Volle Tanzflächen, schwierige Geschäfte
Berlins Clubkultur hat ein Problem, das sich auf den ersten Blick kaum erkennen lässt. Die Tanzflächen sind voll, die Nachfrage ist hoch, und dennoch gerät die wirtschaftliche Grundlage vieler Clubs zunehmend ins Wanken. Eine neue Untersuchung der Berliner Clubcommission zeigt, wie stark sich die Bedingungen für die Szene seit der letzten umfassenden Erhebung im Jahr 2019 verändert haben. Nur noch 61 Prozent der befragten Clubs und Veranstaltenden arbeiten mindestens kostendeckend. 2017 waren es noch 79 Prozent. Zugleich geben 95 Prozent der Befragten an, dass sie ohne strukturelle Verbesserungen die langfristige Existenz vieler Clubs gefährdet sehen.
Die Zahlen wurden am Freitag an Bord der Hoppetosse an der Spree vorgestellt. Die Studie „Clubkultur Berlin 2026“ entstand im Auftrag der Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe. Für die quantitative Erhebung war das Forschungs- und Beratungsinstitut Goldmedia verantwortlich, die qualitative Untersuchung übernahm Dr. Martin Fuller von der Tresor Academy. Im Frühjahr 2026 wurden Berliner Clubs und Veranstaltende mit regelmäßigem Programm befragt. Von 163 begonnenen Befragungen wurden 102 vollständig abgeschlossen. Hinzu kamen zwölf qualitative Interviews mit Clubgängerinnen und Clubgängern im Alter zwischen 22 und 28 Jahren sowie ein Expertenworkshop mit Vertretern aus Clubkultur, Verwaltung, Politik und Stadtentwicklung.
Besonders deutlich wird der Wandel beim Blick auf die Einnahmen. Das traditionelle Geschäftsmodell der Berliner Clubs beruhte lange auf einer Mischkalkulation: Der Eintritt finanzierte einen Teil des kulturellen Programms, während der Getränkeverkauf einen erheblichen Beitrag zu den Betriebskosten leistete. Diese Rechnung geht zunehmend nicht mehr auf. 2017 stammten nach Angaben der Studie rund 60 Prozent der Einnahmen aus Gastronomie und Getränkeverkauf, während lediglich 21 Prozent auf Eintrittsgelder entfielen. Inzwischen hat sich das Verhältnis nahezu umgekehrt. Der Eintritt macht 59 Prozent der Einnahmen aus und ist damit zur wichtigsten Finanzierungsquelle geworden.
Dahinter steht eine Veränderung des Publikumsverhaltens. Die Besucher planen ihren Clubabend offenbar bewusster, bleiben teilweise kürzer und trinken weniger Alkohol. Für die Betreiber bedeutet das eine Verschiebung des Risikos. Was früher über die Bar erwirtschaftet werden konnte, muss nun stärker an der Kasse erlöst werden. Der Eintrittspreis wird damit nicht nur zum Preis für den Zugang zu einer Veranstaltung, sondern zunehmend zu einem Instrument der Kulturfinanzierung.
Gleichzeitig steigen die Kosten. 64 Prozent der Befragten nennen Personalkosten als einen der größten Belastungsfaktoren, 62 Prozent verweisen auf die Betriebskosten. 60 Prozent sehen die sinkende Kaufkraft ihres Publikums als Problem. Besonders bemerkenswert ist, dass 85 Prozent angeben, der wirtschaftliche Druck habe bereits Auswirkungen auf ihr Veranstaltungsprogramm. Wirtschaftliche Schwierigkeiten bleiben damit nicht auf der Ebene der Bilanzen. Sie verändern auch, welche Musik, welche Künstler und welche Formate in Berlin überhaupt noch veranstaltet werden können.
Das Paradoxon der gegenwärtigen Situation lautet deshalb: Nachfrage und wirtschaftliche Tragfähigkeit entwickeln sich auseinander. 83 Prozent der befragten Clubs und Veranstaltenden berichten von einer Auslastung von mindestens 50 Prozent. Dennoch reicht die Nachfrage immer häufiger nicht aus, um die gestiegenen Kosten zu decken. Eine hohe Auslastung ist in diesem Modell also längst kein zuverlässiger Indikator mehr für wirtschaftlichen Erfolg.
Das verweist auf ein grundlegenderes Problem. Clubs sind wirtschaftliche Unternehmen, zugleich erfüllen sie Funktionen, die sich nicht vollständig über den Marktpreis abbilden lassen. Sie schaffen Räume für Musik, Subkultur und soziale Begegnung, prägen Stadtteile und tragen zur Attraktivität Berlins für Besucher, Künstler und junge Fachkräfte bei. Die Frage, wie viel davon ein Clubbetrieb selbst finanzieren kann, ist deshalb auch eine kultur- und stadtpolitische Frage.
Michael Biel, Staatssekretär der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe, sieht die Clubkultur entsprechend nicht allein als Teil des Nachtlebens. Sie sei ein Bestandteil der Kreativwirtschaft und ein Standortfaktor für Berlin. Die Studie zeige, an welchen Stellen die Rahmenbedingungen verbessert werden müssten. Die Herausforderung besteht allerdings darin, aus dieser politischen Anerkennung konkrete Instrumente zu entwickeln.
