Fast zwanzig Jahre nach der Eröffnung des Berliner Hauptbahnhofs rückt ein Projekt voran, das von Beginn an zu den unvollendeten Versprechen des neuen Verkehrsknotens gehörte. Mit der Inbetriebnahme der S-Bahn-Linie S15 zwischen Gesundbrunnen, Wedding und Hauptbahnhof erhält Deutschlands größter Bahnhof erstmals einen direkten Anschluss an den nördlichen S-Bahn-Ring. Die Eröffnung des ersten Abschnitts der sogenannten S21 markiert damit einen wichtigen Schritt für den Berliner Schienenverkehr, auch wenn die eigentliche Vision einer neuen Nord-Süd-Stammstrecke noch Jahrzehnte von ihrer Vollendung entfernt ist.
Bei einem Ortstermin im neuen Interimsbahnhof unter dem Hauptbahnhof sprach Alexander Kaczmarek, Konzernbevollmächtigter der Deutschen Bahn für Berlin, von einem Meilenstein für die Hauptstadt. Der neue Bahnhof sei zwar bewusst als Provisorium konzipiert worden, schließe aber eine zentrale Lücke im Berliner Nahverkehrsnetz. Die Entscheidung für den Zwischenzustand sei aus Sicht der Bahn vor allem kundenorientiert: Fahrgäste sollten von den Vorteilen der neuen Verbindung profitieren können, bevor die vollständige Nord-Süd-Trasse fertiggestellt ist.
Kaczmarek würdigte insbesondere die Arbeit der Ingenieurinnen, Ingenieure und Projektteams. Das Vorhaben sei von technischen Schwierigkeiten, Genehmigungsfragen und immer neuen Herausforderungen geprägt gewesen. Mehrfach habe das Projekt kurz vor der Inbetriebnahme gestanden, ehe weitere Hürden aufgetaucht seien. Die Geschichte der S21 ist tatsächlich eine Chronik der Verzögerungen. Ursprünglich war die Eröffnung bereits für 2017 vorgesehen. Schwierige Baugrundverhältnisse, die Corona-Pandemie, Materialengpässe infolge des Ukraine-Krieges, Personalmangel sowie langwierige Zulassungs- und Abnahmeverfahren führten dazu, dass sich der Termin immer weiter nach hinten verschob. Noch im Frühjahr 2026 musste die Deutsche Bahn eine erneute Verschiebung bekannt geben. Erst jetzt steht die Inbetriebnahme unmittelbar bevor.
Projektleiter Holger Ludewig machte deutlich, dass die nun bevorstehende Eröffnung lediglich den Anfang eines wesentlich größeren Infrastrukturvorhabens darstellt. Der erste Bauabschnitt verbindet den Nordring über Wedding und Gesundbrunnen mit dem Hauptbahnhof. Die technische Abnahme der Anlagen, die sicherheitsrelevanten Prüfungen sowie die Funktionstests seien inzwischen abgeschlossen. Gleichzeitig laufen bereits die Vorbereitungen für die nächsten Ausbaustufen.
Der zweite Bauabschnitt soll den Hauptbahnhof mit dem Potsdamer Platz verbinden und durch das Regierungsviertel führen. Geplant ist eine vollständig unterirdische, zweigleisige Strecke. Die Tunnelröhren werden südlich des Hauptbahnhofs getrennt verlaufen und anschließend im Bereich des Brandenburger Tors wieder zusammengeführt. Das Planfeststellungsverfahren wurde Anfang 2024 eingeleitet. Nach Angaben der Bahn wird derzeit mit einer Inbetriebnahme Mitte bis Ende der 2030er Jahre gerechnet.
Noch weiter entfernt liegt der dritte Bauabschnitt, der die Strecke über die Yorckstraße bis zum Südkreuz verlängern soll. Hier rechnet die Bahn erst in den 2040er Jahren mit einer Realisierung. Hinzu kommen weitere Planungen wie der neue S-Bahnhof Perleberger Brücke, der das wachsende Europacity-Quartier erschließen soll. Auch dieses Projekt befindet sich noch in einem frühen Stadium.
Trotz des provisorischen Charakters besitzt die Eröffnung der S15 eine erhebliche verkehrliche Bedeutung. Der Hauptbahnhof wird erstmals direkt an den nördlichen Ring angebunden. Für Pendlerinnen und Pendler aus Wedding, Gesundbrunnen und dem Berliner Nordwesten verkürzen sich zahlreiche Wege. Zugleich entsteht der erste sichtbare Baustein jener zweiten Nord-Süd-S-Bahn, die langfristig den stark belasteten Nord-Süd-Tunnel aus den 1930er Jahren entlasten soll. Nach Jahrzehnten der Planung, zahllosen Verzögerungen und wiederholten Terminverschiebungen wird aus einem Berliner Infrastrukturprojekt, das lange als Symbol für die Mühen des Bauens galt, nun zumindest auf einem ersten Abschnitt Realität.