Giovanni Zarrella und sein Album „Universo“. Die Auszeichnung signalisiert eine Öffnung des Genres, das sich zunehmend hybriden Einflüssen gegenüber zeigt und sich vom Image des rein nostalgischen Formats löst.

Besondere Aufmerksamkeit gilt schließlich dem Newcomer-Preis für Jonny Mahoro. Seine Nominierung und Auszeichnung stehen exemplarisch für eine Generation, die sich zwischen Genres bewegt und deren Karrierewege nicht mehr linear verlaufen. Der Preis markiert weniger einen Endpunkt als vielmehr einen möglichen Ausgangspunkt.

In der Summe entsteht ein Bild, das weniger von Dominanz einzelner Trends geprägt ist als von Gleichzeitigkeit. POLYTON versucht, diese Gleichzeitigkeit abzubilden, ohne sie zu glätten. Gerade darin liegt die Stärke des Formats: Es erzählt nicht von der einen Popmusik, sondern von vielen parallelen Entwicklungen, die sich gegenseitig überlagern und widersprechen.

Von admin