06/09/2026

300 Jahre Konditoren-Innung Berlin: Was bleibt, wenn sich der Geschmack verändert? Dreihundert Jahre sind im Handwerk eine ungewöhnlich lange Zeit. Rezepte verändern sich, Techniken verschwinden und entstehen neu, Berufe passen sich veränderten Märkten an. Was bleibt, ist die Frage, woran sich ein Handwerk erkennt. Bei den Berliner Konditorinnen und Konditoren lautet eine mögliche Antwort: an der Verbindung von Können, Erfahrung und der Fähigkeit, sich zu verändern, ohne den eigenen Kern aufzugeben. Die Konditoren-Innung Berlin hat ihr 300-jähriges Bestehen 2026 mit einem umfangreichen Jubiläumsprogramm gefeiert. Der historische Ausgangspunkt liegt im Jahr 1726. Damals erhielten sechs Berliner Pfefferküchler unter Friedrich Wilhelm I. das Privileg, sich zu einem eigenen „Gewerck“ zusammenzuschließen. Aus dieser Tradition entwickelte sich die heutige Konditoren-Innung. Der offizielle Festakt zum Jubiläum fand bereits am 22. April im Roten Rathaus statt. Mehr als 300 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Handwerk und Verbänden kamen im Wappensaal zusammen. Zu den Gästen gehörten der Regierende Bürgermeister Kai Wegner, Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey und die Präsidentin der Handwerkskammer Berlin, Carola Zarth. Am vergangenen Samstag wurde das Jubiläum im Rahmen des Konditoren-Summits im Radialsystem noch einmal mit einem Festabend abgeschlossen. Dort ging es nicht allein um die Geschichte einer Innung, sondern um die Zukunft eines Berufs, dessen öffentliche Wahrnehmung zwischen nostalgischem Caféhausbild und hoch spezialisiertem Lebensmittelhandwerk schwankt. Der Konditorberuf ist längst mehr als die Herstellung von Kuchen und Torten. Er verbindet Lebensmittelkunde, Gestaltung, Präzision, Betriebswirtschaft und zunehmend auch Fragen nach neuen Rohstoffen, Ernährungsformen und technologischen Möglichkeiten. Obermeister Tobias Menge stellte in seiner Rede deshalb nicht nur die lange Geschichte der Innung heraus. Er verwies auch auf die Zusammenarbeit mit anderen Gewerken. Gemeinsam mit Berliner Schornsteinfegern habe man im Jubiläumsjahr gezeigt, dass Handwerk nicht ausschließlich nebeneinander, sondern auch miteinander funktionieren könne. Unterschiedliche Traditionen und Arbeitsweisen müssten kein Hindernis sein. Im Gegenteil: Gerade die Zusammenarbeit könne zeigen, was die verschiedenen Gewerke verbindet. Menschen arbeiten mit ihren Händen, bilden junge Menschen aus und sind darauf angewiesen, dass gesellschaftlich weiterhin verstanden wird, welchen Wert berufliche Qualifikation und praktische Arbeit besitzen. Das Jubiläumsjahr sollte deshalb nicht ausschließlich eine Selbstfeier werden. Eine der sichtbarsten Aktionen war die 300 Meter lange Erdbeerschnitte am Humboldt Forum. Die Einnahmen wurden zugunsten des Ricam-Hospizes gesammelt. Die Aktion verband eine öffentliche Demonstration handwerklicher Fähigkeiten mit einem sozialen Zweck. Gerade an solchen Projekten zeigt sich allerdings auch ein Problem, das weit über das Konditorenhandwerk hinausweist. Wer in Berlin eine öffentliche Aktion organisieren will, braucht nicht nur Fachleute, Zutaten und freiwillige Helfer. Auch Genehmigungen und zeitliche Vorgaben der Verwaltung können darüber entscheiden, ob eine Idee tatsächlich umgesetzt werden kann. Menge schilderte in seiner Rede die Schwierigkeiten bei der Vorbereitung einer geplanten Weltrekordaktion und kritisierte, dass bürokratische Abläufe teilweise nur schwer mit den Anforderungen eines handwerklich organisierten Projekts vereinbar seien. Zugleich dankte er ausdrücklich denjenigen in Politik und Verwaltung, die die Umsetzung ermöglicht hätten. Die Erfahrung, die dahintersteht, ist für viele kleine und mittlere Betriebe typisch: Engagement ist vorhanden, doch seine praktische Umsetzung hängt häufig von Strukturen ab, die nicht auf kurzfristige und ehrenamtlich getragene Initiativen zugeschnitten sind. Dass die Innung in ihrem Jubiläumsjahr dennoch nicht bei der Rückschau stehen blieb, wurde auch bei der Deutschen Meisterschaft der Konditoren deutlich. Der Wettbewerb „Konditor des Jahres“ wurde bereits 1994 ins Leben gerufen und wird seit 2005 als offizielle Deutsche Meisterschaft ausgetragen. 