Am frühen Abend füllt sich das Foyer des Ernst-Reuter-Saals im Rathaus Reinickendorf mit Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religion und Generation. Noch ist es ruhig. Gespräche werden gedämpft geführt, manche warten mit einem Glas Wasser oder einer Dattel in der Hand. Erst mit Sonnenuntergang beginnt das eigentliche Ereignis des Abends: das gemeinsame Fastenbrechen, zu dem das Bezirksamt Reinickendorf erneut Bürgerinnen und Bürger eingeladen hat. Es ist ein öffentliches Iftar, offen für Gläubige ebenso wie für Interessierte, die den muslimischen Fastenmonat aus nächster Nähe erleben wollen.
Der Ramadan hat in diesem Jahr am Abend des 18. Februar begonnen und dauert bis Mitte März. Für Musliminnen und Muslime weltweit ist er der neunte Monat des islamischen Mondkalenders und eine Zeit der spirituellen Konzentration, der Selbstdisziplin und der sozialen Verantwortung. Von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang verzichten Gläubige auf Essen, Trinken und andere körperliche Bedürfnisse. Erst am Abend, beim Iftar, wird das Fasten gemeinsam gebrochen, traditionell zunächst mit Wasser und Datteln. Der religiöse Kern dieser Praxis liegt im Verzicht als Übung der Selbstbeherrschung und in der Erinnerung an Bedürftige. Gleichzeitig ist der Ramadan auch ein Monat der Begegnung. Familien, Nachbarn und Gemeinden kommen zusammen, teilen Mahlzeiten und Gespräche.
Im Berliner Bezirk Reinickendorf ist aus dieser religiösen Praxis inzwischen ein öffentliches Format geworden. Das Bezirksamt lädt seit einigen Jahren zum gemeinsamen Fastenbrechen ins Rathaus ein. Der Rahmen ist bewusst offen gehalten. Moscheegemeinden aus dem Bezirk gestalten Teile des Programms, lokale Initiativen beteiligen sich, Vertreter aus Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft kommen miteinander ins Gespräch. Es geht nicht allein um eine religiöse Tradition, sondern um eine Form der Begegnung im städtischen Alltag.
Die Bezirksbürgermeisterin Emine Demirbüken-Wegner beschreibt den Ramadan als eine Phase der Reflexion und des Zusammenhalts. Gerade in politisch und gesellschaftlich angespannten Zeiten, sagt sie, erinnere der Fastenmonat daran, wie wichtig Solidarität und gegenseitige Fürsorge seien. Diese Deutung ist keineswegs ungewöhnlich. In vielen deutschen Städten haben sich in den vergangenen Jahren öffentliche Iftar-Veranstaltungen etabliert, oft organisiert von Kommunen, Moscheevereinen oder zivilgesellschaftlichen Initiativen. Sie sollen Brücken schlagen zwischen religiösen Gemeinschaften und der Mehrheitsgesellschaft.
In Berlin erhält diese Form des Dialogs eine besondere Bedeutung. Die Hauptstadt zählt zu den vielfältigsten religiösen Landschaften Deutschlands. Schätzungen gehen davon aus, dass mehrere hunderttausend Musliminnen und Muslime in der Stadt leben. Gleichzeitig ist Berlin ein Ort, an dem religiöse Traditionen zunehmend auch im öffentlichen Raum sichtbar werden. Ramadan-Beleuchtungen in einzelnen Stadtvierteln, interreligiöse Gesprächsformate oder gemeinsame Fastenbrechen sind Teil dieser Entwicklung.
Das Iftar im Rathaus Reinickendorf folgt dieser Logik. Es verlagert eine ursprünglich private Praxis in einen institutionellen Rahmen. Während in vielen Familien das Fastenbrechen traditionell im engen Kreis stattfindet, öffnet sich die Veranstaltung im Rathaus bewusst der Öffentlichkeit. Vertreter verschiedener Moscheegemeinden aus Reinickendorf beteiligen sich mit Beiträgen, ebenso ein Jugendprojekt aus Spandau, das sich der Stärkung lokaler Communities widmet. Der Abend verbindet damit religiöse Praxis, kulturellen Austausch und kommunale Integrationspolitik.
Im Zentrum steht jedoch eine einfache Handlung: das gemeinsame Essen nach einem langen Tag des Fastens. Für die Fastenden markiert dieser Moment das Ende eines Tages der Disziplin. Für die Gäste, die selbst nicht fasten, wird das Ritual zu einer Gelegenheit, eine religiöse Praxis kennenzulernen, die für viele Millionen Menschen weltweit zum Alltag gehört. Gerade in einer Stadt wie Berlin, in der unterschiedliche Lebenswelten häufig nebeneinander existieren, ohne sich zu berühren, erhält eine solche Einladung eine besondere Symbolkraft.
So wird das Fastenbrechen im Rathaus Reinickendorf zu mehr als einer religiösen Feier. Es ist ein Versuch, Gemeinschaft sichtbar zu machen. Nicht als abstrakten Begriff, sondern als konkrete Erfahrung an einem Tisch, an dem Menschen miteinander sprechen, essen und einander zuhören. In einer pluralen Gesellschaft, in der religiöse und kulturelle Unterschiede oft Gegenstand politischer Debatten sind, wirkt ein solcher Abend fast unspektakulär. Gerade darin liegt seine Bedeutung.
