MASTERIS will das Geschäft mit Bahnwartung international ausbauen
Auf der InnoTrans in Berlin zeigt sich, wohin sich ein Teil des europäischen Bahnmarktes bewegt: Nicht nur neue Züge und digitale Stellwerke werden zum Geschäft, sondern zunehmend auch die Frage, wie vorhandene Fahrzeuge länger, zuverlässiger und wirtschaftlicher betrieben werden können. Genau in diesem Feld will MASTERIS, eine hundertprozentige Tochter von SNCF Voyageurs, stärker wachsen. Das 2009 gegründete Unternehmen bündelt Wartungs- und Ingenieurleistungen aus dem SNCF-Konzern und will seinen Anteil am Umsatz mit Kunden außerhalb der SNCF-Gruppe bis 2030 auf 40 Prozent erhöhen. Langfristig sind sogar 90 Prozent vorgesehen.
Der Zeitpunkt für diese Expansion ist strategisch gewählt. Der europäische Eisenbahnsektor steht vor einem tiefgreifenden Umbau. Einerseits wächst der politische und wirtschaftliche Druck, mehr Verkehr auf die Schiene zu verlagern. Andererseits müssen viele bestehende Fahrzeugflotten modernisiert oder ersetzt werden. Die Europäische Eisenbahnagentur ERA erfasste für Mitte 2024 rund 835.000 registrierte Fahrzeuge in der Europäischen Union, darunter Lokomotiven, Wagen, Triebfahrzeuge und Personenwagen. Damit entsteht neben dem Neubau ein großer Markt für Instandhaltung, Modernisierung und eine Verlängerung der Lebensdauer bestehender Fahrzeuge.
MASTERIS versucht, aus dieser Entwicklung ein eigenständiges Geschäftsfeld zu machen. Das Unternehmen versteht sich als Schnittstelle zwischen dem industriellen Know-how von SNCF Voyageurs und externen Bahnbetreibern, Verkehrsunternehmen und Aufgabenträgern. Das Angebot reicht von Wartung und Reparatur über technische Beratung und Engineering bis zur Modernisierung von Fahrzeugen über deren gesamten Lebenszyklus. Dabei geht es nicht nur um einzelne Reparaturen. Entscheidend ist die Frage, wie sich Verfügbarkeit, Betriebssicherheit und Lebenszykluskosten einer Flotte über viele Jahre beeinflussen lassen.
Dahinter steht eine Entwicklung, die den europäischen Bahnmarkt zunehmend verändert. Mit der Öffnung für Wettbewerb werden Leistungen, die früher weitgehend innerhalb eines integrierten Staatsbahnkonzerns erbracht wurden, stärker voneinander getrennt und auf dem Markt ausgeschrieben. Die Regionen und Verkehrsverbünde treten häufiger als Auftraggeber auf und müssen Fahrzeuge, Wartung und Betrieb wirtschaftlich miteinander verbinden. Auch der SNCF-Konzern beschreibt die Instandhaltung und Modernisierung von Fahrzeugen deshalb als zunehmend wettbewerblich organisierten Markt.
MASTERIS kann dabei auf eine industrielle Infrastruktur zurückgreifen, die weit über die Größe einer klassischen Beratungsgesellschaft hinausgeht. Nach Unternehmensangaben werden im Netzwerk der SNCF Voyageurs jährlich rund 17.000 Schienenfahrzeuge gewartet. Zum industriellen Verbund gehören zehn Technicentres, hinzu kommen Ingenieurleistungen und ein breites Wissen über unterschiedliche Fahrzeugtypen und Hersteller. Nach Angaben von MASTERIS beschäftigt das entsprechende industrielle Netzwerk rund 9.700 Menschen.
Auch die wirtschaftliche Entwicklung zeigt, dass aus dem ursprünglich konzernintern ausgerichteten Bereich längst ein eigenes internationales Geschäft geworden ist. MASTERIS weist für 2025 einen Umsatz von rund 620 Millionen Euro und mehr als 150 Kunden weltweit aus. Das Unternehmen arbeitet nach eigenen Angaben inzwischen mit Bahngesellschaften und Mobilitätsunternehmen in zahlreichen europäischen Ländern und darüber hinaus zusammen.