2026 fand der Wettbewerb vom 3. bis 5. September in Berlin statt. Die Teilnehmer mussten unter anderem Schaustücke, mehrstöckige Torten, Pralinen, Schokoladenprodukte und weitere anspruchsvolle Kreationen entwickeln. Den ersten Platz und damit den Titel „Konditorin des Jahres 2026“ sowie den deutschen Meistertitel errang Kira Egitsch aus Stuttgart. Auf den zweiten Platz kam Géna Junghans aus Berlin, Dritte wurde Vanessa Kühnemund, ebenfalls aus Berlin. Damit standen am Ende drei Frauen auf dem Podium. Das Ergebnis passt zu einer Entwicklung, die auch auf der Meisterebene des Konditorenhandwerks sichtbar ist: Nach Angaben des Deutschen Konditorenbundes legten 2025 insgesamt 324 Konditorinnen und Konditoren erfolgreich ihre Meisterprüfung ab, darunter 264 Frauen und 60 Männer. Die Meisterschaft machte zugleich sichtbar, was sich hinter dem häufig romantisierten Begriff des Handwerks verbirgt. Die Teilnehmer mussten nicht einfach nach Rezept arbeiten. Gefragt waren eigenständige Konzepte, technisches Können, Gestaltung und Präzision. Der Wettbewerb stand unter dem Thema „Konditorei im Wandel“. Auch Carola Zarth stellte in ihrer Rede die Ausbildung in den Mittelpunkt. 40 Junggesellinnen und Junggesellen sowie zwölf Meisterinnen und Meister hatten im Rahmen des dreitägigen Programms ihre Abschlusszeugnisse entgegengenommen. Für die Präsidentin der Handwerkskammer ist die Ausbildung nicht lediglich eine Frage des Nachwuchses, sondern die Voraussetzung dafür, dass ein Handwerk seine Qualität und sein Wissen über Generationen hinweg erhalten kann. Dabei ist gerade die Spannung zwischen Bewahren und Verändern entscheidend. In 300 Jahren haben sich die Produkte und Verfahren der Konditorei erheblich verändert. Aus dem historischen Pfefferküchlerhandwerk ist eine Branche entstanden, in der heute Speiseeis, Pralinen, moderne Pâtisserie, vegane Rezepturen und digitale Produktionshilfen selbstverständlich geworden sind. Selbst künstliche Intelligenz wird inzwischen als Werkzeug diskutiert. Sie kann Rezepte formulieren oder Prozesse unterstützen. Was sie bislang nicht ersetzen kann, ist das Erfahrungswissen des Menschen: die Beurteilung einer Konsistenz, die Feinheit einer Dekoration, das Gefühl für Temperatur und Material oder die Entscheidung, wann eine Torte tatsächlich fertig ist. Das ist mehr als eine sentimentale Verteidigung des Handwerks. In einer Zeit, in der immer mehr Tätigkeiten digitalisiert und standardisiert werden, liegt gerade in dieser Verbindung von Wissen und manueller Erfahrung ein ökonomischer und kultureller Wert. Handwerkliche Qualität lässt sich nicht allein durch die Summe von Arbeitsschritten erklären. Sie entsteht aus Erfahrung, Übung, Urteilskraft und einer gewissen Unberechenbarkeit der menschlichen Hand. Gleichzeitig steht das Konditorenhandwerk vor realen Problemen. Die Zahl der Betriebe ist langfristig zurückgegangen, Fachkräfte fehlen, Kosten für Rohstoffe und Energie belasten die Unternehmen, und insbesondere im Verkauf ist die Nachwuchsfrage schwierig. Die Berliner Innung zählt nach eigenen Angaben derzeit 35 Mitgliedsbetriebe. Zugleich gibt es in der Stadt eine neue Generation, die den Beruf mit moderner Pâtisserie, sozialen Medien und neuen Geschäftsmodellen verbindet. Vielleicht liegt darin die eigentliche Bedeutung eines solchen Jubiläums. 