Germany, Berlin, 2026/04/14 (Photo by ©2026 Jule Halsinger) Berliner Stiftungen e.V. Berliner Stiftungsrede

Verantwortung für die Zukunft: Norbert Lammert eröffnet die Berliner Stiftungswoche

Mit einer Rede, die weniger auf tagespolitische Zuspitzung als auf grundsätzliche Orientierung zielte, ist die diesjährige Berliner Stiftungswoche im Festsaal des Rotes Rathaus eröffnet worden. Der ehemalige Bundestagspräsident Norbert Lammert, eingeladen als Stiftungsredner 2026, sprach vor einem Publikum aus Politik, Zivilgesellschaft und Stiftungswesen über Verantwortung, Zukunftsbilder und die Rolle demokratischer Institutionen in einer Zeit wachsender Unsicherheit.

Die sogenannte Berliner Stiftungsrede markiert traditionell den Auftakt der inzwischen zum 17. Mal ausgerichteten Berliner Stiftungswoche, die sich in diesem Jahr über elf Tage erstreckt. Unter dem Leitthema „Warum die Zukunft uns braucht“ versammeln sich Stiftungen, Initiativen und Organisationen, um ihre Arbeit sichtbar zu machen und gesellschaftliche Debatten anzustoßen.

Lammert, der über Jahre hinweg die parlamentarische Kultur der Bundesrepublik geprägt hat, knüpfte in seiner Rede an diese Leitfrage an, indem er den Begriff der Zukunft von seiner häufigen Abstraktheit löste. Zukunft, so seine zentrale These, sei kein fernes Versprechen, sondern das Resultat gegenwärtiger Entscheidungen. In einer Gegenwart, die von politischen Verwerfungen, technologischen Umbrüchen und gesellschaftlicher Fragmentierung geprägt ist, komme den Institutionen der Demokratie eine stabilisierende Funktion zu. Sie seien nicht nur Verfahren, sondern Ausdruck eines gemeinsamen Verständnisses von Verantwortung.

Bemerkenswert war dabei die Nüchternheit, mit der Lammert vor falschen Gewissheiten warnte. Die Vorstellung, bestehende Verhältnisse ließen sich unverändert fortschreiben, bezeichnete er als realitätsfern. Damit griff er eine Einsicht auf, die auch dem thematischen Rahmen der Stiftungswoche zugrunde liegt: Wandel ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel, und er verlangt nach aktiver Gestaltung.

Die Berliner Stiftungswoche versteht sich seit jeher als Plattform für diese Form der Gestaltung. Ihr Programm reicht von Diskussionen und Workshops bis zu kulturellen Formaten und verfolgt das Ziel, bürgerschaftliches Engagement in seiner ganzen Breite sichtbar zu machen. Gerade in einer Stadt wie Berlin, in der die Dichte an Stiftungen und zivilgesellschaftlichen Akteuren besonders hoch ist, fungiert die Woche als eine Art Schaufenster kollektiver Verantwortung.

Der Auftakt im Roten Rathaus setzte hierfür einen bewusst gesetzten Akzent. Er verzichtete auf Inszenierung zugunsten argumentativer Klarheit und stellte die Frage nach der Zukunft nicht als abstraktes Leitmotiv, sondern als konkrete Handlungsaufforderung. Dass diese Aufforderung ausgerechnet von einem Vertreter der politischen Institutionen formuliert wurde, verweist auf eine Verschiebung, die sich seit Jahren abzeichnet: Die Grenzen zwischen staatlicher Verantwortung und zivilgesellschaftlichem Engagement werden durchlässiger.

So blieb am Ende weniger ein programmatischer Appell als ein analytischer Befund. Die Zukunft, so ließe sich Lammerts Position zusammenfassen, entsteht nicht aus Prognosen, sondern aus Entscheidungen. Und diese Entscheidungen, das zeigte der Auftakt der Stiftungswoche, werden längst nicht mehr allein in Parlamenten getroffen, sondern ebenso in Stiftungen, Initiativen und der organisierten Zivilgesellschaft.

Fotografin Jule Halsinger im Auftrag von Berliner Stiftungen e.V.

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