SustainCon 2026: Nachhaltigkeit wird zur Frage der Sicherheit
Die Klimawende ist längst nicht mehr nur eine ökologische Aufgabe. Sie berührt die Sicherheit von Staaten, die Stabilität von Lieferketten, die Energieversorgung und zunehmend auch die Einsatzfähigkeit von Streitkräften. Auf der SustainCon 2026 des TÜV-Verbands in Berlin wurde deshalb eine Frage diskutiert, die lange getrennt betrachtet wurde: Wie lassen sich Nachhaltigkeit, wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und Sicherheit gemeinsam denken?
Unter dem Leitgedanken „Nachhaltigkeit und Resilienz zusammen denken“ brachte der TÜV-Verband am 10. September Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zusammen. Im Mittelpunkt standen unter anderem Klimaresilienz, industrielle Dekarbonisierung, Kreislaufwirtschaft, Rohstoffsouveränität und nachhaltige Gebäude. Die Konferenz sollte dabei weniger eine weitere Grundsatzdebatte über Klimaziele sein als eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie sich die Transformation unter den Bedingungen internationaler Konkurrenz und wachsender geopolitischer Unsicherheit praktisch organisieren lässt.
Bereits zur Eröffnung verwies TÜV-Verbandspräsident Dr. Dirk Stenkamp auf einen Widerspruch, der die deutsche Klimapolitik zunehmend prägt. Während Hitze, Trockenheit und andere Folgen des Klimawandels längst sichtbar seien, sei Klimaschutz zugleich zu einem stark polarisierten politischen Thema geworden. Die vergangenen Jahre hätten gezeigt, dass Transformation nicht allein an technischen Möglichkeiten scheitere, sondern auch an mangelnder Planungssicherheit und fehlendem Vertrauen. Nachhaltigkeit müsse deshalb stärker wirtschaftlich und als Frage strategischer Unabhängigkeit verstanden werden.
Besonders deutlich wurde diese Verbindung in der Keynote von Prof. Dr. Stefan Bayer, Forschungsleiter am German Institute for Defence and Strategic Studies und Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung. Seine zentrale These lautete, dass Klimaschutz und Sicherheitspolitik nicht länger getrennt betrachtet werden könnten. Klimawandel könne Migration, die Destabilisierung von Staaten und neue Konflikte verschärfen. Gleichzeitig entstünden sicherheitspolitische Risiken dort, wo Staaten von Energie, Rohstoffen oder Lieferketten abhängig seien.
Für Bayer geht es deshalb nicht nur darum, die Folgen des Klimawandels zu begrenzen. Nachhaltigkeit müsse zu einem Bestandteil von Resilienzpolitik werden. Das gelte auch für die Streitkräfte. Moderne Armeen seien in erheblichem Umfang von fossilen Energieträgern und komplexen internationalen Versorgungsketten abhängig. Eine langfristig einsatzfähige Bundeswehr könne daher nicht allein durch zusätzliche Ausrüstung und höhere Verteidigungsausgaben entstehen. Entscheidend sei auch die Frage, wie die notwendige Energie- und Rohstoffversorgung unter veränderten klimatischen und geopolitischen Bedingungen sichergestellt werden könne.
Bayer bezeichnete den Ansatz als „Sustainable Defense“. Klimaneutrale und zugleich leistungsfähige Streitkräfte seien kein Widerspruch, sondern könnten selbst zu einem Teil der sicherheitspolitischen Vorsorge werden. Je unabhängiger militärische Systeme von fossilen Brennstoffen und unsicheren Lieferketten seien, desto größer werde ihre strategische Handlungsfähigkeit. Der TÜV-Verband fasste Bayers Position entsprechend als Forderung nach nachhaltigen und klimaneutralen Streitkräften zusammen.
Diese Überlegung führt unmittelbar zur wirtschaftlichen Dimension der Nachhaltigkeit. Europa ist bei zahlreichen Rohstoffen und Vorprodukten auf Importe angewiesen. Kreislaufwirtschaft kann deshalb mehr sein als ein Instrument des Umweltschutzes. Sie kann zu einer Strategie gegen Versorgungsrisiken werden. Auf der SustainCon wurde entsprechend darüber diskutiert, wie Sekundärrohstoffmärkte aufgebaut, Recyclingquoten erhöht und verlässliche Qualitätsstandards geschaffen werden können. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, ob eine funktionierende Kreislaufwirtschaft Europas Wettbewerbsfähigkeit stärken kann.
Auch hier spielt Vertrauen eine zentrale Rolle. Sekundärrohstoffe müssen hinsichtlich Qualität und Herkunft zuverlässig bewertet werden können. Einheitliche Regeln, Normen und unabhängige Prüfungen sollen dazu beitragen, einen europäischen Markt für wiedergewonnene Rohstoffe zu schaffen. Anna Cavazzini, Vorsitzende des Ausschusses für Binnenmarkt und Verbraucherschutz des Europäischen Parlaments, sprach sich auf der Konferenz unter anderem für verbindliche Recyclingziele aus. Patrick Vollmer vom TÜV-Verband verwies auf die Notwendigkeit europaweit einheitlicher Regeln und verlässlicher Qualitätskriterien.
Die gleiche Frage stellt sich bei der industriellen Dekarbonisierung. Deutschland und Europa stehen vor dem Problem, gleichzeitig Emissionen reduzieren und industrielle Wertschöpfung erhalten zu müssen. Klimaschutz allein schafft noch keine Wettbewerbsfähigkeit. Hohe Energie- und Netzkosten, internationale Subventionen und unterschiedliche regulatorische Rahmenbedingungen beeinflussen Investitionsentscheidungen ebenso wie technologische Entwicklungen. In einem Panel zur Dekarbonisierung wurde deshalb ausdrücklich davor gewarnt, Klimaschutz und industrielle Wettbewerbsfähigkeit gegeneinander auszuspielen.