300 Jahre sind kein Beweis dafür, dass ein Handwerk unverändert geblieben ist. Sie sind eher der Beweis für das Gegenteil. Ein Beruf überlebt nicht, weil er seine Vergangenheit konserviert. Er überlebt, wenn er aus seiner Vergangenheit etwas mitnimmt, das auch unter veränderten Bedingungen Bedeutung besitzt. Bei den Berliner Konditorinnen und Konditoren ist das die Fähigkeit, aus einfachen Zutaten etwas Besonderes zu machen. Zucker, Mehl, Butter, Schokolade, Früchte und Zeit ergeben noch keine Torte. Erst Erfahrung und Gestaltung machen daraus ein Produkt, das Menschen miteinander verbindet. Das Jubiläumsjahr hat diese Verbindung auf unterschiedliche Weise sichtbar gemacht: bei Kindern, die erstmals selbst backten, bei Gesellen und Meistern, die ihre Abschlüsse feierten, bei Gewerken, die gemeinsame Projekte organisierten, bei einer Benefizaktion für ein Hospiz und schließlich bei einem Wettbewerb, in dem junge Fachkräfte zeigten, wie weit sich ein traditioneller Beruf entwickeln kann. Der Festabend im Radialsystem war damit weniger ein Schlussstrich unter drei Jahrhunderte als eine Zwischenbilanz. Die Geschichte der Berliner Konditoren-Innung begann mit sechs Pfefferküchlern. Ihre Zukunft wird von einer wesentlich größeren Zahl von Menschen geschrieben werden müssen: von Auszubildenden, Meisterinnen und Meistern, Betriebsinhabern, Beschäftigten und Kunden. Was sie verbindet, ist am Ende nicht allein die Liebe zum Süßen. Es ist die Überzeugung, dass gutes Handwerk auch dann eine Zukunft hat, wenn sich die Welt um es herum verändert.

300 Jahre Konditoren-Innung Berlin: Handwerk mit Geschichte und Zukunft Dreihundert Jahre sind im Handwerk eine ungewöhnlich lange...
Mehr erfahren Mehr Informationen über 300 Jahre Konditoren-Innung Berlin: Was bleibt, wenn sich der Geschmack verändert? Dreihundert Jahre sind im Handwerk eine ungewöhnlich lange Zeit. Rezepte verändern sich, Techniken verschwinden und entstehen neu, Berufe passen sich veränderten Märkten an. Was bleibt, ist die Frage, woran sich ein Handwerk erkennt. Bei den Berliner Konditorinnen und Konditoren lautet eine mögliche Antwort: an der Verbindung von Können, Erfahrung und der Fähigkeit, sich zu verändern, ohne den eigenen Kern aufzugeben. Die Konditoren-Innung Berlin hat ihr 300-jähriges Bestehen 2026 mit einem umfangreichen Jubiläumsprogramm gefeiert. Der historische Ausgangspunkt liegt im Jahr 1726. Damals erhielten sechs Berliner Pfefferküchler unter Friedrich Wilhelm I. das Privileg, sich zu einem eigenen „Gewerck“ zusammenzuschließen. Aus dieser Tradition entwickelte sich die heutige Konditoren-Innung. Der offizielle Festakt zum Jubiläum fand bereits am 22. April im Roten Rathaus statt. Mehr als 300 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Handwerk und Verbänden kamen im Wappensaal zusammen. Zu den Gästen gehörten der Regierende Bürgermeister Kai Wegner, Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey und die Präsidentin der Handwerkskammer Berlin, Carola Zarth. Am vergangenen Samstag wurde das Jubiläum im Rahmen des Konditoren-Summits im Radialsystem noch einmal mit einem Festabend abgeschlossen. Dort ging es nicht allein um die Geschichte einer Innung, sondern um die Zukunft eines Berufs, dessen öffentliche Wahrnehmung zwischen nostalgischem Caféhausbild und hoch spezialisiertem Lebensmittelhandwerk schwankt. Der Konditorberuf ist längst mehr als die Herstellung von Kuchen und Torten. Er verbindet Lebensmittelkunde, Gestaltung, Präzision, Betriebswirtschaft