Am 20. Februar 2026 wird in Berlin im Umfeld der Internationale Filmfestspiele Berlin zum sechsten Mal der SI STAR vergeben, ein Filmpreis, der sich ausdrücklich an Regisseurinnen richtet und deren Arbeit im deutschen und europäischen Kino sichtbar machen will. Die Trophäen überreichen der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Alexander Schweitzer und die Schauspielerin und Produzentin Veronica Ferres. Der Rahmen ist bewusst gewählt: Die Berlinale gilt seit Jahrzehnten als politisches Festival, als Seismograf gesellschaftlicher Debatten und als einer der wenigen A-Festivals mit nachweislich hoher Präsenz von Regisseurinnen im Wettbewerb. Der SI STAR knüpft an diesen Kontext an und versteht sich als kulturpolitisches Signal innerhalb einer Branche, in der Regiepositionen weiterhin mehrheitlich von Männern besetzt sind.
Der Preis wurde 2015 von sieben Medienfrauen aus dem Umfeld der deutschen Soroptimist-Clubs initiiert. Ihr Anliegen war es, strukturelle Ungleichgewichte nicht nur zu benennen, sondern konkret zu adressieren. Anders als viele Nachwuchsauszeichnungen konzentriert sich der SI STAR nicht ausschließlich auf Debütarbeiten, sondern würdigt künstlerische Handschrift, gesellschaftliche Relevanz und Produktionsrealität gleichermaßen. Er wird im Zweijahresrhythmus verliehen und ist mit insgesamt 17.000 Euro dotiert, verteilt auf den Hauptpreis für herausragende Regisseurinnen in Höhe von 10.000 Euro sowie mehrere Förder- und Sonderpreise. Finanziert wird das Preisgeld von 25 deutschen SI-Clubs, die zugleich ein Netzwerk aus inzwischen mehr als drei Dutzend ausgezeichneten oder nominierten Filmemacherinnen tragen.
Die Shortlist 2026 zeigt ein breites Spektrum aktueller Filmproduktion. Mit „Echoes from Borderland“ von Lara Milena Brose und „Where the Waves Took Her“ von Jana Stallein sind dokumentarische Arbeiten vertreten, die sich transnationalen und gesellschaftspolitischen Themen widmen. „The Outrun“ von Nora Fingscheidt, eine deutsch-britische Koproduktion, steht neben Dramen wie „Vena“ von Chiara Fleischhacker, „22 Bahnen“ von Mia Maariel Meyer oder „Heldin“ von Petra Volpe, das als deutsch-schweizerisches Projekt firmiert. Hinzu kommen Arbeiten wie „Wunderschöner“ von Karoline Herfurth oder „Blindgänger“ von Kerstin Polte, die unterschiedliche Tonlagen zwischen Episodenfilm, Tragikomödie und Generationendrama erkunden. Auch Produktionen aus Österreich wie „The Last Ambassador“ von Natalie Halla erweitern den geografischen Horizont. Die Auswahl verweist auf eine Regiegeneration, die ästhetisch vielfältig arbeitet und zugleich eine klare inhaltliche Position bezieht, sei es in Fragen von Identität, sozialer Herkunft oder politischer Verantwortung.
Die Jury ist interdisziplinär besetzt und verbindet publizistische, künstlerische und produktionelle Perspektiven. Neben Ferres gehören ihr unter anderem die ZDF-Journalistin Dr. Susanne Becker, die Filmwissenschaftlerin Dominique Henz, die Regisseurin Steffi Niederzoll, selbst SI-STAR-Preisträgerin 2024, sowie Vertreterinnen aus Redaktion, Kamera und bildender Kunst an. Diese Zusammensetzung signalisiert, dass hier nicht allein nach Marktpotenzial, sondern nach künstlerischer Substanz und gesellschaftlicher Wirkung entschieden werden soll. 2024 war der Hauptpreis an Niederzoll für ihren Dokumentarfilm „Sieben Winter in Teheran“ gegangen, überreicht von der damaligen Ministerpräsidentin Malu Dreyer in der Landesvertretung Rheinland-Pfalz. Die Auszeichnung hatte damals auch international Aufmerksamkeit erzeugt, weil sie einen Film ehrte, der sich mit politischer Repression im Iran auseinandersetzt.
Vor dem Hintergrund aktueller Branchenstudien, die zwar Fortschritte bei der Sichtbarkeit von Regisseurinnen feststellen, zugleich aber weiterhin deutliche Unterschiede bei Budgetgrößen und Auswertungsbedingungen belegen, erhält der SI STAR eine kulturpolitische Dimension. Preise allein verändern keine Produktionslogiken. Sie können jedoch Aufmerksamkeit bündeln, Karrieren stabilisieren und Netzwerke stärken. Dass die Verleihung im Kontext der Berlinale stattfindet, verleiht ihr zusätzliche Resonanz. In einer Branche, die von Projektförderung, Koproduktionsmodellen und internationaler Festivalzirkulation geprägt ist, sind Sichtbarkeit und symbolisches Kapital entscheidende Faktoren. Der SI STAR positioniert sich hier als bewusst gesetzter Kontrapunkt zu tradierten Machtverhältnissen und als Forum für eine Filmkultur, die Diversität nicht als Schlagwort, sondern als strukturelles Anliegen begreift.