Zu den genannten Kunden und Partnern gehören unter anderem Deutsche Bahn, Transdev, RATP Dev, die luxemburgische CFL und die belgische SNCB. Die internationale Tätigkeit erstreckt sich inzwischen über Europa und Nordafrika hinaus. SNCF Voyageurs nennt für die aktuelle Entwicklung zudem Südkorea, die Vereinigten Staaten und Senegal.
Ein wichtiges Beispiel für das Geschäftsmodell ist die Modernisierung bestehender Fahrzeuge. Im französischen TER-Verkehr koordiniert MASTERIS im Rahmen des Programms OPTER die vertragliche Umsetzung umfangreicher Renovierungen. Bis 2030 sollen dabei rund 930 beziehungsweise 931 Züge modernisiert werden. Das Programm umfasst nach Angaben des Unternehmens Investitionen von 2,3 Milliarden Euro und betrifft etwa 40 Prozent der TER-Flotte.
Die wirtschaftliche Logik dahinter ist einfach, die technische Umsetzung allerdings komplex: Ein älterer Zug muss nicht zwangsläufig durch einen neuen ersetzt werden. Eine umfassende Modernisierung kann Laufzeiten verlängern und gleichzeitig technische Systeme, Energieeffizienz, Barrierefreiheit und Fahrgastkomfort verbessern. MASTERIS verweist bei bestimmten Modernisierungsprojekten auf eine mögliche deutliche Verlängerung der Nutzungsdauer. Für Betreiber wird damit die Instandhaltung zu einer strategischen Investitionsentscheidung und nicht mehr lediglich zu einer laufenden Betriebsausgabe.
Auf der InnoTrans 2026 in Berlin, die vom 22. bis 25. September stattfindet, tritt MASTERIS entsprechend nicht nur als Anbieter einzelner Wartungsleistungen auf. Im Mittelpunkt steht der Versuch, die industrielle Erfahrung eines großen europäischen Bahnbetreibers in einen international verkäuflichen Dienstleistungsansatz zu übersetzen. Die Messe selbst bietet dafür den passenden Rahmen: Sie bringt Hersteller, Betreiber, Infrastrukturunternehmen und Zulieferer aus der internationalen Bahnbranche zusammen und steht in diesem Jahr stark im Zeichen von Digitalisierung, künstlicher Intelligenz, Cybersecurity und neuen Mobilitätskonzepten.
Für MASTERIS bedeutet die Internationalisierung allerdings auch einen Wandel der eigenen Rolle. Wer Wartungsleistungen außerhalb des eigenen Konzerns verkaufen will, muss unterschiedliche Fahrzeugplattformen, nationale Zulassungsregeln, Betreiberstrukturen und wirtschaftliche Rahmenbedingungen beherrschen. Gerade die Vielfalt des europäischen Eisenbahnmarktes macht dies anspruchsvoll. Die ERA arbeitet deshalb weiterhin an einer stärkeren Vereinheitlichung und Interoperabilität des europäischen Systems, zugleich bleiben nationale technische und regulatorische Besonderheiten ein wesentlicher Faktor.
Die Zielmarke von 40 Prozent externem Umsatz bis 2030 ist damit mehr als eine Vertriebskennzahl. Sie steht für den Versuch, aus dem technischen Kapital eines großen Staatsbahnkonzerns ein international wettbewerbsfähiges Industriegeschäft zu entwickeln. Ob daraus langfristig tatsächlich ein Anteil von 90 Prozent außerhalb des SNCF-Konzerns werden kann, wird davon abhängen, wie erfolgreich MASTERIS neue Märkte erschließt, internationale Ausschreibungen gewinnt und seine industrielle Erfahrung auf die sehr unterschiedlichen Flotten und Betriebsbedingungen anderer Bahnen überträgt. In Berlin hat das Unternehmen jedenfalls deutlich gemacht, dass die Wartung der Züge für die nächste Phase des europäischen Bahnmarktes nicht als Nebensache verstanden werden soll, sondern als eigenes Geschäftsfeld mit erheblichem Wachstumspotenzial.
