Glasfaser als Rückgrat der Digitalisierung – Anspruch und Realität auf dem Branchentreff in Berlin

Der Glasfaserausbau gilt als Grundlage der digitalen Transformation und damit als zentrale Voraussetzung für wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt. In Berlin trafen sich in dieser Woche führende Vertreter aus Politik, Regulierung und Wirtschaft zum wichtigsten Branchentreff des Jahres, um über Wege zur Beschleunigung des Netzausbaus zu beraten. Eingeladen hatte der Bundesverband Breitbandkommunikation (BREKO), der mit einem hochkarätig besetzten Kongressprogramm den aktuellen Stand der Digitalpolitik und die Perspektiven der Branche in den Mittelpunkt stellte.

Deutschland hat beim Ausbau der Glasfasernetze in den vergangenen Jahren aufgeholt, bleibt im europäischen Vergleich aber hinter den führenden Ländern zurück. Rund 53 Prozent der Haushalte verfügen inzwischen über einen technisch möglichen Glasfaseranschluss, doch die tatsächliche Nutzung liegt deutlich darunter. Der sogenannte „Take-up“ – also der Anteil der Haushalte, die ihren Anschluss auch aktiv nutzen – stagniert vielerorts. Für Wirtschaft und Verwaltung, die auf stabile und schnelle Netze angewiesen sind, ist das ein strukturelles Problem.

Das Kongressprogramm griff diese Themen in zahlreichen Beiträgen auf. Dr. Markus Richter, Staatssekretär im Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung, eröffnete die Veranstaltung mit einer Grundsatzrede zur digitalen Infrastrukturpolitik des Bundes. Es folgten Beiträge von Dr. Stefan Heumann, Geschäftsführer der Agora Digitale Transformation, sowie Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamts, und Prof. Dr. Tomaso Duso, Vorsitzender der Monopolkommission, die über Wettbewerbsbedingungen und regulatorische Weichenstellungen sprachen. Ein Schwerpunkt lag dabei auf der Frage, wie der Glasfaserausbau durch stabile Investitionsbedingungen und effiziente Verfahren beschleunigt werden kann.

Neben politischen und ökonomischen Aspekten rückte auch das Thema Vertrauen in den Mittelpunkt. Die Vertrauensforscherin Eva Schulte-Austum betonte in ihrem Vortrag, dass erfolgreiche Digitalisierung nur dort gelingt, wo Vertrauen zwischen Politik, Wirtschaft und Bevölkerung vorhanden ist. Kooperationen zwischen Netzbetreibern, Kommunen und Eigentümern seien entscheidend, um Akzeptanz und Tempo im Ausbau zu erhöhen.

In einer abschließenden Podiumsdiskussion mit den Bundestagsabgeordneten Joachim Ebmeyer (CDU/CSU) und Johannes Schätzl (SPD) sowie Experten aus Wissenschaft und Wirtschaft wurde deutlich, dass der Weg zu einer flächendeckenden Glasfaserversorgung vor allem ein gemeinschaftliches Projekt bleibt. Einheitliche Rahmenbedingungen, klare Zuständigkeiten und ein verstärktes Engagement privater Investoren gelten als zentrale Voraussetzungen, um das Ziel einer gigabitfähigen Infrastruktur bis 2030 zu erreichen.

Für Fach- und Führungskräfte der Branche ergibt sich daraus eine doppelte Herausforderung: Einerseits müssen strategische Investitionsentscheidungen an politische und regulatorische Vorgaben angepasst werden, andererseits gilt es, durch Kooperationen und effizientes Projektmanagement die Umsetzungsdauer zu verkürzen. Der Ausbau der physischen Infrastruktur ist dabei nur der erste Schritt – entscheidend wird die Nutzung der Netze sein.

Nachfolgend ein vertiefender Überblick über ausgewählte Rednerinnen und Redner des Kongressprogramms – mit besonderem Blick darauf, welche Erfahrungen und Perspektiven sie in die Debatte um den Glasfaserausbau einbringen:


Dr. Markus Richter

Dr. Markus Richter ist seit dem 6. Mai 2025 Staatssekretär im Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS). Zuvor war er Bundes­CIO sowie Staatssekretär im Innenministerium und befasst mit IT-Infrastruktur und Verwaltungs­digitalisierung.
Sein Impuls für den Kongress bestand darin , wie der Bund den Glasfaserausbau und die digitale Infrastruktur als Teil einer gesamtstaatlichen Modernisierung vorantreiben will. Er bringt die Perspektive auf netzpolitische Steuerung, öffentliche Infrastruktur und digitale Verwaltung mit – zentrale Aspekte, wenn von großflächigem Glasfaserausbau die Rede ist.


