Vor zwei Jahren wurde der Grundstein gelegt, nun sind die ersten Gebäude im Rohbau vollendet. Mit dem Richtfest für das Atriumgebäude und das rund 60 Meter hohe Hochhaus erreicht das Großprojekt Siemensstadt Square im Berliner Westen eine neue Etappe. Doch das Bauvorhaben in Spandau ist weit mehr als die Errichtung eines neuen Unternehmensstandorts. Es steht exemplarisch für den Versuch, Industriepolitik, Wohnungsbau, Forschung und Stadtentwicklung miteinander zu verbinden und damit Antworten auf einige der drängendsten Herausforderungen Berlins zu geben.

Im Mittelpunkt der überarbeiteten Planung steht ein deutlich vergrößertes Wohnungsangebot. Der neue Rahmenplan sieht künftig rund 3.750 Wohnungen vor und damit etwa 1.000 mehr als ursprünglich geplant. Zugleich wurde der Anteil klassischer Büroflächen reduziert. Diese Anpassung spiegelt die veränderten Anforderungen des Immobilienmarktes ebenso wider wie den politischen Druck, in Berlin zusätzlichen Wohnraum zu schaffen. Der Berliner Senat hatte den neuen Rahmenplan bereits im Frühjahr beschlossen und dabei die stärkere Gewichtung von Wohnen sowie den Erhalt industrieller Flächen als zentrale Ziele definiert.

Für Berlins Regierenden Bürgermeister Kai Wegner ist das Projekt deshalb weit mehr als ein Bauvorhaben eines internationalen Technologiekonzerns. Bei der Richtfestfeier sprach er von einem neuen Kapitel der Berliner Industriegeschichte. Siemensstadt Square verbinde moderne Industrie, Forschung, Innovation und Wohnen zu einem neuen Stadtquartier. Zugleich hob Wegner hervor, dass die intensive Zusammenarbeit zwischen Siemens, dem Land Berlin und dem Bezirk Spandau entscheidend dafür gewesen sei, den überarbeiteten Rahmenplan zügig umzusetzen. Mehrfach betonte er, dass Berlin nur dann international wettbewerbsfähig bleibe, wenn Zukunftsorte dieser Größenordnung konsequent entwickelt würden.

Auch innerhalb des Unternehmens wird das Projekt als langfristige Investition in den Industriestandort Deutschland verstanden. Veronika Bienert, Finanzvorständin der Siemens AG, verwies darauf, dass die ersten Neubauten sowohl im vorgesehenen Zeitplan als auch innerhalb des Investitionsrahmens voranschreiten. Das Quartier solle bewusst als offener Campus entstehen, der wirtschaftliche Leistungsfähigkeit mit hoher Aufenthaltsqualität verbinde. Siemens versteht Siemensstadt Square dabei nicht nur als neuen Unternehmensstandort, sondern als Plattform für Kooperationen zwischen Industrie, Wissenschaft und jungen Technologieunternehmen.

Diese Öffnung gehört zu den zentralen Elementen des Konzepts. Im Atriumgebäude soll Anfang 2027 der Berliner Hauptsitz von Siemens einziehen. Das Hochhaus soll Anfang 2028 Mitarbeiter der Bereiche Digital Industries, Smart Infrastructure und Siemens Mobility zusammenführen. Gleichzeitig sollen Start-ups, Forschungseinrichtungen und externe Unternehmen den Innovationscampus nutzen können. Schwerpunkte bilden industrielle Software, Künstliche Intelligenz, Automatisierung, intelligente Infrastruktur und Mobilität. Ziel ist ein Innovationsökosystem, das industrielle Entwicklung und wissenschaftliche Forschung räumlich eng miteinander verzahnt.

Eng mit dieser Entwicklung verbunden ist die verkehrliche Anbindung des Quartiers. Parallel zum Richtfest haben die vorbereitenden Arbeiten für die Reaktivierung der historischen Siemensbahn begonnen. Die Strecke soll bis 2029 wieder in Betrieb gehen und Siemensstadt direkt mit der Berliner Ringbahn sowie dem Hauptbahnhof verbinden. Ergänzt wird die Infrastruktur durch eine neue Grundschule, deren Grundstück bereits an das Land Berlin übertragen wird. Damit entstehen nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch die sozialen Einrichtungen, die ein dauerhaft bewohntes Stadtquartier benötigt.

Besonderes Gewicht legt Siemens auf die Nachhaltigkeit des Projekts. Die Energieversorgung soll klimaneutral erfolgen. Herzstück ist ein eigenes Nahwärme- und Nahkältenetz, das Europas größten Abwasserwärmetauscher nutzt. Ergänzt wird das Konzept durch CO₂-reduzierte Baustoffe, Holz-Hybrid-Bauweisen, Gebäude nach dem KfW-40-Standard sowie eine angestrebte LEED-Platin-Zertifizierung. Angesichts zunehmender Hitzebelastungen in Großstädten verwiesen Vertreter des Unternehmens darauf, dass moderne Energie- und Kühlsysteme künftig nicht nur dem Klimaschutz, sondern auch der Anpassung an steigende Temperaturen dienen sollen.

Siemensstadt Square ist zugleich Teil der bundesweiten Initiative „Made for Germany“, in der sich mehr als 130 Unternehmen zu umfangreichen Investitionen in den Wirtschaftsstandort Deutschland verpflichtet haben. Siemens selbst bezeichnet das Quartier als seine größte Einzelinvestition in Berlin und als Bekenntnis zur industriellen Zukunft des Standorts. Ob das Projekt tatsächlich zu einem Modell für die Verbindung von Produktion, Innovation und urbanem Leben wird, dürfte sich allerdings erst in den kommenden Jahren zeigen. Mit dem Richtfest ist nun vor allem sichtbar geworden, dass aus einer lange diskutierten Vision Schritt für Schritt ein neuer Stadtteil entsteht.

Von admin