und zunehmend auch Fragen nach neuen Rohstoffen, Ernährungsformen und technologischen Möglichkeiten. Obermeister Tobias Menge stellte in seiner Rede deshalb nicht nur die lange Geschichte der Innung heraus. Er verwies auch auf die Zusammenarbeit mit anderen Gewerken. Gemeinsam mit Berliner Schornsteinfegern habe man im Jubiläumsjahr gezeigt, dass Handwerk nicht ausschließlich nebeneinander, sondern auch miteinander funktionieren könne. Unterschiedliche Traditionen und Arbeitsweisen müssten kein Hindernis sein. Im Gegenteil: Gerade die Zusammenarbeit könne zeigen, was die verschiedenen Gewerke verbindet. Menschen arbeiten mit ihren Händen, bilden junge Menschen aus und sind darauf angewiesen, dass gesellschaftlich weiterhin verstanden wird, welchen Wert berufliche Qualifikation und praktische Arbeit besitzen. Das Jubiläumsjahr sollte deshalb nicht ausschließlich eine Selbstfeier werden. Eine der sichtbarsten Aktionen war die 300 Meter lange Erdbeerschnitte am Humboldt Forum. Die Einnahmen wurden zugunsten des Ricam-Hospizes gesammelt. Die Aktion verband eine öffentliche Demonstration handwerklicher Fähigkeiten mit einem sozialen Zweck. Gerade an solchen Projekten zeigt sich allerdings auch ein Problem, das weit über das Konditorenhandwerk hinausweist. Wer in Berlin eine öffentliche Aktion organisieren will, braucht nicht nur Fachleute, Zutaten und freiwillige Helfer. Auch Genehmigungen und zeitliche Vorgaben der Verwaltung können darüber entscheiden, ob eine Idee tatsächlich umgesetzt werden kann. Menge schilderte in seiner Rede die Schwierigkeiten bei der Vorbereitung einer geplanten Weltrekordaktion und kritisierte, dass bürokratische Abläufe teilweise nur schwer mit den Anforderungen eines handwerklich organisierten Projekts vereinbar seien. Zugleich dankte er ausdrücklich denjenigen in Politik und Verwaltung, die die Umsetzung ermöglicht hätten. Die Erfahrung, die dahintersteht, ist für viele kleine und mittlere Betriebe typisch: Engagement ist vorhanden, doch seine praktische Umsetzung hängt häufig von Strukturen ab, die nicht auf kurzfristige und ehrenamtlich getragene Initiativen zugeschnitten sind. Dass die Innung in ihrem Jubiläumsjahr dennoch nicht bei der Rückschau stehen blieb, wurde auch bei der Deutschen Meisterschaft der Konditoren deutlich. Der Wettbewerb „Konditor des Jahres“ wurde bereits 1994 ins Leben gerufen und wird seit 2005 als offizielle Deutsche Meisterschaft ausgetragen. 2026 fand der Wettbewerb vom 3. bis 5. September in Berlin statt. Die Teilnehmer mussten unter anderem Schaustücke, mehrstöckige Torten, Pralinen, Schokoladenprodukte und weitere anspruchsvolle Kreationen entwickeln. Den ersten Platz und damit den Titel „Konditorin des Jahres 2026“ sowie den deutschen Meistertitel errang Kira Egitsch aus Stuttgart. Auf den zweiten Platz kam Géna Junghans aus Berlin, Dritte wurde Vanessa Kühnemund, ebenfalls aus Berlin. Damit standen am Ende drei Frauen auf dem Podium. Das Ergebnis passt zu einer Entwicklung, die auch auf der Meisterebene des Konditorenhandwerks sichtbar ist: Nach Angaben des Deutschen Konditorenbundes legten 2025 insgesamt 324 Konditorinnen und Konditoren erfolgreich ihre Meisterprüfung ab, darunter 264 Frauen und 60 Männer. Die Meisterschaft machte zugleich sichtbar, was sich hinter dem häufig romantisierten Begriff des Handwerks verbirgt. Die Teilnehmer mussten nicht einfach nach Rezept arbeiten. Gefragt waren eigenständige Konzepte, technisches Können, Gestaltung und Präzision. Der Wettbewerb stand unter dem Thema „Konditorei im Wandel“. Auch Carola Zarth stellte in ihrer Rede die Ausbildung in den Mittelpunkt. 