Wie schwierig die praktische Umsetzung ist, zeigte sich besonders in der Diskussion über Gebäude und Wärme. Deutschland hat in den vergangenen Jahren erhebliche politische Unsicherheit bei der Wärmewende erlebt. Die Auseinandersetzung um das Gebäudeenergiegesetz hat nicht nur Verbraucher verunsichert, sondern auch Investitionsentscheidungen von Unternehmen und Handwerksbetrieben erschwert. Dr. Frank Meyer von Bosch und TÜV-Verbandspräsident Stenkamp diskutierten deshalb darüber, wie die Transformation des Gebäudesektors wieder berechenbarer werden kann.
Meyer verwies dabei auf eine Entwicklung, die über die klassische Heiztechnik hinausgeht. Wärmepumpen, Photovoltaik, Batteriespeicher, Steuerungstechnik und Gebäudemanagement wachsen zu miteinander verbundenen Energiesystemen zusammen. Je komplexer diese Systeme werden, desto wichtiger werden digitale Steuerung und Daten. Künstliche Intelligenz könne künftig dabei helfen, Anlagen effizienter zu betreiben, Systeme besser einzustellen und die Leistungsfähigkeit im realen Betrieb zu überprüfen.
Darin liegt zugleich eine industriepolitische Chance. Deutschland und Europa verfügen über große Mengen industrieller Daten und über ein dichtes Netz aus Unternehmen, Forschungseinrichtungen und technischen Hochschulen. Meyer sieht darin einen möglichen Wettbewerbsvorteil, sofern diese Daten systematisch mit Software und künstlicher Intelligenz verbunden werden. Bosch nutze KI und softwaregetriebene Entwicklungen bereits intensiv, zugleich entstünden viele vergleichbare Innovationen inzwischen stärker in China, den USA und anderen Regionen. Europa müsse deshalb seine vorhandenen industriellen Stärken mit digitalen Geschäftsmodellen verbinden, statt sich ausschließlich auf hardwarebasierte Produkte zu konzentrieren.
Der entscheidende Engpass sei dabei weniger die technische Machbarkeit als die Verlässlichkeit der politischen Rahmenbedingungen. Unternehmen müssten Produktionsanlagen und neue Technologien über viele Jahre finanzieren. Häufig wechselnde politische Vorgaben könnten Investitionen bremsen, gerade wenn sich die wirtschaftliche Lebensdauer einer Anlage über eine Legislaturperiode hinaus erstrecke. Stenkamp formulierte es auf der SustainCon als Vertrauensproblem: Unternehmen und Verbraucher bräuchten stabile Rahmenbedingungen statt eines ständigen politischen Stop-and-go.
Damit verschiebt sich auch die Bedeutung von Nachhaltigkeit. Sie ist nicht mehr allein eine Frage von CO₂-Bilanzen oder Umweltzielen. Sie betrifft die Frage, wie widerstandsfähig eine Volkswirtschaft gegenüber Energiekrisen, Rohstoffengpässen, geopolitischen Konflikten und Klimafolgen ist. Wer fossile Abhängigkeiten reduziert, kann damit zugleich seine außenpolitische Verwundbarkeit verringern. Wer Rohstoffe im Kreislauf hält, reduziert Importabhängigkeiten. Wer Gebäude effizienter macht, senkt nicht nur Emissionen, sondern auch den Energiebedarf. Und wer industrielle Daten mit künstlicher Intelligenz nutzbar macht, kann Produktivität und technische Kontrolle verbessern.
Genau darin liegt die eigentliche Botschaft der SustainCon 2026. Die Nachhaltigkeitsdebatte lässt sich nicht dauerhaft auf die Frage reduzieren, wie schnell Deutschland seine Klimaziele erreicht. Entscheidend wird sein, ob die Transformation wirtschaftlich tragfähig, technisch beherrschbar und sicherheitspolitisch sinnvoll organisiert wird. Nachhaltigkeit wird damit zu einer Frage der Resilienz. Und Resilienz wiederum zu einer Voraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit und politische Handlungsfähigkeit.
Der TÜV-Verband versucht dabei, eine Rolle zwischen Regulierung, Technik und Vertrauen zu besetzen. Nachhaltige Technologien müssten nicht nur entwickelt, sondern auch zuverlässig betrieben und überprüfbar gemacht werden. Eine Wasserstoffanlage müsse klimafreundlich und sicher sein, eine Batterie ihre versprochene Leistung erbringen und Nachhaltigkeitsaussagen müssten belastbar sein. Der Verband sieht unabhängige Prüfungen und Standards deshalb als Voraussetzung dafür, dass neue Technologien vom Pilotprojekt in den breiten Einsatz gelangen können.
Die Debatte in Berlin machte damit einen grundsätzlichen Wandel sichtbar: Klimaschutz und Sicherheitspolitik sind zwei Seiten derselben strategischen Frage. Es geht um die Fähigkeit eines Landes, seine Energieversorgung, Infrastruktur, Industrie und Verteidigungsfähigkeit auch unter veränderten Bedingungen funktionsfähig zu halten. Die technische Transformation ist dabei längst möglich. Schwieriger bleibt die politische Aufgabe, daraus einen verlässlichen und langfristigen Rahmen zu schaffen. Genau an diesem Punkt entscheidet sich, ob Nachhaltigkeit zum Standortnachteil oder zu einem Instrument europäischer Unabhängigkeit und Wettbewerbsfähigkeit wird.
