If Design Award 2026 Fotos: Marlena Waldhausen, Liesa Johannssen, Sophie Kirchner

Die Bühne ist groß, der Anspruch ebenso: Als sich am 27. April rund 2.000 Gäste im ausverkauften Friedrichstadt-Palast versammeln, verdichtet sich dort ein globales Stimmungsbild der Designbranche. Der iF DESIGN AWARD 2026 gilt seit Jahrzehnten als eine der verlässlichsten Messgrößen für gestalterische Qualität, und auch in diesem Jahr lassen die Zahlen aufhorchen: mehr als 10.000 Einreichungen aus 68 Ländern, bewertet von einer 131-köpfigen, international besetzten Jury. Die Vielfalt der prämierten Arbeiten, von Produkt- und Verpackungsdesign über Architektur bis hin zu User Experience und Systemgestaltung, verweist auf eine Disziplin, die längst nicht mehr nur formale Fragen beantwortet, sondern tief in technologische, ökologische und gesellschaftliche Transformationsprozesse eingreift. Im Zentrum des Abends steht die Auszeichnung von 74 Goldpreisträgern, doch die eigentliche Erzählung reicht darüber hinaus: Design wird zunehmend als strategisches Instrument verstanden, das Innovation nicht nur begleitet, sondern strukturiert. Diese Perspektive unterstreicht auch Uwe Cremering, Geschäftsführer von iF International Forum Design GmbH, der in seiner Ansprache die wachsende Bedeutung des Fachs in einem von Unsicherheit geprägten globalen Umfeld betont und zugleich auf eine paradoxe Entwicklung verweist: Während Künstliche Intelligenz Prozesse beschleunigt und standardisiert, steigt der Bedarf an differenzierender Gestaltung. Ohne Design, so seine These, bleibe KI im Durchschnittlichen verhaftet; erst durch gestalterische Intelligenz entfalte sie strategische Wirkung. Symbolisch verdichtet sich diese Haltung in der Ehrung von Patricia Urquiola, die den Lifetime Achievement Award erhält. Ihr Werk, das von Möbelentwürfen bis zu komplexen Raumkonzepten reicht, steht exemplarisch für eine Praxis, die Materialität, Sinnlichkeit und technologische Innovation miteinander verschränkt und damit die Grenzen klassischer Disziplinen überschreitet.

Die spanische Architektin und Designerin Patricia Urquiola ist mit dem iF Design Lifetime Achievement Award 2026 ausgezeichnet worden. Die Ehrung würdigt Persönlichkeiten, die das Verständnis von Gestaltung nachhaltig geprägt und international Maßstäbe gesetzt haben.
Urquiola zählt seit Jahren zu den einflussreichsten Stimmen im zeitgenössischen Design. Ihre Arbeiten bewegen sich an der Schnittstelle von Industrie, Handwerk und Architektur und verbinden technologische Innovation mit materialbezogener Sensibilität.
Mit der Auszeichnung reiht sie sich in eine kleine Gruppe prägender Gestalter ein, die für ihr Lebenswerk geehrt werden. Der Preis versteht sich explizit als Anerkennung für langfristigen Einfluss auf die internationale Designkultur und für Beiträge, die über einzelne Produkte oder Projekte hinausgehen.

Parallel zur Preisverleihung fungiert die begleitende Konferenz im AXICA Kongress- und Tagungszentrum als intellektuelles Labor: Hier diskutieren Gestalter, Künstler und Theoretiker über die Ambivalenzen einer zunehmend automatisierten Welt, über den Wert des Unperfekten und die Rolle analoger Kreativität im digitalen Zeitalter. Der gleichzeitig veröffentlichte Trendbericht verdichtet diese Debatten zu vier Spannungsfeldern, die von der „Bequemlichkeitskultur“ bis zur Idee „urbaner Dörfer“ reichen und damit ein Bild zeichnen, in dem Design weniger als Stilfrage erscheint denn als Vermittlungsinstanz zwischen technologischer Machbarkeit und gesellschaftlicher Orientierung. In dieser Konstellation wird der iF Award weniger zur Bühne einzelner Objekte als zu einem Seismografen für Verschiebungen innerhalb einer Disziplin, die sich neu verortet: weg vom isolierten Entwurf, hin zu einem umfassenden Verständnis von Gestaltung als kulturelle, ökonomische und politische Praxis.

Von admin