Deutschen Studienpreis der Körber-Stiftung 2025
Die diesjährige Verleihung des Deutschen Studienpreises folgte einem präzise gesetzten Ablauf, der wissenschaftliche Exzellenz und feierliche Anerkennung eng miteinander verband. Nach der Eröffnung führte Moderator Matthias Mayer durch ein Programm, das die Bandbreite aktueller Spitzenforschung sichtbar machte. Im Anschluss richtete Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, Schirmfrau des Preises, ihr Grußwort an die Gäste. Die Präsentation der Preisträgerinnen und Preisträger begann mit den Natur- und Technikwissenschaften. Der erste Preis ging an Prof. Dr.-Ing. Christina Eisenbarth, deren Forschung zu klimaresilienten, ressourceneffizienten Fassadensystemen aktuelle Fragen der Baupraxis adressiert. Prof. Dr. Karl Mandel würdigte die Arbeit in seiner Laudatio. Die zweiten Preise erhielten Dr. Angelika Dannert, Ph.D., sowie Dr.-Ing. Laura König-Mattern für ihre Beiträge im Bereich angewandter Technologie- und Materialforschung.
Es folgte die Kategorie Geistes- und Kulturwissenschaften. Der erste Preis ging an Dr. Christian Ollig für seine Analyse der EU-Plattformregulierung als potenziellen globalen Standard des digitalen Grundrechtsschutzes. Prof. Dr. Katrin Höffler hob in ihrer Laudatio die internationale Tragweite dieser Forschungsarbeit hervor. Bereits zu Beginn wurden in den Geistes- und Kulturwissenschaften Dr. Anna Biedermann und Joey Rauschenberger mit den zweiten Preisen ausgezeichnet. In den Sozialwissenschaften stand zunächst die Erstplatzierte im Mittelpunkt: Dr. Lara Bister erhielt den Hauptpreis für ihre Untersuchung zu den langfristigen gesundheitlichen Folgen wirtschaftlicher Krisen für die Generation der Wendekinder in Ostdeutschland. Die Laudatio hielt Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Michael Quante, der die gesellschaftspolitische Relevanz der Arbeit hervorhob.
Im Anschluss folgten die zweiten Preise der Sozialwissenschaften für Dr. Anna Billerbeck und Dr. Tim Heinkelmann-Wild. Die Auszeichnungen wurden gemeinsam von Prof. Quante und Eva Nemela überreicht. Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung durch die Stipendiat:innen der Deutschen Stiftung Musikleben: Cosima Federle und Alexander Wollheim interpretierten Jean-Baptiste Barrières Sonate für zwei Violoncelli in G-Dur, deren virtuos vorgetragenes „Allegro Prestissimo“ dem Festakt eine markante Klangfarbe verlieh. Den Abschluss bildete ein Stehempfang, der Gästen und Geehrten Gelegenheit zum Austausch bot.
Der Deutsche Studienpreis 2025 präsentiert sich wie ein Schaulaufen der jungen Wissenschaft – und zugleich wie ein Panorama gesellschaftlicher Spannungen, Hoffnungen und Zumutungen. Drei Spitzenpreise, flankiert von einem breiten Feld an Finalistinnen und Finalisten, zeichnen ein Jahr aus, in dem Forschung nicht nur erklärt, sondern beunruhigt, erhellt und gelegentlich auch provoziert.
Da ist etwa Lara Bister, deren Arbeit über die sogenannten Wendekinder ein Schlaglicht auf eine Generation wirft, die lange als politisch abgeklärt galt. Ihre Analyse zeigt jedoch, dass die wirtschaftlichen Brüche der Nachwendezeit gesundheitliche Narben hinterließen, die sich bis heute nachweisen lassen. Bisters Ergebnisse sind ein Hinweis darauf, wie lange Transformationskrisen nachhallen – und wie wenig die Gesellschaft bisher über diese Langzeitfolgen sprechen wollte.
Einen völlig anderen Blick auf Gegenwart und Zukunft wirft Christian Ollig. Seine Untersuchung zur EU-Plattformregulierung wirkt wie ein Blick hinter die Kulissen der digitalen Arena, in der Konzerne und Staaten um Einfluss ringen. Ollig fragt, ob der europäische Digital Services Act tatsächlich zum globalen Maßstab für Grundrechtsschutz werden kann – oder ob am Ende nur der schöne Schein überzeugt. Seine Arbeit trifft den Nerv einer Zeit, in der Debatten über Meinungsfreiheit, algorithmische Macht und digitale Verantwortung allgegenwärtig sind.
Mit beeindruckender technischer Präzision positioniert sich Christina Eisenbarth, deren Forschung zu textilen, wasseraktiven Fassaden anmutet wie ein Vorgeschmack auf Städte, die sich selbst kühlen. Eisenbarth zeigt, wie filigrane Strukturen und experimentelle Materialien zu Bauteilen werden können, die Regenwasser speichern und Hitze abmildern. Ihre Arbeit wirkt wie ein leiser, aber entschlossener Widerspruch gegen die klimatischen Zumutungen der kommenden Jahrzehnte.
Auch die Zweitplatzierten setzen markante Akzente. Laura König-Mattern liefert ein Beispiel dafür, wie algorithmische Prozessoptimierung die chemische Industrie in Richtung Nachhaltigkeit drängen kann – ein Feld, das häufig zwischen Umbruchsversprechen und Industriestolz schwankt. Angelika Dannert dagegen richtet den Blick in das Innere menschlicher Gehirnzellen und skizziert Wege, wie Demenzforschung künftig realistischer und gleichzeitig ethischer werden könnte. Joey Rauschenberger wiederum legt offen, wie unzureichend die Entschädigungsprozesse für Sinti und Roma nach 1945 verliefen – ein Thema, das historisch bekannt scheint und dennoch erschreckend aktuell wirkt.
Schließlich bildet das breite Feld der Finalistinnen und Finalisten die ganze Spannweite dessen ab, womit sich eine Gesellschaft im Jahr 2025 konfrontiert sieht: Landnutzungskonflikte, kalte Progression, Krankenhausdiagnostik, Mikroplastik in Korallen, internationale Sicherheitspolitik, KI-Medizinrecht, Medienwandel, demokratische Polarisierung. Manche Themen klingen abstrakt, andere unmittelbar – doch alle eint der Versuch, Ordnung in eine komplexer werdende Welt zu bringen.
So wirkt der Studienpreis dieses Jahres weniger wie eine nüchterne Leistungsschau akademischer Exzellenz, sondern eher wie ein Kaleidoskop gesellschaftlicher Konfliktlinien. Die ausgezeichneten Arbeiten zeigen, welche Fragen im Raum stehen, welche Antworten möglich wären – und wie sehr Wissenschaft zum Seismografen einer Zeit wird, in der sicher geglaubte Gewissheiten brüchig wirken.
