Der öffentliche Diskurs über die deutsche Russlandpolitik hat mit dem Buch „Das Versagen“ von Katja Gloger und Georg Mascolo eine neue Verdichtung erfahren. Besonders sichtbar wurde dies am 13. Januar in Berlin, wo der Autoren Georg Mascolo in der Hamburger Landesvertretung mit Bundeskanzler Olaf Scholz und dem früheren deutschen UN-Botschafter Wolfgang Ischinger diskutiert. Schon die Konstellation des Abends machte deutlich, dass es hier nicht um literarische Selbstvergewisserung ging, sondern um eine politische Standortbestimmung.

Im Zentrum des Gesprächs stand die Frage nach Verantwortung. Georg Mascolo zeichnet jene Linien nach, die in ihrem Buch beschreiben: eine über Jahre gewachsene politische Grundannahme, Russland lasse sich durch wirtschaftliche Verflechtung und Dialog einhegen, sowie die systematische Abwertung von Warnungen aus Diplomatie, Nachrichtendiensten und Osteuropa-Expertise. Olaf Scholz verteidigte einzelne Entscheidungen früherer Bundesregierungen als zeitgebunden, räumte jedoch ein, dass es an strategischer Klarheit und an einer konsequenten Neubewertung russischer Politik gefehlt habe. Die Auseinandersetzung blieb dabei sachlich, stellenweise nüchtern, und wich einfachen Schuldzuweisungen bewusst aus.

Wolfgang Ischinger ergänzte die Diskussion um eine sicherheitspolitische Perspektive. Er verwies auf die strukturellen Defizite deutscher Außenpolitik, insbesondere auf das Spannungsverhältnis zwischen wirtschaftlichen Interessen und sicherheitspolitischer Vorsorge. Die Lektüre des Buches, so Ischinger, sei auch deshalb unbequem, weil sie zeige, wie sehr politische Entscheidungsprozesse von Wunschdenken und historischer Selbstvergewisserung geprägt gewesen seien. Genau darin liege aber sein Wert.

Der Abend in der Hamburger Landesvertretung wirkte weniger wie eine Buchvorstellung als wie ein politisches Kolloquium. Die Autoren nutzten die Gelegenheit, ihre Rechercheergebnisse mit den Argumenten der politischen Praxis zu konfrontieren. Zugleich wurde deutlich, dass „Das Versagen“ nicht als rückwärtsgewandte Abrechnung gedacht ist, sondern als Beitrag zu einer offenen Debatte über die Grundlagen deutscher Außen- und Sicherheitspolitik. Die Diskussion machte klar, wie notwendig eine solche Debatte bleibt, gerade weil die Konsequenzen der vergangenen Entscheidungen die Gegenwart weiterhin prägen.

Von admin