Wenn die Bahn kommt, muss die Information stimmen
Wer vom Auto auf die Bahn umsteigt, erwartet nicht nur einen Zug, sondern vor allem Gewissheit: Wann fährt er ab, wo hält er, hat er Verspätung und erreiche ich meinen Anschluss? Gerade im zunehmend digitalisierten Bahnverkehr wird die Qualität dieser Informationen zu einem eigenen Bestandteil der Mobilität. Auf der InnoTrans 2026 in Berlin sprach Lydia Ritter vom Stylemagazine Berlin mit Herrn Christian Ringler Managing Director Funkwerk Mobility Solutions GmbH über Echtzeitinformationen, künstliche Intelligenz, Datenschnittstellen und die Frage, wie viel Technik der Fahrgast künftig überhaupt noch wahrnehmen soll.
Für Herrn Christian Ringler beginnt moderne Fahrgastinformation bei einer scheinbar einfachen Voraussetzung: Die Daten müssen stimmen. „Echtzeitinformationen sind aktuell das Wichtigste, was man benötigt, um pünktlich ans Ziel zu kommen beziehungsweise überhaupt den Zug zu erreichen“, sagte er im Gespräch. Funkwerk selbst könne keine Verspätungen verhindern. Die Aufgabe des Unternehmens bestehe vielmehr darin, vorhandene Informationen möglichst zuverlässig aufzubereiten und an die Fahrgäste weiterzugeben. Das betrifft digitale Anzeigen ebenso wie Lautsprecheranlagen und zentrale Softwaresysteme. Funkwerk entwickelt visuelle und akustische Fahrgastinformationssysteme und verbindet dabei Daten aus unterschiedlichen Quellen mit den Ausgabekanälen an Bahnhöfen und Haltestellen. Nach eigenen Angaben verarbeitet die Funkwerk Mobility Platform Echtzeitdaten und führt verschiedene Systeme und Informationskanäle zusammen.
Das klingt technisch, ist für Reisende aber eine sehr konkrete Frage. Wenn auf der Bahnsteiganzeige eine andere Verspätung steht als in der App und im Zug wiederum eine dritte Information erscheint, entsteht Unsicherheit. „Die Daten müssen so sauber aufbereitet werden, dass sie am Ende gleich sind“, sagte Herr Christian Ringler. Genau an dieser Stelle liegt nach seiner Einschätzung eine der größten Herausforderungen des digitalisierten Bahnverkehrs. Es gebe heute eine Vielzahl von Datenquellen, die miteinander verbunden werden müssten. Die technische Schwierigkeit bestehe deshalb nicht allein darin, neue Anwendungen zu entwickeln, sondern zunächst darin, vorhandene Informationen konsistent zusammenzuführen.
Funkwerk versteht sich dabei weniger als Anbieter eines einzelnen Produkts denn als Spezialist für die Schnittstelle zwischen komplexen Bahnsystemen und verständlicher Fahrgastinformation. Gegenüber großen Technologiekonzernen wie Siemens oder Hitachi, die unter anderem umfassende Systeme für den Bahnbetrieb entwickeln, setzt das Unternehmen auf eine stärkere Spezialisierung. Herr Christian Ringler beschreibt den eigenen Ansatz als Übersetzungsleistung: Die Systeme der Bahn liefern Daten, Funkwerk bereitet diese so auf, dass daraus für den Reisenden eine verständliche Anzeige, eine Ansage oder künftig auch ein Dialog mit einem digitalen Assistenten wird. Die heutige Funkwerk Mobility Solutions GmbH bündelt diesen Geschäftsbereich seit Juni 2026 als eigenständige Gesellschaft innerhalb der Funkwerk-Gruppe. Zu ihr gehören unter anderem die Standorte Karlsfeld, Wackersdorf, Berlin, Dresden und Neu-Ulm.
Auf der InnoTrans, der internationalen Leitmesse für Verkehrstechnik, war diese Entwicklung besonders sichtbar. Die Messe rückte 2026 künstliche Intelligenz und digitale Vernetzung stärker in den Mittelpunkt. Funkwerk präsentierte in Berlin unter dem Leitgedanken „The Intelligent Backbone of Mobility“ unter anderem eine Mobility Platform, KI-gestützte Prozesse, neue Anzeigetechnologien und einen interaktiven KI-Avatar für die Fahrgastkommunikation.
Dabei bleibt Herr Christian Ringler zurückhaltend gegenüber der Vorstellung, künstliche Intelligenz werde den Menschen im Bahnverkehr kurzfristig ersetzen. Vielmehr sieht er KI zunächst als Unterstützung. Auf Seiten der Betreiber könnten Systeme künftig Informationen schneller aufbereiten und bestimmte Arbeitsprozesse vereinfachen. Auf Seiten der Fahrgäste könnte künstliche Intelligenz eine neue Form der Kommunikation ermöglichen. Statt Informationen auf mehreren Anzeigen, Apps oder Webseiten suchen zu müssen, könnte der Reisende unmittelbar fragen, wann der nächste Zug fährt, welche Verbindung verfügbar ist oder ob es eine Störung gibt. Funkwerk zeigte auf der InnoTrans einen KI-Avatar, der über die Mobility Platform unter anderem Informationen zu Abfahrten, Verbindungen und Umstiegen bereitstellen kann.