40 Junggesellinnen und Junggesellen sowie zwölf Meisterinnen und Meister hatten im Rahmen des dreitägigen Programms ihre Abschlusszeugnisse entgegengenommen. Für die Präsidentin der Handwerkskammer ist die Ausbildung nicht lediglich eine Frage des Nachwuchses, sondern die Voraussetzung dafür, dass ein Handwerk seine Qualität und sein Wissen über Generationen hinweg erhalten kann. Dabei ist gerade die Spannung zwischen Bewahren und Verändern entscheidend. In 300 Jahren haben sich die Produkte und Verfahren der Konditorei erheblich verändert. Aus dem historischen Pfefferküchlerhandwerk ist eine Branche entstanden, in der heute Speiseeis, Pralinen, moderne Pâtisserie, vegane Rezepturen und digitale Produktionshilfen selbstverständlich geworden sind. Selbst künstliche Intelligenz wird inzwischen als Werkzeug diskutiert. Sie kann Rezepte formulieren oder Prozesse unterstützen. Was sie bislang nicht ersetzen kann, ist das Erfahrungswissen des Menschen: die Beurteilung einer Konsistenz, die Feinheit einer Dekoration, das Gefühl für Temperatur und Material oder die Entscheidung, wann eine Torte tatsächlich fertig ist. Das ist mehr als eine sentimentale Verteidigung des Handwerks. In einer Zeit, in der immer mehr Tätigkeiten digitalisiert und standardisiert werden, liegt gerade in dieser Verbindung von Wissen und manueller Erfahrung ein ökonomischer und kultureller Wert. Handwerkliche Qualität lässt sich nicht allein durch die Summe von Arbeitsschritten erklären. Sie entsteht aus Erfahrung, Übung, Urteilskraft und einer gewissen Unberechenbarkeit der menschlichen Hand. Gleichzeitig steht das Konditorenhandwerk vor realen Problemen. Die Zahl der Betriebe ist langfristig zurückgegangen, Fachkräfte fehlen, Kosten für Rohstoffe und Energie belasten die Unternehmen, und insbesondere im Verkauf ist die Nachwuchsfrage schwierig. Die Berliner Innung zählt nach eigenen Angaben derzeit 35 Mitgliedsbetriebe. Zugleich gibt es in der Stadt eine neue Generation, die den Beruf mit moderner Pâtisserie, sozialen Medien und neuen Geschäftsmodellen verbindet. Vielleicht liegt darin die eigentliche Bedeutung eines solchen Jubiläums. 300 Jahre sind kein Beweis dafür, dass ein Handwerk unverändert geblieben ist. Sie sind eher der Beweis für das Gegenteil. Ein Beruf überlebt nicht, weil er seine Vergangenheit konserviert. Er überlebt, wenn er aus seiner Vergangenheit etwas mitnimmt, das auch unter veränderten Bedingungen Bedeutung besitzt. Bei den Berliner Konditorinnen und Konditoren ist das die Fähigkeit, aus einfachen Zutaten etwas Besonderes zu machen. Zucker, Mehl, Butter, Schokolade, Früchte und Zeit ergeben noch keine Torte. Erst Erfahrung und Gestaltung machen daraus ein Produkt, das Menschen miteinander verbindet. Das Jubiläumsjahr hat diese Verbindung auf unterschiedliche Weise sichtbar gemacht: bei Kindern, die erstmals selbst backten, bei Gesellen und Meistern, die ihre Abschlüsse feierten, bei Gewerken, die gemeinsame Projekte organisierten, bei einer Benefizaktion für ein Hospiz und schließlich bei einem Wettbewerb, in dem junge Fachkräfte zeigten, wie weit sich ein traditioneller Beruf entwickeln kann. Der Festabend im Radialsystem war damit weniger ein Schlussstrich unter drei Jahrhunderte als eine Zwischenbilanz. Die Geschichte der Berliner Konditoren-Innung begann mit sechs Pfefferküchlern. Ihre Zukunft wird von einer wesentlich größeren Zahl von Menschen geschrieben werden müssen: von Auszubildenden, Meisterinnen und Meistern, Betriebsinhabern, Beschäftigten und Kunden. Was sie verbindet, ist am Ende nicht allein die Liebe zum Süßen. Es ist die Überzeugung, dass gutes Handwerk auch dann eine Zukunft hat, wenn sich die Welt um es herum verändert.