Der Aufzug gleitet in wenigen Sekunden nach oben. Durch die Glasfront wird Berlin kleiner, die Straßenzüge verlieren ihre Schärfe, bis sich oben im Restaurant Sphere des Berliner Fernsehturms ein weiter Blick über die Stadt öffnet. Wer hier Platz nimmt, erwartet zunächst die Aussicht. Dass ausgerechnet ein Berliner Imbissklassiker zu den interessantesten Gerichten auf der Karte zählt, überrascht. Die Currywurst, interpretiert von Tim Raue, ist kein beiläufiger Snack, sondern ein bewusst komponierter Teller. Schon beim Servieren fällt auf, wie sorgfältig das Gericht angerichtet ist. Die Wurst liegt in gleichmäßigen Scheiben auf dem Teller, darüber eine glänzende Sauce, die farblich dunkler wirkt als die gewohnte Imbissvariante. Ein leichter Curryschaum setzt einen fast spielerischen Akzent.

Beim ersten Bissen zeigt sich, dass die Küche hier nicht auf Effekte, sondern auf Balance setzt. Die Sauce ist aromatisch und besitzt eine angenehme, leicht karamellige Süße. Gleichzeitig baut sich eine deutliche Schärfe auf, die jedoch nicht aggressiv wirkt, sondern langsam nachklingt. Es ist jene Art von Würze, die typisch für Tim Raues Küchenstil ist, bei dem Süße und Schärfe miteinander arbeiten, statt gegeneinander. Die Wurst selbst ist saftig und fest in der Textur. Weil im Fernsehturm aus technischen Gründen weder gegrillt noch frittiert werden darf, fehlt zwar die klassische knusprige Haut der Straßenstände. Doch die Küche kompensiert das mit einer präzisen Würzung und einer Sauce, die geschmacklich deutlich komplexer ist als die üblichen Ketchup-Curry-Mischungen.

Auch die Präsentation verändert den Blick auf das Gericht. Statt Pappschale und Holzspieß liegt die Currywurst auf Porzellan, begleitet von einem kleinen Körnerbrötchen. Die Portion wirkt bewusst reduziert, fast elegant. Während sich das Restaurant langsam dreht und der Blick über Alexanderplatz, Spree und Regierungsviertel wandert, bekommt der Berliner Klassiker einen ungewohnten Rahmen. Man isst etwas, das jeder in dieser Stadt kennt, und doch schmeckt es anders.

Am Ende bleibt der Eindruck einer Currywurst, die ihre Herkunft nicht verleugnet, aber deutlich präziser gedacht ist. Gute Schärfe, eine leichte Süße und eine sorgfältige Anrichtung prägen das Erlebnis. Es ist kein Ersatz für den schnellen Imbiss an der Straßenecke, sondern eher eine kulinarische Reflexion darüber, was dieses einfache Gericht eigentlich ausmacht. In 207 Metern Höhe wird aus einem Stück Berliner Alltagskultur plötzlich ein kleiner Moment gastronomischer Aufmerksamkeit.

Nach der Currywurst folgt im Restaurant Sphere im Berliner Fernsehturm ein Dessert, das ebenso deutlich zeigt, wie Tim Raue mit vertrauten Geschmäckern arbeitet und sie leicht verschiebt. Serviert wird eine Eisvariation aus der Berliner Manufaktur Florida Eis, einem traditionsreichen Unternehmen, dessen Wurzeln bis ins Jahr 1927 zurückreichen. Die Zusammenarbeit ist kein Zufall. Raue greift damit bewusst auf eine Marke zurück, die in der Stadt seit Jahrzehnten präsent ist, und verbindet sie mit seiner eigenen Handschrift. Das Dessert kommt als kompakter All-in-one-Eisbecher auf den Tisch, gedacht zum unmittelbaren Löffeln.

Die erste Variante trägt den Namen „The Creamy Zesty Zing“. Basis ist ein cremiges Milcheis mit Mascarpone, das eine weiche, fast samtige Textur besitzt. Darüber liegt eine frische Zitronen-Yuzu-Sauce, deren Zitrusaroma sofort Präsenz zeigt. Die Säure ist deutlich, aber nicht scharf, vielmehr lebendig und klar. Für Kontrast sorgen salzige Butterstreusel, die dem Eis eine leichte Knusprigkeit verleihen und zugleich eine feine salzige Note setzen. Gerade dieses Zusammenspiel aus Süße, Säure und Salz entspricht dem Prinzip, das auch viele Gerichte von Raue prägt. Das Dessert wirkt dadurch überraschend komplex, obwohl seine Komponenten vertraut bleiben.

Daneben steht eine zweite Kreation mit augenzwinkerndem Titel: „The Not Spaghetti Spaghettieis“. Der Klassiker der deutschen Eisdielen wird hier nicht kopiert, sondern neu gedacht. Statt der bekannten Nudelform erscheint das Vanilleeis in einer ruhigeren, aufgeräumten Präsentation. Entscheidend ist die Sauce. Sie besteht aus fruchtigen Erdbeeren, die mit Aceto Bianco abgeschmeckt sind. Der helle Essig verstärkt die Fruchtigkeit und sorgt für eine leichte, elegante Säure. Weiße Caramel-Chocs setzen süße Akzente und bringen eine feine Karamellnote ins Spiel. Auch hier entsteht ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Frucht, Süße und einem kleinen aromatischen Gegenpol.

Als Abschluss eines Menüs wirkt dieses Dessert bewusst leicht. Während draußen die Stadt langsam unter dem rotierenden Restaurant vorbeizieht, bleibt der Eindruck eines kulinarischen Konzepts, das selbst bei scheinbar einfachen Dingen auf Balance und Präzision setzt. Das Erlebnis endet damit nicht mit einem schweren Finale, sondern mit einem frischen, spielerischen Akzent. Ein Eisbecher, der vertraute Kindheitserinnerungen aufruft und zugleich zeigt, wie viel Gestaltung selbst in einem so alltäglichen Dessert stecken kann.

Von admin