Die internationale Hotel- und Immobilienbranche trifft sich in diesen Tagen in Berlin zu einem ihrer wichtigsten Branchentreffen: dem International Hospitality Investment Forum (IHIF) EMEA. Was auf den ersten Blick wie ein dicht getaktetes Konferenzprogramm erscheint, ist bei näherem Hinsehen ein Seismograf für die tektonischen Verschiebungen einer Industrie, die sich zwischen geopolitischen Risiken, technologischem Wandel und veränderten Konsumgewohnheiten neu ausrichten muss. Der erste Konferenztag macht deutlich, wie stark sich die Gewichte innerhalb der Branche verschoben haben und wo Investoren, Betreiber und Entwickler derzeit ihre Chancen suchen.

Auffällig ist zunächst die thematische Breite, mit der das Forum operiert. Neben klassischen Investmentfragen rücken zunehmend hybride Nutzungsmodelle in den Mittelpunkt. Insbesondere das Segment der „branded residences“, also markengebundener Wohnimmobilien mit Hotelservice, zieht sich wie ein roter Faden durch das Programm. In mehreren Panels wird deutlich, dass dieses Modell längst nicht mehr als Nischenprodukt gilt. Branchenvertreter wie Louis Keighley von Savills oder Dana Jacobsohn von Marriott International beschreiben einen Markt, der sich von exklusiven Luxusprojekten hin zu einem differenzierteren Angebot entwickelt hat. Wachstum entsteht dabei weniger durch spektakuläre Einzelprojekte als durch die systematische Integration von Wohnen, Hotellerie und Dienstleistungen in gemischt genutzten Quartieren.

Parallel dazu richtet sich der Blick der Investoren verstärkt auf Regionen außerhalb der traditionellen europäischen Kernmärkte. Besonders der Nahe Osten und Nordafrika stehen im Fokus. In mehreren Diskussionsrunden wird die Region als Wachstumsraum beschrieben, der von staatlichen Investitionsprogrammen, einer jungen Bevölkerung und steigenden Tourismuszahlen profitiert. Vertreter großer Hotelketten wie Hilton oder Kempinski betonen zugleich die Risiken: politische Unsicherheiten, regulatorische Unterschiede und die Abhängigkeit von globalen Kapitalströmen. Dennoch überwiegt der Eindruck, dass viele Marktteilnehmer hier mittelfristig stabilere Renditen erwarten als in gesättigten Märkten Westeuropas.

Ein weiteres zentrales Thema ist die Rolle von Technologie, insbesondere künstlicher Intelligenz. Auffällig ist, wie nüchtern der Ton inzwischen geworden ist. Während KI noch vor wenigen Jahren vor allem als Zukunftsversprechen verhandelt wurde, geht es nun um konkrete Anwendungen. Formate wie das „AI driven matchmaking“ oder Diskussionen im Rahmen der „Meeting of Minds“-Reihe zeigen, dass die Branche beginnt, zwischen tatsächlichem Mehrwert und bloßem Hype zu unterscheiden. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr, ob KI eingesetzt wird, sondern wo sie tatsächlich zu besseren Investitionsentscheidungen führt. Erste Antworten deuten sich an: in der Analyse von Nachfrageverhalten, in der Preisgestaltung und in der Optimierung operativer Prozesse.

Eng damit verknüpft ist die Diskussion über veränderte Konsummuster. In einer von Booking.com begleiteten Session wird deutlich, dass Reisende zunehmend flexible, personalisierte und zugleich global standardisierte Angebote erwarten. Die klassische Trennung zwischen Geschäfts- und Freizeitreise verliert an Bedeutung, ebenso die klare Abgrenzung zwischen Hotel, Serviced Apartment und Wohnimmobilie. Für Investoren bedeutet das vor allem eines: höhere Komplexität. Wer heute in Hospitality investiert, investiert nicht mehr in ein klar umrissenes Produkt, sondern in ein dynamisches Nutzungskonzept.

Auch die Beziehungen zwischen Eigentümern und Betreibern stehen auf dem Prüfstand. In mehreren Diskussionsformaten wird die Frage gestellt, wie sich Partnerschaften so gestalten lassen, dass sie auch in volatilen Märkten tragfähig bleiben. Die Antworten bleiben vorsichtig, lassen aber eine Tendenz erkennen: mehr Flexibilität in Vertragsstrukturen, stärkere Risikoteilung und eine wachsende Bedeutung von Daten als Grundlage gemeinsamer Entscheidungen. Klassische Pachtmodelle geraten dabei ebenso unter Druck wie starre Managementverträge.

Nicht zuletzt rückt das Thema Nachhaltigkeit stärker in den Mittelpunkt, allerdings mit einer neuen Perspektive. Während ESG-Kriterien lange als regulatorische Pflichtübung galten, wird nun zunehmend nach ihrer ökonomischen Relevanz gefragt. In Diskussionen über Dekarbonisierung und Asset Management wird deutlich, dass nachhaltige Investitionen zwar als notwendig gelten, ihre Wertschöpfung jedoch noch nicht in allen Marktsegmenten adäquat eingepreist ist. Für Investoren entsteht daraus ein Spannungsfeld zwischen langfristiger Risikoabsicherung und kurzfristigem Renditedruck.

Der erste Tag des IHIF EMEA 2026 zeichnet damit das Bild einer Branche im Übergang. Die großen Linien sind erkennbar: stärkere Diversifizierung der Geschäftsmodelle, geografische Verschiebungen der Investitionsschwerpunkte, ein pragmatischer Umgang mit Technologie und eine zunehmende Komplexität in den Beziehungen zwischen den Akteuren. Was noch fehlt, ist die klare Richtung. Gerade darin liegt jedoch die eigentliche Funktion solcher Foren: nicht fertige Antworten zu liefern, sondern die Fragen zu schärfen, die die Branche in den kommenden Jahren bestimmen werden.

Von admin