Innenansichten einer Berliner Ikone

Das Publikum im Foyer des Kino International blickte an diesem Abend nicht nur auf ein Buch, sondern auf die Geschichte eines Hauses, das für viele Berliner weit mehr ist als ein Kinosaal. Mit dem Bildband „Kino International – Innenleben einer Ikone“, erschienen bei Spector Books Leipzig, liegt nun eine fotografische Dokumentation jener fast zweijährigen Sanierung vor, in der das denkmalgeschützte Gebäude zwischen Vergangenheit und Zukunft stand. Die Veranstaltung selbst geriet dabei weniger zu einer klassischen Buchpräsentation als zu einer Reflexion über Erinnerung, Architektur und den behutsamen Umgang mit einem der bedeutendsten Kinobauten Deutschlands.

Im Zentrum des Abends standen die Gespräche mit dem Fotografen Christoph Eckelt, dem Gestalter Matthias Nichelmann sowie dem Verleger Jan Wenzel. Ihre Beiträge machten deutlich, dass dieses Buch nicht allein eine Dokumentation eines Bauprozesses sein will, sondern zugleich ein Versuch, die emotionale und kulturelle Bedeutung des Hauses festzuhalten.

Christoph Eckelt beschrieb seine Arbeit als eine Form langfristiger Beobachtung. Besonders interessierte ihn jener fragile Moment, in dem ein Gebäude bereits verändert wird, seine frühere Gestalt aber noch sichtbar bleibt. Das Kino International, so Eckelt, sei kein musealer Ort, sondern ein lebendiger Organismus innerhalb der Stadt. Seine Fotografien sollten deshalb nicht allein fertige Räume zeigen, sondern die Zwischenzustände festhalten: freigelegte Konstruktionen, geöffnete Wandverkleidungen, demontierte Holzlamellen und jene fast stillen Baustellenmomente, in denen die Geschichte des Hauses plötzlich sichtbar wird.

Dabei verwies Eckelt auch auf die Tradition fotografischer Baudokumentationen in Ostdeutschland. Sein eigenes Projekt stehe bewusst in einer Linie mit Arbeiten von Christian Borchert oder den Fotografien seines Vaters Georg Eckelt, der in den 1970er Jahren den Bau des Palastes der Republik dokumentierte. Gerade dieser historische Bezug verleiht dem Buch eine zusätzliche Ebene: Die Sanierung des Kino International erscheint nicht nur als technische Maßnahme, sondern als Teil einer größeren Erzählung über Architektur der Nachkriegsmoderne und ihren heutigen Stellenwert.

Matthias Nichelmann sprach vor allem über die gestalterische Konzeption des Bandes. Das Buch sei bewusst nicht chronologisch aufgebaut worden, sondern folge einer räumlichen Dramaturgie. Die Leser bewegen sich durch das Gebäude ähnlich wie Besucher durch das reale Kino: vom Foyer über den großen Saal bis in jene verborgenen Bereiche, die der Öffentlichkeit normalerweise verschlossen bleiben. Dadurch entsteht weniger der Eindruck eines klassischen Architekturbandes als vielmehr eines visuellen Rundgangs.

Besonders wichtig sei ihm gewesen, die Materialität des Hauses sichtbar zu machen. Die Fotografien zeigen Holzoberflächen, Stoffe, metallische Konstruktionen und Lichtstimmungen mit großer Präzision. Gerade diese Details machten deutlich, wie viel handwerkliche Sorgfalt in der Sanierung lag. Nichelmann erinnerte daran, dass zahlreiche originale Elemente erhalten und restauriert wurden. Rund 3.700 Holzlamellen seien einzeln ausgebaut, überarbeitet und wieder eingesetzt worden. Auch der historische Premierenvorhang wurde rekonstruiert. Diese Arbeit, so wurde mehrfach betont, sei nur möglich gewesen, weil viele Beteiligte das Gebäude nicht als beliebige Immobilie verstanden hätten, sondern als kulturelles Gedächtnis der Stadt.

Jan Wenzel wiederum rückte die publizistische Dimension des Projekts in den Vordergrund. Der Verleger von Spector Books sprach davon, dass das Buch weniger ein nostalgischer Rückblick sein solle als eine Einladung, Architektur neu wahrzunehmen. Besonders interessierte ihn die Frage, warum Menschen emotionale Bindungen zu Gebäuden entwickeln und weshalb bestimmte Orte über Jahrzehnte Teil kollektiver Erinnerung bleiben. Das Kino International sei dafür ein außergewöhnliches Beispiel, weil sich hier Architektur, Filmgeschichte und Berliner Stadtgeschichte unmittelbar überlagern.

Mehrfach wurde an diesem Abend deutlich, wie stark persönliche Erinnerungen mit dem Gebäude verbunden sind. Viele Berliner verbinden mit dem Kino Premieren, politische Umbrüche oder Jugendjahre in Ostberlin. Auch die Zeit der Maueröffnung wurde erwähnt, als das Haus plötzlich Teil einer neuen gemeinsamen Stadt wurde. Gerade deshalb erschien die Sanierung vielen Beteiligten nicht als bloße Restaurierung, sondern als Verantwortung gegenüber einem Ort, der bis heute gesellschaftliche Bedeutung besitzt.

Das Buch selbst spiegelt diese Haltung wider. Die Fotografien verzichten weitgehend auf spektakuläre Effekte. Stattdessen entsteht ihre Wirkung aus der Genauigkeit der Beobachtung. Freigelegte Betonstrukturen, geöffnete Deckenbereiche oder demontierte Wandverkleidungen erscheinen darin fast wie archäologische Schichten eines Gebäudes, das seine Geschichte preisgibt. Zugleich bleibt immer sichtbar, dass dieser Ort weiterleben soll. Das Kino International erscheint nicht als abgeschlossenes Denkmal, sondern als ein Gebäude im Übergang.

Gerade darin liegt die Stärke von „Kino International – Innenleben einer Ikone“. Der Band dokumentiert nicht nur eine Sanierung, sondern erzählt von der Beziehung einer Stadt zu einem ihrer bedeutendsten Kulturorte. Er macht sichtbar, wie eng Architektur und Erinnerung miteinander verbunden sein können und wie viel Sorgfalt notwendig ist, um Orte dieser Art für kommende Generationen zu erhalten.

Von admin