Im Berliner Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart, einem der wichtigsten Museen für zeitgenössische Kunst in Deutschland, sind erstmals vier neue Auszeichnungen verliehen worden. Die Ehrungen wurden am 14. März 2026 im Rahmen der Benefizgala „A Night in Berlin“ überreicht und sollen künftig jährlich vergeben werden. Das Museum würdigt damit nicht nur herausragende künstlerische Positionen, sondern auch jene Netzwerke aus Förderung, Institutionen und internationalem Austausch, ohne die zeitgenössische Kunst heute kaum denkbar wäre.
Der Hamburger Bahnhof steht selbst exemplarisch für die Entwicklung der Gegenwartskunst in Berlin. Das Gebäude, ursprünglich Endbahnhof der Berlin-Hamburger Eisenbahn aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, wurde nach einer langen Phase der Umnutzung und Restaurierung 1996 als Museum für zeitgenössische Kunst eröffnet und gehört heute zum Verbund der Nationalgalerie. Mit Ausstellungsflächen von über 10.000 Quadratmetern zählt das Haus zu den zentralen Orten internationaler Gegenwartskunst in der Hauptstadt.
Vor diesem Hintergrund ist die Einführung der neuen Preise mehr als eine symbolische Geste. Sie markiert den Versuch, die institutionelle Rolle des Museums neu zu definieren. Die Direktoren Sam Bardaouil und Till Fellrath verstehen die Auszeichnungen als Instrument, um die Beziehungen zwischen Künstlern, Förderern und kulturellen Institutionen sichtbarer zu machen. In Zeiten, in denen öffentliche Museen zunehmend auf private Unterstützung angewiesen sind, wird die Frage nach neuen Formen kultureller Finanzierung immer drängender.
Im Mittelpunkt der ersten Preisvergabe steht der sogenannte Studio Award, der drei Künstlerinnen und Künstler unter 35 Jahren auszeichnet, die in Deutschland leben und arbeiten. Die Jury – zu der unter anderem Mark Bradford, Ayoung Kim und Katharina Grosse gehören – entschied sich für drei sehr unterschiedliche Positionen.
Abdulhamid Kircher, 1996 in Berlin geboren, arbeitet vor allem mit Fotografie und kombiniert diese häufig mit Archivmaterial und installativen Elementen. Seine Arbeiten bewegen sich zwischen dokumentarischer Praxis und persönlicher Erinnerung und untersuchen Fragen von Familie, Herkunft und Identität.
Die ebenfalls 1996 geborene Monilola Olayemi Ilupeju verbindet in ihrer transdisziplinären Praxis Malerei, Installation, Performance und Text. Ihre Arbeiten reflektieren Körperlichkeit und Zugehörigkeit ebenso wie kulturelle und politische Identität. Neben ihrer künstlerischen Arbeit ist sie auch als Autorin tätig.
Der dritte Preisträger, Jonas Roßmeißl, arbeitet mit Skulptur, Installation und Zeichnung. Seine Arbeiten greifen häufig architektonische Formen und handwerkliche Materialien auf und stellen die Frage, wie öffentliche Räume durch gesellschaftliche und politische Strukturen geprägt werden. Der Studio Award ist mit jeweils 15.000 Euro dotiert und soll jungen Künstlerinnen und Künstlern vor allem Zeit und Raum für ihre Arbeit ermöglichen.
Während der Studio Award den Blick in die Zukunft richtet, würdigt der Lifetime Achievement Award ein künstlerisches Werk von internationaler Bedeutung. Die Auszeichnung ging in diesem Jahr an die in Beirut geborene Künstlerin Mona Hatoum, deren Arbeiten seit Jahrzehnten zu den einflussreichsten Positionen der Gegenwartskunst zählen. Hatoum, die seit den 1970er Jahren überwiegend in London lebt, verbindet in Installationen, Skulpturen und Videos persönliche Erfahrungen von Exil, politischer Gewalt und körperlicher Verletzlichkeit mit universellen Fragen von Macht und Kontrolle. Ihre Werke sind heute in zahlreichen internationalen Sammlungen vertreten, darunter im Museum of Modern Art, in der Tate Modern oder im Centre Pompidou.
Eine andere Form kultureller Einflussnahme würdigt der Global Arts Patronage Award. Er ging an die indische Sammlerin und Mäzenin Kiran Nadar. Mit der Gründung des Kiran Nadar Museum of Art im Jahr 2010 hat sie eine der wichtigsten Institutionen für moderne und zeitgenössische Kunst in Südasien aufgebaut. Ihr Engagement reicht jedoch weit über die eigene Sammlung hinaus. Nadar unterstützt internationale Ausstellungen, Bildungsprogramme und Kooperationen zwischen Museen und hat sich damit als zentrale Figur eines global vernetzten Kunstsystems etabliert.
Der vierte Preis schließlich richtet sich nicht an Einzelpersonen, sondern an Institutionen, die strukturelle Veränderungen in der Kunstwelt ermöglichen. Der Changemaker Award ging an die in London ansässige Delfina Foundation. Seit ihrer Gründung im Jahr 2007 hat sich die Stiftung zu einer der bedeutendsten Plattformen für internationale Künstlerresidenzen entwickelt. Mehr als 600 Künstlerinnen, Kuratoren und Kulturpraktiker aus über vierzig Ländern haben bislang an ihren Programmen teilgenommen. Kooperationen mit Institutionen wie der Venice Biennale oder der Museum of Contemporary Art Chicago haben ein weit verzweigtes Netzwerk geschaffen, das künstlerischen Austausch über Kontinente hinweg fördert.
Die Preisverleihung fand im Rahmen einer groß angelegten Benefizveranstaltung statt, die zugleich als Auftakt für das Jubiläumsjahr des Museums verstanden werden kann. Der Hamburger Bahnhof wurde im November 1996 eröffnet und feiert 2026 sein dreißigjähriges Bestehen. Geplant sind mehrere Sonderausstellungen, Performances und Konzerte sowie ein internationales Symposium zur Zukunft von Sammlungsmuseen. Höhepunkt soll ein Jubiläumswochenende im November sein, an dem das Museum für dreißig Stunden ohne Unterbrechung geöffnet bleibt.
Die neuen Auszeichnungen fügen sich in dieses Jubiläumsprogramm ein. Sie sollen nicht nur einzelne Leistungen hervorheben, sondern sichtbar machen, wie komplex die Infrastruktur zeitgenössischer Kunst inzwischen geworden ist. Künstler, Kuratoren, Mäzene und Institutionen bilden ein Netzwerk, das weit über die Grenzen einzelner Städte hinausreicht. Dass diese erste Preisvergabe ausgerechnet in Berlin stattfindet, ist kein Zufall. Die Stadt versteht sich seit Jahrzehnten als Labor der Gegenwartskunst. Der Hamburger Bahnhof versucht nun, diese Rolle auch institutionell zu festigen.