Andreas Mundt

Andreas Mundt ist seit Dezember 2009 Präsident des Bundeskartellamt, der deutschen Wettbewerbsbehörde. Seine Laufbahn umfasst frühe Tätigkeiten im Wirtschaftsministerium und der FDP-Fraktion sowie verschiedene Führungs­aufgaben im Kartellamt.
In der Diskussion um den Glasfaserausbau spielt das Bundeskartellamt eine Schlüsselrolle bei der Frage nach Marktstruktur, Wettbewerbsbedingungen und zugänglichen Netzinfrastrukturen. Mundts Teilnahme signalisiert, dass regulatorische Rahmenbedingungen – etwa im Bereich Open Access oder Infrastruktur­zugang – zentrale Themen des Kongresses sein werden.


Prof. Dr. Tomaso Duso

Prof. Dr. Tomaso Duso leitet seit 2013 die Abteilung „Unternehmen und Märkte“ am Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und ist seit 1. Juli 2022 Mitglied der Monopolkommission – seit September 2024 deren Vorsitzender. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in angewandter Mikroökonometrie, Wettbewerbspolitik und Regulierung, insbesondere in netzgebundenen Industrien wie Telekommunikation.
Duso lenkte den Blick auf wettbewerbs- und regulierungspolitische Analysen im Glasfaserausbau. Er kann empirisch untermauern, wie Regulierungs­entscheidungen Wirkung entfalten – ein wertvoller Beitrag zur politischen und wirtschaftlichen Diskussion.


Dr. Stefan Heumann

Dr. Stefan Heumann ist Geschäftsführer der Agora Digitale Transformation (ADT), einem Think Tank für Digitalpolitik. Zuvor war er über viele Jahre bei der Stiftung Neue Verantwortung tätig und engagiert sich in der Digitalpolitik u. a. in der Enquete-Kommission KI.
Im Kontext Glasfaserausbau bringt Heumann die Perspektive der digitalen Transformation, Wertschöpfungsnetzwerke und gesellschaftlichen Teilhabe ins Spiel. Er hat die Verbindung zwischen Infrastruktur-Investitionen und Nutzungskaskaden (z. B. in Unternehmen und Kommunen) adressieren.


Eva Schulte‑Austum

Eva Schulte-Austum ist Wirtschaftspsychologin, zertifizierter Business Coach und gilt als eine der führenden Vertrauens­forscherinnen in Deutschland. In ihren Untersuchungen steht Vertrauen als Wirtschafts- und Führungsthema im Zentrum.
Im Rahmen des Branchentreffs hat sie den Aspekt Vertrauen beim Glasfaserausbau thematisiert – etwa Vertrauen aller beteiligten Akteure (Netzbetreiber, Politik, Eigentümer), Vertrauen der Nutzer in Infrastrukturangebote sowie Vertrauen in Investitions- und Kooperationsmodelle.


Zusammenfassung

Die Auswahl der Redner bildet strategisch drei Ebenen ab:

  • Politische Steuerung und Infrastrukturmaßnahmen (Richter)
  • Regulatorische und wettbewerbsrechtliche Rahmenbedingungen (Mundt, Duso)
  • Transformation, Nutzung und Führungsperspektiven (Heumann, Schulte-Austum)

Für Fach- und Führungskräfte in der Branche ergibt sich daraus die Notwendigkeit, Infrastruktur-, Wettbewerbs- und Nutzer- bzw. Organisationsperspektiven nicht isoliert zu betrachten, sondern integrativ zu denken.

 

Der BREKO-Kongress zeigte, dass die Branche handlungsfähig ist, aber weiterhin auf verlässliche politische Rahmenbedingungen angewiesen bleibt. Der Dialog zwischen Staat, Wirtschaft und Wissenschaft in Berlin verdeutlichte zugleich, dass Digitalisierung nicht allein eine technische Aufgabe ist, sondern ein gesamtgesellschaftlicher Prozess. Wenn es gelingt, Tempo, Vertrauen und Nutzung in Einklang zu bringen, könnte Deutschland beim Glasfaserausbau den entscheidenden Schritt nach vorn machen.

Von admin