Die deutsche Milchwirtschaft befindet sich zu Beginn des Jahres 2026 in einer Phase wachsender Unsicherheit. Zwischen steigenden Produktionskosten, volatilen Weltmärkten und wachsenden gesellschaftlichen Erwartungen an Tierwohl und Klimaschutz suchen Landwirtschaft, Industrie und Politik nach neuen Orientierungen. Wie komplex diese Gemengelage inzwischen geworden ist, zeigte das 16. Berliner Milchforum, zu dem sich rund 500 Vertreter aus Landwirtschaft, Molkereiwirtschaft, Handel, Politik, Wissenschaft und Medien in Berlin trafen. Die zweitägige Veranstaltung gilt seit Jahren als eines der zentralen Diskussionsforen der Branche.
Bereits zum Auftakt machte der Vizepräsident des Deutschen Bauernverbandes und Milchbauernpräsident Karsten Schmal deutlich, worum es der Landwirtschaft derzeit geht: um wirtschaftliche Stabilität in einem zunehmend unberechenbaren Markt. Wenn die Milcherzeugung in Deutschland langfristig erhalten bleiben solle, müsse die gesamte Wertschöpfungskette Verantwortung übernehmen. Von der Bundesregierung erwarten die Milchbauern unter anderem die Einführung einer steuerfreien Risikoausgleichsrücklage, wie sie im Koalitionsvertrag angekündigt wurde. Sie soll Betrieben ermöglichen, Rücklagen in guten Marktphasen zu bilden, um Preisrückgänge besser abzufedern. Zugleich forderte Schmal einen spürbaren Abbau bürokratischer Auflagen, die in vielen Betrieben zusätzliche Kosten verursachen.
Ein zentrales Thema der Veranstaltung war die Frage nach der wirtschaftlichen Verteilung innerhalb der Branche. Das zeigte besonders das Debattenformat „Mehr. Wert. Milch – Wer zahlt, wer zählt?“, in dem Vertreter der gesamten Wertschöpfungskette auf dem Podium diskutierten. Neben Schmal nahmen daran unter anderem Björn Fromm, Präsident des Bundesverbandes des Deutschen Lebensmittelhandels, Dr. Björn Börgermann, Hauptgeschäftsführer des Milchindustrie-Verbandes, der schleswig-holsteinische Bauernpräsident Klaus-Peter Lucht sowie Thomas May, Geschäftsführer von QM-Milch, teil. Moderiert wurde die Diskussion von Matthias Schulze Steinmann, Chefredakteur der Fachzeitschrift „top agrar“. Im Mittelpunkt stand die Frage, wer die steigenden Kosten für höhere Tierwohlstandards und nachhaltigere Produktionsmethoden künftig tragen soll. Während Landwirte auf höhere Erlöse drängen, verweist der Handel auf Preissensibilität der Verbraucher.
Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verschärfen diese Debatte. Nach einem vergleichsweise guten Jahr 2025 mit Erzeugerpreisen von rund 52 Cent je Kilogramm Standardmilch mehren sich seit dem Herbst die Anzeichen für eine Abkühlung des Marktes. Die Milchproduktion ist sowohl in Deutschland als auch in vielen europäischen Nachbarländern gestiegen. In Deutschland lag die erzeugte Milchmenge zuletzt rund sechs Prozent über dem Vorjahresniveau. Gleichzeitig sind die Rohmilchqualitäten mit hohen Fett- und Eiweißgehalten besonders ergiebig, was die Auslastung der Molkereien zusätzlich erhöht.
Beim Auftakt der Fachtagung verwies Detlef Latka, Vorsitzender des Milchindustrie-Verbandes, auf die zunehmende Unsicherheit im internationalen Umfeld. Neben dem anhaltenden Krieg in der Ukraine sorgen neue Spannungen im Nahen Osten für zusätzliche Risiken im globalen Handel. Gerade für eine exportorientierte Branche wie die Milchindustrie können solche Entwicklungen erhebliche Folgen haben. Steigende Energiepreise wirken sich unmittelbar auf die Produktionskosten aus, da Milchverarbeitung in vielen Bereichen energieintensiv ist. Vom Pasteurisieren über das Trocknen von Milchpulver bis zur Kühlung der Produkte zieht sich ein energieaufwendiger Prozess durch die gesamte Wertschöpfungskette.
Hinzu kommen steigende Transportkosten im internationalen Handel. Störungen globaler Lieferketten und höhere Frachtraten im Seeverkehr verteuern den Export von Milchprodukten erheblich. Zwar variieren die Exportmengen deutscher Milchprodukte in die arabischen Staaten je nach Produkt stark, doch bereits indirekte Effekte können die Preisentwicklung beeinflussen.
Neben der Marktentwicklung rückten beim Milchforum auch langfristige strukturelle Veränderungen der Branche in den Blick. In Fachvorträgen ging es unter anderem um Ernährungstrends im Social-Media-Zeitalter, neue Stallkonzepte wie das Projekt „Dresdner Kuhgarten“ sowie um Energieeffizienz in der Milchverarbeitung. Ein Praxisbeispiel lieferte die Molkereigruppe Uelzena, die mit neuer Energietechnik nach eigenen Angaben den CO₂-Ausstoß ihrer Produktion deutlich reduzieren will.
Auch agrarpolitische Fragen standen im Mittelpunkt. In einer Podiumsdiskussion unter dem Titel „Versprochen – gehalten? Ein Jahr neue Bundesregierung“ diskutierten Vertreter aus Landwirtschaft, Industrie und europäischer Politik über die bisherige Bilanz der Bundesregierung in der Agrarpolitik. Dabei ging es unter anderem um Förderprogramme, regulatorische Vorgaben und die wirtschaftlichen Perspektiven landwirtschaftlicher Betriebe.
Am Rande der Veranstaltung fand zudem ein Pressegespräch mit Branchenvertretern statt, an dem neben Karsten Schmal und Detlef Latka auch Dr. Björn Börgermann sowie Roderik Wickert teilnahmen. Die Diskussionen machten deutlich, dass die Branche zwar weiterhin auf eine stabile Nachfrage nach Milchprodukten bauen kann, gleichzeitig jedoch vor grundlegenden Anpassungen steht.
Das Berliner Milchforum zeigte damit vor allem eines: Die Zukunft der Milcherzeugung entscheidet sich längst nicht mehr allein auf den Höfen. Sie entsteht im Zusammenspiel von Landwirtschaft, Molkereien, Handel, Politik und Konsumenten. Wie dieses Gleichgewicht künftig ausgestaltet wird, dürfte darüber entscheiden, ob die deutsche Milchwirtschaft ihre Rolle als bedeutender Agrarsektor auch in den kommenden Jahrzehnten behaupten kann.
