Tim Raue kreirt in 207 Metern Höhe über Berlin ein Weihnachtsmenü, das die festliche Küche mit urbanem Erlebnis verbindet. Der Besuch im Restaurant Sphere im Fernsehturm beginnt mit der Fahrt im Aufzug, die innerhalb weniger Sekunden einen Abstand zwischen Alltag und Anlass legt. Der rotierende Gastraum eröffnet einen Blick über die nächtliche Stadt, über Alexanderplatz und Spree bis hin zu den Randbezirken, deren Lichter wie ein gläsernes Netz wirken. In dieser Atmosphäre entwickelt das Menü seine Wirkung nicht nur auf dem Teller, sondern als Inszenierung aus Perspektive, Ritual und Kulinarik.
Als Auftakt wird eine Selleriecremesuppe serviert, deren feiner, nussiger Grundton durch Entenschinken und Walnüsse strukturiert wird. Die Schale wirkt zunächst schlicht, doch in Duft und Textur entfaltet sich ein präzises Spiel zwischen Cremigkeit und Frische, das durch Petersilienöl akzentuiert wird. Die Kombination erscheint bewusst gesetzt: ein Einstieg, der als Entre den Abends ankündigt.
Der Hauptgang – eine knusprige halbe Ente mit Rotkohl, Kartoffelknödeln in Haselnussbutter, Maronenpüree und Majoransauce – steht im Zentrum des Menüs und verbindet Tradition und handwerkliche Genauigkeit. Die Haut der Ente bricht mit hörbarem Knacken, das Fleisch bleibt zart und saftig, und die Sauce zeigt Majoran in einer Intensität, die an klassische Weihnachtsküche erinnert, ohne sie zu überladen. Rotkohl und Maronenpüree bilden ein aromatisches Fundament, während die Haselnussbutter in den Knödeln eine deutliche, aber nicht dominante Wärme setzt. Die Komposition verweist auf die vertraute deutsche Festtagsküche, zugleich jedoch mit einer Originalität wie sie eher aus der gehobenen Gastronomie bekannt ist.
Das Dessert – ein Bienenstich mit Mandelsoße und Maracujaeis – nutzt den Kontrast von Süße und Säure, um einen frischen Abschluss zu setzen. Die cremige Mandelsoße trägt das fruchtige Eis, während der Bienenstich weniger als Kuchen, vielmehr als patisserieartige Miniatur erscheint. Die Entscheidung, das Menü nicht mit Schwere enden zu lassen, sondern mit Leichtigkeit, zeigt eine Handschrift, die Präzision mit Spannung verbindet.
Die Getränkebegleitung mit Aperitif, Wasser, Wein oder alkoholfreier Variante zu jedem Gang sowie Kaffee nach dem Dessert wird abgestimmt gereicht und ist integraler Bestandteil des Gesamterlebnisses. Das Menü reflektiert sowohl den Anspruch der Küche , als auch die Besonderheit des Ortes: ein kulinarisches Ereignis, das nicht nur zum Dinieren dient, sondern der Inszenierung eines Moments. Der Fernsehturm fungiert dabei als Bühne, die Stadt als Kulisse.
Die persönliche Betreuung durch das Servicepersonal, allen voran Miguel, der mit unaufdringlicher Freundlichkeit und großer Professionalität auffällt, beeindruckte. Seine offene Art und sein feines Gespür für das Tempo des Abends verleihen dem Menü einen zusätzlichen Wert: Nicht nur die kulinarische Komposition, sondern auch der Service wird zu einem Teil des Genusserlebnisses, sodass der Abend im Sphere nicht nur geschmacklich, sondern auch durch persönliche Zuwendung nachhaltig beeindruckt.
In der Gesamtschau bleibt der Eindruck eines Menüs, das sich bewusst zwischen festlicher Tradition und städtischer Moderne positioniert. Der Blick aus dem Panoramafenster verändert die Wahrnehmung des Essens. Der Abend zeigt, wie Gastronomie zum kulturellen Ereignis werden kann.
