Am Dienstagabend feierte Komödie am Kurfürstendamm im Ernst-Reuter-Saal in Berlin-Reinickendorf die Premiere eines neuen Programmformats: Sauerkohl und Missetaten. Unter Beteiligung der Schauspielerin Katharina Thalbach, ihres Halbbruders Pierre Besson und des Komponisten Torsten Rasch verspricht das musikalisch-theatralische Projekt eine pointierte Auseinandersetzung mit dem Werk von Wilhelm Busch.
Das Stück lässt sich nicht eindeutig einer klassischen Gattung zuordnen. Es bewegt sich zwischen Lesung, szenischer Präsentation und Musiktheater. Im Zentrum stehen Texte, Gedichte und Zeichnungen von Wilhelm Busch, die zu einem Abend verdichtet werden, der humoristische, satirische und nostalgische Elemente bündelt. Thalbach und Besson rezitieren Buschs Verse und Geschichten in wechselnden Rollen; Rasch hat für diese Kombination aus Sprache und Musik ein Begleitprogramm erstellt, das zur Interpretation der Gedichte dient. Neben der Rezitation werden Zeichnungen des 19.-Jahrhundert-Autors projiziert und in den Ablauf eingebunden.
Die Auswahl der Stoffe orientiert sich an bekannten Busch’schen Figuren und Motiven: ungezogene Kinder wie Max und Moritz, streitende Paare, versoffene Kleriker, Männer auf Brautschau und der destruktive Rabe gehören zum Repertoire eines Abends, der nicht nur unterhalten, sondern auch die tragikomischen Züge von Buschs Werk ins Licht rücken möchte. Wilhelm Busch gilt als einer der prägenden Humoristen des deutschen Realismus, sein Werk Max und Moritz von 1865 gehört zu den frühesten und maßgeblichen Beispielen einer Verbindung von Vers und Bild, die das spätere Medium Comic vorwegnahm und bis heute im kollektiven Gedächtnis präsent ist.
Die künstlerische Konzeption des Abends setzt nicht auf durchlaufende Handlung, sondern auf eine collageartige Montage von Texten, Reimen und Darstellungen, die Buschs eigenwillige Mischung aus scharfsinniger Beobachtung gesellschaftlicher Konventionen und satirischer Schärfe akzentuiert. Mehrere Rezensionsansätze loben die spielerische Wucht der Präsentation, zugleich verweisen sie auf das Fehlen einer kohärenten Dramaturgie. Das Spektrum reicht von pointiert komischen Momenten bis zu einer revuehaften Aneinanderreihung von Szenen, bei der das Publikum zwischen Bühnenbildern, Musik und Illustration wechseln soll.
Die Besetzung ist bewusst überschaubar: Die Bühne bleibt auf das Duo Thalbach/Besson und Rasch am Klavier konzentriert, flankiert von einem Bühnenbild, das nostalgische Marionettenästhetik mit Buschs Illustrationen verbindet. Thalbach, die seit Jahrzehnten zu den profiliertesten deutschsprachigen Darstellerinnen gehört, bringt ihre Erfahrung im Repertoiretheater in die Darstellung ein; Besson, der ein breites Spektrum von Fernseh- und Theaterrollen vorweisen kann, ergänzt diesen Zugang in vielfachen Rollenwechseln. Rasch ist als zeitgenössischer Komponist bekannt, dessen Arbeit neben zeitgenössischer Kammermusik auch Vertonungen literarischer Texte umfasst.
Mit Sauerkohl und Missetaten steht ein Programm im Raum, das klassische Busch’sche Quellen in ein zeitgemäßes Aufführungsformat übersetzt. Es reflektiert die Spannung zwischen Traditionspflege und ästhetischer Experimentierfreude, die für viele aktuelle Umgangsweisen mit klassischer Literatur charakteristisch ist, und bietet zugleich Anlass, über die Rolle des Humors und seiner historischen Figuren im gegenwärtigen Kulturkontext nachzudenken.