Noch wichtiger ist für Herrn Christian Ringler jedoch die Frage, an welcher Stelle KI tatsächlich einen praktischen Nutzen erzeugt. Nicht jede Anwendung müsse künstlich intelligent werden, nur weil die Technologie verfügbar sei. Diese Zurückhaltung entspricht auch dem Ansatz, den Herr Christian Ringler bereits vor der Messe formuliert hatte: KI solle vor allem Komplexität reduzieren, wiederkehrende Aufgaben automatisieren und die Bedienung von Software vereinfachen.
Ein Beispiel dafür ist der interne Service. Funkwerk stellte auf der InnoTrans ein KI-gestütztes Supportportal mit der Assistentin SUSI vor. Das System nimmt Störungsmeldungen entgegen, fragt gezielt nach fehlenden Informationen und kann bei typischen Fehlerbildern Lösungsvorschläge liefern. Damit soll der Weg von einer Störungsmeldung zu einer verwertbaren technischen Information verkürzt werden.
Die eigentliche Herausforderung der kommenden Jahre sieht Herr Christian Ringler allerdings weniger in einzelnen KI-Anwendungen als in der Vernetzung. Ein moderner Bahnhof ist ein Zusammenspiel vieler Systeme: Zugdaten, Leitstellen, Anzeigen, Lautsprecher, Apps, digitale Plattformen und weitere Informationsquellen müssen miteinander kommunizieren. Je mehr dieser Komponenten digital miteinander verbunden werden, desto wichtiger werden einheitliche Datenstrukturen und verlässliche Schnittstellen. Aus Sicht des Fahrgastes sollte die dahinterliegende Komplexität möglichst unsichtbar bleiben. Er will nicht wissen, aus welcher Datenbank die Information stammt. Er will wissen, ob sein Zug fährt.
Diese Entwicklung macht auch internationale Märkte für Funkwerk interessant. Das Unternehmen arbeitet nach eigenen Angaben bereits international und sieht weiteres Potenzial insbesondere dort, wo der Ausbau digitaler Infrastruktur und moderner Fahrgastinformation noch nicht abgeschlossen ist. Ringler verwies im Gespräch unter anderem auf Osteuropa. Gleichzeitig bleibe die enge Zusammenarbeit mit den Kunden ein wesentlicher Bestandteil der Produktentwicklung. Viele Lösungen würden gemeinsam mit Verkehrsunternehmen entwickelt und an deren konkrete Anforderungen angepasst.
Damit verbunden ist ein Spannungsfeld zwischen Standardisierung und Individualisierung. Ein vollständig individuelles System für jeden Kunden wäre technisch und wirtschaftlich kaum sinnvoll. Funkwerk arbeitet deshalb mit festen technologischen Leitplanken, innerhalb derer unterschiedliche Anforderungen umgesetzt werden können. Gerade bei Fahrgastinformation ist diese Balance entscheidend: Ein Verkehrsunternehmen benötigt möglicherweise andere Anzeigen, Layouts oder Datenquellen als ein anderes, während die zugrunde liegenden Systeme trotzdem zuverlässig miteinander arbeiten müssen.
Mit der zunehmenden Vernetzung wächst zugleich die Bedeutung der Cybersicherheit. Die europäische Cyberresilienz-Verordnung setzt für Produkte mit digitalen Elementen neue Anforderungen an Sicherheit, Schwachstellenmanagement und Meldepflichten. Die Verordnung gilt grundsätzlich ab Dezember 2027, einzelne Bestimmungen gelten bereits seit Juni beziehungsweise September 2026. Für Unternehmen, deren Systeme in kritischen Mobilitätsinfrastrukturen eingesetzt werden, wird damit die Sicherheit über den gesamten Lebenszyklus digitaler Produkte zu einem noch wichtigeren Thema.
Für Herrn Christian Ringler gehört Cybersicherheit deshalb nicht an das Ende einer Entwicklung, sondern in das Gesamtsystem. Je stärker Anzeigen, Beschallung, Softwareplattformen und Datenquellen miteinander verbunden werden, desto größer wird die Verantwortung, diese Verbindungen abzusichern. Gleichzeitig müsse die Technik für den Reisenden möglichst einfach bleiben. Das war eine der wiederkehrenden Beobachtungen des Funkwerk-Geschäftsführers auf der InnoTrans: Die Digitalisierung dürfe nicht dazu führen, dass die Reise komplizierter werde. Im Gegenteil. Der Fahrgast wolle möglichst unkompliziert von A nach B gelangen und dabei verlässliche Informationen erhalten.
Genau darin liegt die vielleicht unspektakulärste, aber für den Alltag wichtigste Seite der Digitalisierung im Bahnverkehr. Der technische Fortschritt zeigt sich nicht unbedingt darin, dass am Bahnsteig immer mehr Bildschirme stehen oder ein Avatar mit den Reisenden spricht. Er zeigt sich dann, wenn die richtige Information zur richtigen Zeit auf dem richtigen Kanal erscheint. Auf der InnoTrans 2026 diskutierten Lydia Ritter vom Stylemagazine Berlin und Herrn Christian Ringler Managing Director Funkwerk Mobility Solutions GmbH deshalb letztlich über eine Frage, die weit über einzelne Produkte hinausgeht: Wie lässt sich die zunehmende technische Komplexität des Bahnverkehrs so organisieren, dass die Reise für den Menschen einfacher wird? Die Antwort liegt weniger in einer einzelnen neuen Technologie als in der zuverlässigen Verbindung von Daten, Systemen und Menschen.