Besonders schwierig bleibt die Situation bei den Immobilien. Nur acht Prozent der befragten Betriebe besitzen ihre Spielstätte. 31 Prozent verfügen über Miet- oder Pachtverträge mit einer Laufzeit von weniger als fünf Jahren. Damit fehlt vielen Betreibern die langfristige Planungssicherheit, die gerade bei Clubs mit hohen Investitionen in Schallschutz, Technik und bauliche Anpassungen erforderlich wäre. Hinzu kommt die räumliche Konzentration: 71 Prozent der erfassten Orte befinden sich in Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte und Neukölln. Dort konkurrieren Kulturorte mit Wohnungsbau, Gewerbe, Büros und steigenden Grundstückswerten.
Der Verlust einzelner Clubs bedeutet deshalb häufig mehr als das Ende eines Unternehmens. Mit einem Standort verschwinden Netzwerke, Arbeitsplätze, Publikumsstrukturen und kulturelle Infrastruktur. Seit 2020 sind nach Angaben der Clubcommission mindestens 24 Club- und Kulturstandorte geschlossen worden. Gleichzeitig entstanden etwa 25 neue Orte. Die Berliner Clubszene schrumpft also nicht einfach. Sie verändert ihre Geografie und ihre Organisationsformen.
Diese Anpassungsfähigkeit gehört zu den auffälligsten Ergebnissen der Untersuchung. 62 Prozent der Befragten haben ihre musikalische Ausrichtung erweitert, 67 Prozent ihre Getränkepreise erhöht und 47 Prozent die Eintrittspreise angepasst. 55 Prozent arbeiten mit anderen Clubs oder Veranstaltungsorten zusammen. Die Szene reagiert damit auf den wirtschaftlichen Druck nicht nur mit Forderungen an die Politik, sondern auch mit neuen Geschäftsmodellen und Kooperationen.
Doch Anpassung hat Grenzen. 23 Prozent der Befragten erwägen, ihren Betrieb innerhalb der kommenden zwölf Monate aufzugeben. Damit wird aus einer wirtschaftlichen Belastung eine Frage der kulturellen Infrastruktur. Wenn Clubs regelmäßig schließen und neue Orte nur unter schwierigeren Bedingungen entstehen, verliert Berlin zwar nicht zwangsläufig seine Clubkultur, wohl aber einen Teil jener Kontinuität, die sie international prägt.
Bemerkenswert ist zugleich die Bedeutung der Clubkultur für die Wahrnehmung Berlins. Alle befragten Zugezogenen nannten sie als einen wichtigen Grund für ihren Umzug in die Stadt. Das Ergebnis ist wirtschaftspolitisch nicht nebensächlich. Städte konkurrieren längst nicht mehr nur über Arbeitsplätze, Verkehrsanbindungen oder Gewerbesteuern. Kulturelle Infrastruktur beeinflusst auch, ob eine Stadt für bestimmte Milieus und Branchen attraktiv ist. Gerade für die Kreativwirtschaft können Orte der Begegnung und des informellen Austauschs eine Funktion erfüllen, die sich in klassischen Standortstatistiken nur schwer messen lässt.
Die Clubcommission fordert deshalb eine grundsätzlichere politische Behandlung der Szene. Zu den vorgeschlagenen Maßnahmen gehören eine systematische Öffnung landeseigener Immobilien für Clubkultur, eine langfristigere Förderstruktur, die rechtliche Anerkennung von Clubs als Kulturstätten sowie bessere Rahmenbedingungen für die Beschäftigten. 86 Prozent der Befragten sprechen sich für eine stärkere Nutzung landeseigener Immobilien aus. Auch die Idee eines sogenannten Club-Euro, einer dauerhaften Finanzierungsstruktur jenseits einzelner Projektförderungen, soll geprüft werden.
Damit berührt die Debatte eine grundsätzliche Frage der Kulturpolitik: Soll der Staat kulturelle Räume dort unterstützen, wo der Markt ihre Existenz nicht mehr ausreichend absichert, obwohl sie für die Stadtgesellschaft einen nachweisbaren Wert besitzen? Bei Museen, Theatern oder Opernhäusern ist die Antwort seit langem etabliert. Bei Clubs ist sie komplizierter, weil diese zugleich kommerzielle Unternehmen und kulturelle Orte sind.
Die Berliner Entwicklung zeigt jedoch, dass die bisherige Einordnung als reines Nachtleben zu kurz greifen könnte. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten entstehen nicht allein deshalb, weil weniger Menschen ausgehen. Im Gegenteil: Die Nachfrage bleibt hoch. Das Problem liegt in einer veränderten Kosten- und Erlösstruktur, im Immobilienmarkt, in höheren Personalkosten, veränderter Konsumgewohnheiten und einer geringeren finanziellen Belastbarkeit des Publikums.
Kai Sachse von der Clubcommission, der die Studie leitete, bringt den Konflikt deshalb auf eine andere Ebene: Entscheidend sei für die Zukunft der Clubkultur weniger die Frage, was auf der Tanzfläche geschehe, als vielmehr, ob ausreichend Räume, Finanzierungsmöglichkeiten und Planungssicherheit vorhanden seien.
Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis der Untersuchung. Berlin verliert seine Clubkultur nicht, weil niemand mehr tanzen will. Die eigentliche Gefahr liegt darin, dass die wirtschaftlichen Voraussetzungen für jene Orte verschwinden, an denen getanzt wird. Die Berliner Clubs stehen damit nicht vor dem Ende, sondern vor einer strukturellen Neuordnung. Ob daraus eine widerstandsfähige neue Kulturökonomie entsteht oder eine schleichende Verdrängung, wird nicht allein an den Kassen der Clubs entschieden werden. Es wird auch eine Frage der Berliner Stadt- und Kulturpolitik sein.